Zimmermann: Giacomo Meyerbeer

Dieter David Scholz

 

 

Giacomo Meyerbeer

Eine Biographie nach Dokumenten von Reiner Zimmermann

Parthas Verlag, 360 S., DM 29,80

 

Giacomo Meyerbeer gehört zu denjenigen Komponisten, deren Rehabilitation längst überfällig ist. Immer noch hat es sein Werk auf den Bühnen des In- und Auslandes schwer. Das nationalsozialistische Verdikt von der Ächtung der Musik Meyerbeers greift bis heute. Und es fehlt nach wie vor an profunder Meyerbeer-Literatur. Einzige Ausnahme: Der Leipziger Musikwissenschaftler Reiner Zimmermann hat 1991 beim Henschel Verlag eine vielbeachtete, allerdings in kurzer Zeit vergriffene Meyerbeer-Biographie herausgebracht. 1998 wurde sie erstmals aktualisiert. In diesem Meyerbeerjahr ist sie nun erneut überarbeitet auf den Buchmarkt gekommen.

 

 

Der effektvolle Krönungsmarsch aus Meyerbeers Oper „Le Prophète“ hat sich als Konzertstück bis heute erhalten. Doch die hochpolitische Oper, die vor falschen Propheten warnt, ist von den Spielplänen so gut wie verschwunden. In Wien dauerte es tatsächlich 62 Jahre nach der letzten Meyerbeer-Inszenierung des einstigen Erfolgsstücks am Haus, bis es 1998 wieder auf die Bühne kam.

 

Der „Fall Meyerbeer“ ist einzigartig in der Musikgeschichte. Der Vollender der Grand Opéra war zu seinen Lebzeiten und ein gutes halbes Jahrhundert darüber hinaus der am meisten gefeierte und aufgeführte Komponist. Aber er war aber auch der am gründlichsten verkannte, ja, verdammte Opernkomponist, seit Richard Wagner in die Welt posaunte, er halte Meyerbeer keiner echten Kunst für fähig. Robert Schumann schimpfte ihn einen Stil-Eklektiker von höchster Nichtoriginalität. Die Nationalsozialisten konnten daran anknüpfen. Seit Hitlers Machtergreifung wurde der jüdische Komponist dem Vergessen anheimgegeben. Zurecht fordert Reiner Zimmermann: „Es ist an der Zeit, von der Wiederholung altbekannter Vorurteile zur sachlichen Diskussion überzugehen, wie sie nunmehr anhand der erschlossenen Dokumente – Briefe, Tagebücher und Noten-Autografen sowie neuer textkritischer Ausgaben – möglich ist.“

 

Meyerbeer war ein kosmopolitisch wie menschlich weitsichtiger „Weltbürger der Musik“, der in seinen Opern heikle politische Themen und Sujets auf die Opernbühne brachte, und das in einer Musiksprache, die die Klaviatur der Stile und Zeiten souverän beherrschte. Dieses Verdienst haben eigentlich erst Heinz und Gudrun Becker, die Pioniere unter den modernen Meyerbeer-Forschern, 1991 gewürdigt – im Rahmen einer vielbeachteten Ausstellung in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten. Auch Reiner Zimmermann macht in seinem 1991 in erster Auflage erschienenen Buch deutlich: Meyerbeers Grand Opéra war nicht nur Amüsement des Pariser Großbürgertums. Sie war ein Stück Aufklärung von der Opernbühne herab. Ob mit den „Huge-notten“, in denen die Greuel der Bartholomäusnacht angeprangert werden, dem schon erwähnten „Propheten“, in dem die Unmensch-lichkeit der Wiedertäuferbewegung entlarvt wird oder in der „Afrikanerin“, in der westliche Zivilisationsüberheblichkeit und menschenverachtender Kolonialismus verurteilt werden.

 

Im Spätsommer 1791, daran erinnert Reiner Zimmermann schon zu Beginn seines ersten Kapitels, wurde die Deklaration der Menschenrechte durch die französische Nationalversammlung formuliert. Mozart schrieb in Wien an der Partitur seiner Zauberflöte. Die Worte: »Er ist Prinz? Noch mehr – er ist Mensch!« ließ er unvertont; sie sollten deutlich gesprochen und verstanden werden. In Paris brachte der Opernkomponist Grétry den Schweizer Freiheitshelden Guillaume Tell auf die Bühne. In Berlin träumte Alexander von Humboldt vom ungebundenen Leben weit weg von der Zivilisation. In diese Zeit hinein wurde Giacomo Meyerbeer am 5. September geboren." Derlei „Verortung“ Meyerbeers ist Programm für Zimmermanns biographische Vorgehensweise.

 

Mit großer Akribie hat der Autor das Meyerbeer-Archiv der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin ausgewertet, das erst seit 1987 in den Besitz auch der Dokumente des Briefnachlasses Meyerbeers gelangte. Der gesamte Nachlass Meyerbeers ist leider 1944, in ein schlesisches Kloster ausgelagert worden und gilt seither als verschollen. Doch was an Material und an Quellen vorliegt, in Paris vor allem, wo bis heute die meisten Meyerbeer-Dokumente lagern, aber auch in Berlin, – all das hat Reiner Zimmermann gewissenhaft ausgewertet. Er hat Leben, Werk und Wirkung des – man darf wohl sagen – letzten und vollendetsten Repräsentanten der großen historischen Oper klar, anschaulich-konkret und lebensnah, aber auch theoretisch fundiert dargestellt. Und er hat politische Zeit- wie Musikgeschichte gleichermaßen im Blick.

 

Zimmermann hat sich dem heiklen "Fall Meyerbeer" in denkbar größter Sachlichkeit genähert, insbesondere was das Thema des so perfiden wie wirkungsmächtgen Antise-mitismus betrifft. Er behandelt die ambivalenten Querbeziehungen zwischen Wagner und Meyerbeer mit angemessener Differenziertheit – immerhin war der junge Wagner im Gegensatz zum späteren noch Meyerbeer-Bewunderer.

 

Erfreulicherweise sind im letzten Jahrzehnt nicht nur an mehreren Orten Europas Opern von Meyerbeer ausgegraben und aufgeführt worden, auch eine Reihe von Meyerbeer-Spezialisten haben auf mehreren Tagungen neue Einsichten gewonnen, die das Bild des Komponisten und seines Zeitalters vertiefen halfen. All das ist in die Neuauflage von Zimmermanns Buch eingegangen. Vor allem die Erkenntnisse der Edition der Tagebücher und Briefe durch Sabine Henze-Döhring, die 2006 abgeschlossen wurde.

 

Werk- und Literaturverzeichnis, Bildmaterial und Personenregister verleihen diesem – in gediegener Qualität gebundenen – Buch beste Chancen, seinen Ruf als Referenzbiographie, den es bisher beanspruchen durfte, auch weiterhin zu halten. Denn es ist im Gegensatz zur schmaleren Meyerbeer-Biograhie, die Sabine Henze-Döhring und Sieghart Döhring soeben zum 150. Todestag des Komponisten auf den Markt gebracht haben, keine erzählerische, sondern eine umfassende, hieb- und stichfeste Biographie – nach Dokumenten auf dem neuesten Stand der Forschung.

 

 

Rezension für SWR Cluster, 2. April 2014