Volker Hagedorn. Bachs Welt

Dieter David Scholz

 

 

Auf der Suche nach Bach

 

Pünktlich zum diesjährigen Bachfest Leipzig ist Volker Hagedorns Publikation mit dem Titel „Bachs Welt“ erschienen. Der Titel ist sehr global. Aber der Untertitel „Die Familiengeschichte eines Genies“, schränkt ein, führt aber auf eine falsche Fährte, denn das Buch ist weit mehr als nur eine Familiengeschichte der Bachs. Die hat vor drei Jahren schon Klaus-Rüdiger Mai mit seinem unter dem Titel „Die Bachs. Eine deutsche Familie“ veröffentlichten Buch geschrieben, das war eine linear und chronologisch fortschreibende Familiensaga, die vom Urvater der Bachs, dem Pressburger Bäckermeister Veit, der nach Thüringen auswanderte, bis zu den heute noch lebenden Nachkommen der Bach-Dynastie reicht. Volker Hagedorn geht einen ganz anderen Weg und er schlägt einen noch viel größeren Bogen.

 

 

Hagedorns Buch gelingt eindrucksvoll der Spagat von einst zu heute, von Bachs Welt, also der historischen Welt der Familie Bach zu der heutigen einschließlich der heutigen Auseinandersetzung mit Bach. „Bach und die Folgen“ könnte der Untertitel des Buches auch lauten oder „Auf der Suche nach Bach“, denn Hagedorn kämpft sich nicht nur durch den Dschungel der Bachliteratur und der Bacharchive, er macht sich auch auf zu den heute noch existierenden Orten, an denen Johann Sebastian und die anderen Bachs gelebt und gewirkt haben. Das Buch ist also eine Spurensuche. Anhand der Leuchtspuren und akribisch recherchierter Aktennotizen in Kirchen- und Stadtarchiven rekonstruiert Hagedorn kenntnisreich, anschaulich und sehr farbig die Bachische Familiengeschichtliche. Und das vor dem Hintergrund von Zeit- wie Sittengeschichte, aber immer als Rückgriff aus der Sicht von Heute und mit Blick auf die bis heute anhaltenden Auseinandersetzung mit Bach und seiner Musik. Was das Buch besonders sympathisch macht, ist die Tatsache, dass der Autor immer wieder eingesteht: Hier wissen wir eigentlich nichts Genaues, da schweigen die Quellen. Er schmiert die biografischen Lücken aber nicht mit erzählerischem Kitt zu, sondern hält sich an die Fakten .

 

 

Und doch erfährt man sehr viel in diesem Buch, denn es gelingt Hagedorn, Musik und Realität zusam-men zu bringen, Geschichte und Gegenwart, Gesellschaft und Kunst. Hagedorn erzählt mit flüssiger Schreibe Stadtgeschichtliches über die sogenannten Bachorte, ob Weimar oder Eisenach, Suhl oder Arnstadt, Ohrdruf oder Wechmar, wo Urvater Bach alias Veit seinen Bäckerladen hatte. Er erinnert aber auch, um bei letztgenanntem Beispiel zu bleiben, über die Geschichte des Umgangs mit so einer bis heute existierende Attraktion des Ortes, das Stammhaus der Bachs, in verschiedenen politischen Systemen. Die Bachrezeption zu DDR-Zeiten, aber auch der weltweite Umgang mit Bach, Luther und die Reformation, Barock und Romantik, zeitgenössische Komponisten und einzelne, repräsentative Werke sind Themen des Buches, das aber erfreulicherweise nicht musikologisch gelehrt daherkommt. Es richtet sich an ein breites Publikum. Im Plauderton geschrieben, geben acht Kapitel (Ankunft, Krieg, Aufstieg, Hochzeit, Pest, Vater, Aufbruch und Odyssee) nach kurzweiliger Lektüre den Blick frei auf den prominentesten Komponisten dieser über Jahrhunderte reichenden Familien-dynastie. Dabei erfährt man Interessantes über die hohe Kindersterblichkeit im Barockzeitalter, überhaupt über den Umgang mit dem alltäglichen Tod, über die Rolle des Todes in Musik und Literatur, aber auch über alltägliche Sitten und Traditionen wie Ess-und Trinkkultur des Barock. Das Buch ist mit geistreichen, literarischen Hinweisen und Anspielungen gespickt. Es berichtet auch von der Unzulänglichkeit mancher Mitarbeiter in Stadtarchiven, von der Schwierigkeit historischer Aufführungspraxis, über Besuche bei Bachnachfahren, etwa beim kauzigen Elmar von Kolson, direktem Nachfahren Johann Sebastians in siebter Generation, und über Nutzen und Grenzen der Suche nach Informationen über Bach in digitalen Suchmaschinen.

 

Das Buch hat einen weiten Horizont hat. Und es liest sich wie ein Schmöker. Im Schlusskapitel präsentiert Volker Hagedorn dem Leser noch einen wahren Forschungskrimi, der im Bombenhagel Berlins 1943 beginnt und an dessen Ende, ein halbes Jahrhundert später, in der Ukraine das verschwundene, legendäre „Altbachische Archiv“ auftaucht, eine bedeutende Notensammlung von Kompositionen der verschiedenen Bach-Familienmitglieder neben und vor Johann Sebastian. Hagedorn beschriebt so detailreich wie keiner vor ihm, wie es 2001 nach aberwitzigen politischen und logistischen Schwierigkeiten und natürlich mithilfe von viel Geld zurückgeführt werden konnte an seinen Eigentümer, die Berliner Singakademie. Damit schließt sich der Kreis, der bei Bachs eigenhändig verfasster Familien-genealogie von 1735 seinen Ausgang nahm. Ein faszinierendes, ein unbedingt empfehlenswertes Buch, für alle Bachianer oder solche, die es werden wollen.

 

 

Beitrag dazu auch in MDR-Kultur