Lohengrin Magdeburg 2014

Dieter David Scholz

 

 

Musikalisch fulminantes, regielich archaisch-futuristisches Märchen

 

R. Wagner: Lohengrin, Theater Magdeburg, Premiere 18.09.2014

 

 

Wagners „Lohengrin“ ist ein Werk des Nicht mehr und Noch nicht, des Unverein-baren von Märchen und Wirklichkeit, Wunderbarem und Realem. Damit tun sich viele Regisseure schwer. Regisseur Andreas Basler hat diesen Kernkonflikt der Unvereinbarkeit von Wunder und Realität, die Tragik der Begegnung eines gewisser-maßen Außerirdischen mit einer lrdischen in ein modernes Bild übersetzt Der Büh-nenbildner Harald Thor hat ihm einen sehr beeindruckenden Rundbau, eine Rotunde auf die Bühne gestellt, mit einer Galerie, auf der der Chor wie in der griechischen Tragödie singen darf. Der Plafond des Rundbau hat eine runde Öffnung. Auf der Drehbühne gibt ein architektonisches Halbrund, das nach Drehung immer neue, überraschende Tableaus zeigt. Auch lebende Bilder. Der Raum ist sehr suggestiv, er ist auf der Grenze zwischen Konkretion und Abstraktion. Er hat etwas Archaisches und zugleich Futuristisches. Und Lohengrin fällt nun wie ein Spacy Cowboy durch das oben offene Loch dieses Qııasi-Pantheons in diese Welt Elsas hinein. Eine riesige Kugel senkt sich herab. Lohengrin im Raumfahreranzug entsteigt dieser Kugel. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Mit der Kugel als Symbol des Mär-chenhaften spielt der Regisseur Andreas Baesler immer wieder, ebenso wie er Federn als Symbol irdischer, menschlicher Fragilität einsetzt. Elsas totgeglaubter Bruder Gottfried tritt als ihr halbgefiedereter Animus auf... Das hat etwas Poeti-sches. Wie überhaupt die Inszenierung in ihrer fast rituellen Statuarik und sänger-freundlichen Unaufgeregtheit alle Hektik und übertriebenen Aktionismus vermeidet und auf die Musik du auf optische Bezauberung setzt und mit mystischen, surrealen, ja sogar spirituellen Momnten spielt. Aber auh mit em licht kann Andreas Baesler, der mit dieser Inszenierung seinen Einstand in Magdeburg gibt, zaubern.

 

Nun hat man in dem Stück immer eine gewisse Glorifızierung eines autoritären politischen Systems gesehen, und nach Hitler finden viele die Worte König Hein-richs deutschtümelnd und quasi chauvinistisch. Man hat dazu Stellung bezogen in der lnszenierung, denn der Raum, in dem man spielt, der hat ja neben seiner fast sakralen Archaik auch etwas Beklemmendes, man könnte ihn auch als Führer-hauptquartier König Heinrichs deuten, bei dessen Auftritt werden sogar per Over-headprojektor vom Heerrufer Lagepläne, Luftaufnahmen von Kriegsschauplätzen (ich nehme an des zweiten Weltkriegs) auf die Wand projiziert. Ich finde das zwar etwas platt draufgesetzt. Aber es macht deutlich, hier geht's auch um Krieg, auch um Deutschland. Entsprechende Zitate aus dem Libretto sind dann auch auf dem inneren Halbrund zu lesen. Und auch die Kostüme von Tanja Hofmann haben in ihrer Mischung aus archaischer Ursprünglichkeit und Andeutungen von deutschem Mittelalter etwas Beklemmendes. Im Chor wagt sie sogar unangenehme Assozia-tionen, die an Faschis-tisches denken lassen. Aber wie gesagt, das ist nur eine Ebene der lnszenierung. Als Ganzes ist sie doch eine sehr einleuchtende, in ein futuristisch-antik wirkendes Bild übersetzte Märchenerzählung von Zweien, die sich nach bedingungsloser Liebe ohne alles Fragen sehnen und daran scheitern. Selten übrigens hat man die Beziehung zwischen Elsa und dem Ritter aus Glanz und Wonne so erotisch, so sinnlich gesehen auf der Bühne, wie in Magdeburg.

 

Die Oper Lohengrin steht und fällt mit der Besetzung und der Interpretation der Titelpartie. Die war in Magdeburg sehr glaubwürdig besetzt, denn Coby Welch von der Deutschen Oper am Rhein ist ein strahlender, ein kraftvoller Heldentenor, der nicht mit seiner Stimme protzt, sondern es wagt, bis an den Rand des Flüsterns zu singen, was natürlich auch dem Umstand zu verdanken ist, dass der Dirigent so dirigiert, dass nicht geschrienen werden muss. Ganz im Sinne Wagners. Auch die Elsa, Elizabeth Llewellyn, singt ganz betörend eine, ich möchte fast sagen som-nambule, schwarze Venus. Sie ist einmal nicht die passive Frau, die sie in so vielen Inszenierungen zu sein hat. Auch Undine Dreißig als Elsas intrigante Gegenspielerin Ortrud ist eine starke Sängerschauspielerin, die als zauberische Friesenfiirstin ihren Mann, den schwachen Friedrich von Telramund (der sehr kultiviert von Roland Fenes gesungen wird, in die Tasche steckt. Dieser Lohengrin ist ein Stück über starke Frauen! Auch alle anderen Partien sind sehr glaubwürdig besetzt. Und der Opernchor des Magdeburger Theaters, der verstärkt wird von Mitgliedern der Magdeburger Singakademie, singt tadellos.

 

Mit dem Lohengrin hat Wagner eine letzte Romantische Oper geschrieben, aber doch schon unüberhörbar den Weg in Richtung Musikdraına beschritten. Auch musika-lisch also ein Werk de nicht mehr und noch nicht! Kein leichtes Unterfangen fiir den Dirigenten. In Magdeburg hat man den jungen, schweizerischen Gastdirigenten Titus Engel verpflichtet, der zuletzt mit der Uraufführungen von „Brokeback Mountain“ am Teatro Real in Madrid Aufsehen erregte. Einer der aufstrebenden, der vielsei-tigsten Dirigenten seiner Generation, er ist Jahrgang 1975, vertraut mit alter wie neuer Musik. Sein Lohengrin-Dirigat ist außerordentlich faszinierend und intelli-gentes Lohengrin-Dirigat. Ich saß drei Akte auf der Stuhlkante, gebannt von dem, was da an aus dem Or- chestergraben kam. So transparent, unpathetisch, elegant, leicht, durchhörbar, filigran, modern. So hört man den „Lohengrin“ selten. Dabei so straff in den Tempi, so gut organisiert, die Bläser hat er geradezu als Raummusik zwischen Hinterbühne, Bühne und Zuschauerraum aufführen lasen, die Magde-burger Philharmonie spielen außerordentlich klangschön und sängerfreundlich. Ich wage zu behaupten, Titus Engel ist derzeit der einzige Dirigent neben Hartmut Haen-chen, der sich dafür zu interessieren und zu wissen scheint, was Wagner vorschweb-te, wie er aufgeführt werden wollte und wie nicht. Wagner hat dazu ja viel ge-schrieben. Aber die meisten Dirigenten ignorieren das. Nicht Titus Engel! Schon deshalb sollte man diesen Lohengrin in Magdeburg unbedingt gehört haben! Titus Engel ist ein Glücksfall von Wagner-dirigent. Und an dieser Stelle man muss man der Generalintendantin Karen Stone ein Kompliment machen. Es ist mir geradezu ein Bedürfnis: Auch mit dieser Produktion hat sie wieder einmal unter Beweis gestellt, und ich habe ja einige Produktionen dort gesehen, dass sie heute das beste Musiktheater im Lande Sachsen-Anhalt führt.

 

 

Beitrag auch in MDR Figaro, 22.09.2014

 

 

 

 

Photos: Theater Magdeburg

(Alfredo Mena / Nilz Böhme)