Uwe Schweikert. Erfahrungsraum Oper

Dieter David Scholz

 

 

Eindringliches Bekenntnisbuch

 

Uwe Schweikert ist seit Jahrzehnten zweifellos eine der gewichtigsten Stimmen in der Musik- und Opernkritik im deutschsprachigen Raum. Mit 77 hat er nun so etwas wie ein rückblickendes Bekenntnisbuch vorgelegt, in dem sich, dem zitierten Paul Bekker entsprechend, „die verschlungenen Wege des eigenen Erlebens“ widerspie-geln, die „sich im Nachhinein zu einem stimmigen Bild zusammenfügen – jenem Grundklang der eigenen Natur, der uns nach Paul Bekkers Überzeugung immer wieder den gleichen Grundton, nur entsprechend den Anlässen in verschiedenarti-gen Schattierungen hören lassen wird.“ – Was Bekker 1921 in seinen „Kritischen Zeitbildern“ über sich selbst schrieb, „dass der Kritiker nicht Rezensions-automat ist, vielmehr innerlich erlebender, von seinen Erlebnissen getriebener, an ihnen wachsender Mensch“, reklamiert Schweikert auch für sich. Die Auswahl von 23 Essays und Aufsätzen der letzten zwei Jahrzehnte, die er - sortiert nach „Porträts“, „Perspektiven“ und „Lektüren“ - belegt Bekkers Maxime: „Erlebnis aber sucht nach Erkenntnis.“ Schweikert widmet sich zentralen Komponisten wie populären Schlachtrössern des Repertoires, Sein besonderes Interesse gilt allerdings „den vernachlässigten Randfiguren und den übersehenen, jedenfalls in ihrer Bedeu-tung verkannten und entsprechend selten gespielten Werken“. Sein Sammelband setzt zwei Schwerpunkte, die „Auseinandersetzung mit der in Deutschland noch immer (zu) wenig bekannten französischen Oper von Rameau bis Poulenc und Donizetti, „dessen Spätwerk aber bereits ausformuliert, was man gemeinhin als Errungenschaf-ten dem jungen Verdi zuschreibt.“ Da Schweikert Verdi 2013 bereits einen eigenen Sammelband gewidmet hatte („Das Wahre erfinden. Verdis Musik-theater“), finden sich im vorliegenden Band nur zwei Verdi-Beiträge aus jüngerer Zeit, einer über „Un ballo in maschera“, ein anderer über den „Falstaff“. „Flaschen-post in die Zu-kunft“ nennt Schweikert diesen Essay, der erstmals im Jahrbuch der Zft. Opernwelt 2013 erschien. In ihm verrät er auf die ihm eigene intelligent-geistreiche Art, „was Verdis ‚Falstaff‘ mit Wagner zu tun hat“. Einer der lesens-wertesten Aufsätze des Sammelbandes, dessen erkenntnisreiche wie unterhaltsam geschriebene Beiträge ihre Entstehung nicht verleugnen. Schweikert gesteht: „Manches an Fakten und Argumentation wiederholt sich.“ Aber wer hat schon seine vielen verstreuten Publi-kationen gelesen. In seinem jüngsten Sammelband, der gewissenhaft die Drucknach-weise der Texte verzeichnet und sogar ein kostenloses eBook enthält, sind wesent-liche, hochinteressante Arbeiten gebündelt, die einen weiten Bogen vom Barock bis zur Moderne spannen. Sie werfen neues Licht auf die historische, musikalisch-dra-maturgische und wirkungsgeschichtliche Bedeutung bekannter (Mozart, Puccini, Wagner, Gluck) wie weniger bekannter Komponisten (Berlioz, Rimsky-Korsakow, Janá?ek, Massenet) im „Erfahrungsraum Oper“.

 

Rezension auch in „Das Orchester“