Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny Gera

Dieter David Scholz

 

 

Foto: Sabina Sabovic Foto: Dieter David Scholz

 

Triumph des Primitiven, opernhaft!

 

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Oper in drei Akten von Kurt Weill und Bert Brecht

Premiere 3.03. 2017 Bühnen der Stadt Gera

 

Im schönen, alten Theater in Gera wurde die 1930 uraufgeführte Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ herausgebracht. Der Inhalt der Oper: Whisky, Sex und Anarchie beherrschen das in der Wüste von Alabama geschaffene Städtchen Mahagonny, in dem drei geflohene Gefängnisinsassen unter Leitung der zynischen und skrupellosen Witwe Begbick eine Utopiastadt gegründet haben, ein Spießerparadies, in dem alles zu haben ist – gegen Geld.

Eine antikapitalistische Parabel per excellence! Bert Brecht hat die Texte geschriebe, Kurt Weill die Musik. Ein bitterböses Stück, das in seiner Gesellschaftskritik kein Blatt vor den Mund nimmt. Es ist eine der unerschrockensten antikapitalistischen Parabeln des Musik-theaters. Nach wie vor ist sie aktuell. Blickt man in die USA, wo das Stück ja spielt, könnte man sagen, dass sie vielleicht aktueller denn je ist.

 

Regisseur Roland Schwab hat zwar in einem Interview im Programmheft betont, dass das Stück zu 90 % auf die jetzige Situation von Amerika und seinen Potus, wie er sich ausdrückte, gemeint ist wohl der Präsident, übertragen werden könne, aber Roland Schwab zeigt dann doch nur im Niemandsland eine ziemlich rüde, proletarische selbstgerechte, dumpfbackige Rüpel- Gesellschaft von Punks, Rockern und Grufties. Etwas unpassend, denn eigentlich waren diese nonkonformistischen Jugendkulturen der 70er und 80er Jahre alles andere als Mahagonny-Leute, sondern sie rebellierten gegen Spießer- und Wohlstandsgesellschaft. Also weder Amerika, noch das Hier und Heute werden zum Thema der Inszenierung gemacht. Wohl aber klagt Schwab in seiner aufwendigen Inszenierung die Verrohung von Umgangsformen, die Preisgabe des Humanen, den Triumph des Geldes und der primitiven Instinkte an: das Fressen, den Liebesakt und das Boxen, um die Brechtschen Vokabeln aus dem Libretto zu zitieren.

 

Christl Wein hat Schwab einen Kreis aus Metallrosten über den hochgefahrenen Orchester-graben gebaut, mit Laufstegen weit in den Zuschauerraum hinein. Das Orchester sitzt erhöht auf der Hinterbühne. Und dieser Höllenkreis, aus dem es ohne Unterlass dampft und raucht, ist so etwas wie ein Teufelsloch, eine Cloaca maxima, ein starkes Sinnbild einer Stadt im letzten Stadium des Verdauungsaktes. Müll ist überall, und es wird fortwährend mehr Müll in dieses Loch und auf die Bühne geworfen. Roland Schwab führt ein Close-Up auf die Verwerflichkeit der menschlichen Existenz als Ekel-Voyeurismus vor. Er prangert die Verkommenheit einer Spaß- und Konsumgesellschaft an, deren einziger Wert und Gott das Geld ist. Schwab will paradehaft die Haifschmentalität einer dekadenten spätkapitalistischen Gesellschaft im Verwesungszustand zeigen. Aber sein übertriebenes Aktions- und Schrei-Theater - immer wieder wird mit Megaphon gebrüllt und kommt die Trillerpfeife zum Einsatz, zu schweigen von Kettensägen - sein Theater ist zu plakativ, zu holzhammerhaft, zu übertrieben, zu bemüht auch in der Nachahmung von Proletentum, Verruchtheit und Vulgarität, als dass es überzeugt. Opernsänger und –Sängerinnen tun sich ja ohnehin oft schwer, jenseits von Klischees überzeugend ordinär und lasziv zu sein. Das können Schauspieler meist besser.

 

Zum Ensemble? Ich finde es im Großen und Ganzen nicht überzeugend, weil es im Prinzip Oper singt, übrigens in einigen Fällen absolut wortunverständlich. Aber Brecht-Weill-Gesang geht nun mal vom Wort aus. Jedes Wort muss verstanden werden. Nur Schöngesang und Stimmprotzerei sind da Fehl am Platz. Es sei daran erinnert, dass kein Geringerer als der berühmte Theatermann Caspar Neher nach der skandalösen Leipziger Uraufführung das Stück 1931 im intimen Berliner Theater am Kurfürstendamm herausgebracht hat, mit einem kleinen Orchester und mit singenden Schauspielern, mit der Kabarettistin Trude Hesterberg als Witwe Begbick und Lotte Lenya als Jenny. Es gibt Tondokumente, auf denen man sich das anhören kann. Aber von solch subtiler, charaktervoller und intelligenter Brecht-Weil-Interpretation ist die Aufführung in Gera weit entfernt.

 

Der junge japanische Pianist und Dirigent Takahiro Nagasaki, seit der Spielzeit 2009/2010 Repetitor mit Dirigierverpflichtung am Haus, hat die musikalische Leitung. Ich muss sagen, ich habe mich sehr gelangweilt bei seiner Weill-Lesart. Von wenigen effektvollen Nummern abgesehen, wo er mal etwas aus sich herausging und aufdrehte, war das doch über weite Teile des langen Abends recht dröge, überwiegend brav und akkurat uninspiriert. Ohne Schmiss, ohne Angriffslust, ohne Bissigkeit und Frechheit, was ja wesentlich zu dieser Musik gehört und sie eigentlich erst beglaubigt. Der Funke hat einfach nicht gezündet in Gera! Schade.

 

 

Rezension auch in MDR Kultur