Cherubinis Medea in Erfurt

Dieter David Scholz

 

 

Foto: Lutz Edelhoff

 

Archaischer Konflikt im Grossraumbüro

Luigi Cherubinis: "Medea" am Theater Erfurt, Premiere 11.11.2017

 

 

Am ausgrabungsfreudigen Theater Erfurt ist gestern eine Oper ausgegraben worden, die seiner-zeit selbst Beethoven in höchsten Tönen pries, die dann allerdings für lange Zeit in Vergessenheit geriet, bis Maria Callas das Werk dem Vergessen entriss.Die Opern „Medea“ von Luigi Cheru-bini. 1797 wurde sie in Paris uraufgeführt. Nun kommt das Werk auch nach Erfurt in einer Insze-nierung des Hausherrn Guy Montavon. Es handelt sich um eine Koproduktion mit Nizza und Linz.

 

Medea ist die kindermordende Mutter der griechischen Antike. Ein archaischer Konflikt. Medea ist eine starke Frau, die für ihren Geliebten, Jason alles getan hat, ihr Land verraten, ihren Bru-der getötet und das goldene Vlies gestohlen. In dem Augenblick, als Jason sie um einer anderen Frau wegen verlässt, sieht sie rot und sinnt auf Rache. Es ist die denkbar grausamste Rache, die man sich vorstellen kann. Sie ermordet ihre und Jasons gemeinsame Kinder. Ein atavististischer, ein vorzivilisatorischer Akt von Grausamkeit, der sich nur schwer vermitteln lässt ins Hier und Heute. Guy Montavon ist auf den Einfall gekommen, diesen archaischen Konflikt als Exempel einer mütterlichen Revolte gegen die an Mütter herangetragenen Erwartungen, als Exempel auch des uralten und immer aktuellen Geschlechterkampfs zu inszenieren. Deshalb verlegt er die Handlung vom antiken Griechenland in ein modernes Grossraumbüro, vielleicht ist es eine Bör-se, die Wall Street? Er verlegt die Handlung also ins Zentrum einer Welt, in der es nur um Geld und Macht und Big Business geht. Gerade dort entfaltet das Abscheu und zugleich Mitleid er-regende Fanal des Flammentodes der Kindermörderin, der Frau, die sich ihrer vom Mann dik-tierten Rolle demonstrativ grauenhaft entzieht, eine gesteigerte Theatralik und Wirkung, weil diese antike Grausamkeit in der modernen Welt um so unfassbarer ist.

Die Oper existiert in mehreren Fassungen. Ursprünglich ist das dreiaktige Stück als Opéra co-mique auf die Bühne gekommen, also mit gesprochenen Dialogen, dann hat Franz Lach-mann in Deutschland die Sprechtexte in Rezitative umgewandelt. In dieser Rezitativfassung ist das Werk dann mehrfach gespielt worden. Für die Übersetzung ins Italienisch hat Luigi Arditi die Rezi-tative eingerichtet. Das war die Fassung, die Maria Callas sang und damit das Stück quasi wie-derentdeckte für das 20. Jahrhundert. In Erfurt ist man jetzt allerdings wieder zur französischen Urfassung mit gesprochenen Dialogen (die ins Deutsche übersetzt wurden) zurückgekehrt, sie ist 2008 in einer mustergültigen, kritischen Neuausgabe erschienen. Das ist ehrenwert, aber ein internationales Sängerensemble tut sich sehr schwer, ins Deutsche übersetzte Dialoge glaubwür-dig und verständlich zu sprechen. Das hat sich leider auch in Erfurt bestätigt.

 

Maria Callas war es, die das Stück in den 1950er Jahren wiederentdeckte und in Florenz, Rom, Venedig und London modellhaft verkörperte. Ilja Papandreu ist zwar keine Callas, wie auch, aber sie ist dennoch ein Glücksfall für diese Produktion. Sie hat lange dem Ensemble des Thea-ters Erfurt angehört und ist als Medea zurückgekehrt an diese Bühne, auf der sie schon früher starke Eindrücke hinterliess. Ihre Medea ist fulminant, sängerisch und darstellerisch. Auch die Sprechtexte bewältigt sie als einzige tadellos und anrührend. Sängerisch ist das Ensemble insgesamt rollendeckend, der ukrainusche Tenor Eduard Martynyuk ist allerdings Geschmacks-sache, er setzt vor allem auf Kraft. Das ist zu wenig für diese Partie.

 

Musikalisch ist Cherubinis „Medea“ ein Werk des Noch nicht und des Nicht mehr, eine monu-mentale, zukunftsweisende, aber in ihrer quer zur Zeit stehenden Machart auch verstörende Oper. Samuel Bächli hat sie in Erfurt einstudiert. Er ist ja in Erfurt seit Langem der Mann fürs Schwie-rige. Auch in diesem Fall bestätigt er seine aussergewöhnlichen kapellmeisterlichen Qualitäten. Mit grosser stilistischer Einfühlung, mit Temperament und Sinn für grosse Wirkung einer doch weitgehend ungehörten Musik bewältigt er dieses unvergleichliche Werk, das schon den Zeit-genossen Cherubinis ungeheuerlich war. Von heute aus betrachtet ist das eine Musik zwischen Mozart, Gluck und Beethoven. Aber Cherubini geht weit darüber hinaus. Er stösst bereits das Tor zur Romantik auf. Eine für unsere Ohren ungewohnte, starke Musik, die einen starken Dirigenten verlangt. Den hat man in Samuel Bächli. Bächli gelingt mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt eine geradezu elektrisierende Reanimierung dieser Musik der französischen Revolu-tionszeit, die allerdings weit entfernt ist vom vorherrschenden Optimismus der meisten Revo-lutionsopern, sondern Untergang predigt, und eben dadurch so modern ist.

 

Rezension auch in MDR Kultur, 12.11.2017