Cosi fan tutte Meiningen

Dieter David Scholz

 

 

Foto: Marie Liebing

 

Vermauerte Perspektiven

W. A. Mozart: Cosi fan tutte

Südthüringisches Staatstheater Meiningen, Premiere 17.11.2017

 

 

"Cosi fan tutte" ist ein "dramma giocoso", ein heiteres Drama. Mozart selbst nennt es in seinem Werkverzeichnis eine "Opera buffa". Inszeniert Anthony Pilavachi zieht zwar alle Register des Komischen aus dem Arsenal der Comedia dell' Arte, er geizt nicht mit komischen, ironischen, burlesken und erotischen Einfällen der Personenführung, um das Partnertausch- und Liebes-probenstück unterhaltsam abschnurren zu lassen. Aber er zeigt hinter aller Komödie doch auch sehr feinfühlig die seelische Entwicklung zweier Paare. Im Verlaufe der Wette um die Treue und der damit verbundenen Verkleidungs- und Verführungskomödie zweifeln diese vier Liebenden ja mehr und mehr an ihren Gefühlen, sie zweifeln nicht nur, sondern verzweifeln. Aus dem Spiel wird ernst. Auch wenn die Oper mit einem glücklichen Ende, einem lieto fine schliesst: Es bleiben zwei entwurzelte, sich selbst entfremdete Paare zurück. Nichts ist mehr, wird es war für sie. Liebe und Treue sind ein für alle Mal fragwürdig geworden. Am Ende erschiesst Guglielmo dennn auch den zynischen Don Alfonso, der die Wette um die Treue der Frauen (und der Männer), der das zerstörerische Experiment an vier lebenden Herzen einrührte und damit den Blick in die Abgründe des Eros freigab und ein Liebesideal zerstörte. Mit der Liebe spielt man nicht. Das ist die Botschaft dieser Inszenierung.

Das Stück spielt zu Mozarts Zeiten in Neapel. Anthony Pilavachi belässt das Stück da, wo es hingehört, in oder bei Neapel. Allerdings verlagert er sie zeitlich um etwas 20 Jahre nach vorn. Das Stück spielt nicht mehr um 1790, sondern in der Goethezeit, zur Zeit der Entstehung von Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften", in dem ja auch Partnertausch als Experiment durchexerziert wird. Christian Rinke hat ihm dafür einen zum Meer hin gelegenen Saal einer klassizistischen Villa auf die Bühne gestellt, es ist das Landhaus Don Alfonsos, bei dem seine Freunde Guglielmo und Ferrando mitsamt ihrer Angebeteten Fiordiligi und Dorabella zu Gast sind. Schleier wehen im Wind, man hört Möwenschreie und Meeresbrandung. Grosse Fenster erlauben den Blick aufs Meer. Am Ende allerdings, nach dem ernüchternden Eklat der Partner-tauschkomödie, sind die Ausblicke auf den Golf von Neapel im wahrsten Sinn des Wortes zu-gemauert. Ein sinnfälliges Bild der zerstörten Perspektiven vierer Liebender. So sinnfällig wie die ganze schöne, kluge Inszenierung.

 

"Cosi fan tutte" ist eine Ensemble-Oper. Man braucht für diese Oper sechs vorzügliche Sänger. Man hat sie in Meiningen. Obwohl quasi in letzter Minute der Tenor ausgetauscht werden musste, verfügt man über vier exquisite Interpreten der beiden Liebespaare plus quirliger Kam-merzofe und jugendlichem, etwas zu jugendlichem Philosophen. Es sind furch die Bank sehr junge, noch relativ unbekannte Sänger, die sich stimmschön ergänzen und auch schauspielerisch überzeugen. Die beiden Liebhaber der Damen werden übrigens so muselmanisch gemummt, dass man sie wirklich nicht erkennt, wenn sie überkreuz ihre Verlobten zur Untreue verführen. Auch der Chor des Meininger Staatstheaters bekommt reizvolle zusätzliche pantomimische Aufgaben neben dem Singen seiner wenigen Chornummern. Er spielt das Dienstpersonal Don Alfonsos, was Anthony Pilavachi sehr launig einstudiert hat.

 

Musikalisch ist "Cosi fan tutte" kein Leichtgewicht. Im Gegenteil, es handelt sich um eine der am schwierigsten zu realisierenden Partituren Mozarts. Mario Hartmuth hat die Oper sehr souverän, sehr flott und sehr vital dirigiert. Der Dirigent muss ja bei diesem Stück nichts weniger als den Spagat zwischen Opera buffa und fast schon romantischer Ironie, ständige Tempo- und Stim-mungswechsel zwischen Psychologie und Typenkomödie bewältigen, das ist kein leichtes Spiel. Aber der seit letzter Spielzeit neue zweite Kapellmeister am Haus, hat diese Mozartsche Feuerprobe technisch wie gestalterisch bestens bestanden. Die Meininger Hofkapelle spielt unter seiner Leitung ohne Fehl und Tadel.

 

Rezension auch in MDR Kultur, 18.11.2017