Udo Bermbach. Richard Wagners Weg zur Lebensreform

Dieter David Scholz

 

 

Die Wagnervereinnahmung der Lebensreformer

 

Udo Bermbach: Richard Wagners Weg zur Lebensreform

Königshausen & Neumann, Würzburg 2018

 

 

Der Pianist, Wagnerfreund und leidenschaftliche Bayreuthianer, Karl Klindworth lebte mit seiner Frau und der Adoptivtochter Winifred Williams in der 1893 in der Nähe von Berlin gegründeten Obstbaukolonie Eden, der ersten deutschen Landkommune. Es war ein Paradies national und völkisch gesinnter Menschen.

 

Klindworths Adoptivkind Winifred wurde später durch ihre Heirat mit dem Wagnersohn Sieg-fried zur Festspielleiterin und „Herrin des Hügels“ nach Siegfrieds Tod. Der familiäre Zusam-menhang zwischen dem Haus Wagner und der sogenannten Lebensreformbewegung, die nicht nur, aber auch von Eden ausging und als Gegenbewegung zur modernen Industrialisierung eine gesellschaftliche wie moralische Regeneration der Menschheit und ihrer Lebensweise anstrebte, kommt nicht von ungefähr.

 

Udo Bermbach belegt in seiner brillianten Studie (es ist wohl seine letzte Arbeit zu Wagner) durch den Vergleich von Wagners Spätschriften, den sogenannten Regenerationsschriften mit dem Gedankengut der Propheten der Lebensreformbewegung, Karl Wilhelm Diefenbach, Hugo Höppner alias Fidus und Gusto Gräser, dass dieser Zusammenhang kein Zufall ist. Es gibt durchaus einen gedanklichen Zusammenhang zwischen Wagner, Bayreuth und der Le-bensreformbewegung, deren Ziele sich weitgehend mit Wagners Regenerationsideen decken: Einspruch gegen Vivisektion, Plädoyer für Vegetarismus und Antialkoholismus, Reflexion über Klima und die schädlichen Folgen der modernen Industrialisierung auf die menschliche Natur, Kultur und moderne Lebensformen. Die Bewegung, die sich auf Rousseaus Motto „Zurück zur Natur“ berief, hatte nicht nur in Eden, sondern auch, wie Bermbach darstellt, an Orten wie der Mathildenhöhe Darmstadt, der Dresdner Künstlerkolonie Hellerau, dem Monte Verità am Lago Maggiore und der Kunststätte Bossrad südlich von Hamburg ihre geistigen Zentren und architektonischen Symbole geschaffen, durchaus mit erkennbaren Wagnerbezug.

 

Wagners Beiträge zur gesellschaftlich-politischen Debatte seiner Zeit (seine politischen, mora-lischen und lebenspraktische Überzeugungen unterlagen allerdings beträchtlichen Schwan-kungen und waren für ihn keineswegs unumstößlich), in der er Fehlentwicklungen des moder-nen Lebens konstatierte, die korrigiert werden müssten, mündeten ein in den breiten Strom der Lebensreformbewegung, gefördert von den Bayreuthern nach Wagners Tod, vor allem von dem fanatischen britischen Wagnerianer Houston Stewart Chamberlain, der 1908 Wagners Tochter Eva heiratete und damit Zugang zum innersten Bayreuther Zirkel hatte, aber auch Hans von Wolzogen, der sechzig Jahre lang (1878-1938) Redakteur der Bayreuther Blätter war und einer der engsten Vertrauten Cosima Wagners war. Sie alle standen der Lebensreformbe-wegung nahe, wie Bermbach dokumentiert. Seine profunde Arbeit belegt „ein typisches Mus-ter des Einflusses und der Empathie der Reformer zu Wagner, seinem Werk und Denken.“ Die Publikation schließt eine Lücke der Wagnerforschung, die diesen Zusammenhang bisher nicht thematisierte. Wieder ein anschaffenswertes, hochinteressantes Buch des (kritischen) Wagnerkenners Udo Bermbach.

 

Besprechung auch in "Das Orchester" (Schott)