Tarnow - Ginastera und das Eldorado der Musik

Dieter David Scholz

 

 

Panorama eines zu entdeckenden Eldorados der Musik

 

Es ist eine sinnliche, durchaus gewaltsame Musik, die Alberto Ginastera geschrieben hat, so gewaltsam wie die christlichen Eroberer Südamerikas waren, wie Volker Tarnow schon zu Beginn seines Buches betont. „Argentinien ist Amerikas europäischstes Land.“ Tarnow beschreibt ausführlich den Verlust der von den Eroberern zerstörten Kultur der Ureinwohner Lateinamerikas. Ginastera sei der erste Komponist gewesen, so liest man, dem die Frage nach den Ursprüngen seines Landes unter den Nägeln gebrannt habe, und der dennoch etwas eigenständig Gegenwärtiges, Neues geschaffen habe, das sich von den musikalischen Traditionen der Einwanderer verabschiedete.

 

„Ab 1920 galten die Werke von Debussy, Ravel, Honegger und des in Paris zu Weltruhm gekommenen Strawinsky als Maßstab, als Nonplusultra moderner Musik. Auch für den jungen Ginastera. Für Argentinien bedeutete die Dominanz französischer Musik allerdings einen Traditionsbruch. Zuvor hatten in der Oper italienischer Belcanto und in den übrigen Gattungen spanischer Einfluss vorgeherrscht… die kolonialen Salons der Provinzstädte unterhielten ihre Besucher mit Jotas, Boleros und Fandangos. Und in den Vororten setzten fahrende Sänger, Payadores genannt, die Tradition der altiberischen Trovadores fort, an ihrer Seite immer einen Spanierin, die Gitarre.“

 

Zwei genuine Stile habe Argentinien im 20. Jahrhundert hervorgebracht, so schreibt Tarnow: einen kollektiven, den Tango, und einen individuellen, den von Alberto Ginastera. Die latein-amerikanische Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts kennt keinen zweiten Komponisten mit ähnlich breit gefächertem Oeuvre. Es reicht von Klavier-und Orgelmusik bis zu Orchester-werken mit exorbitanter Schlagzeugbesetzung und zur Oper. Ginastera war der erste argen-tinische Komponist, dessen Werke die Wiener, Berliner und New Yorker Philharmoniker spielten.

 

 

Mit Folklore hat Alberto Ginastera, der in europäischen Konzertsälen nach wie vor nur sehr selten gespielt wird, nichts zu schaffen, eher tritt die Musik des 1916 in Buenos Aires geborenen Komponisten in die Fußstapfen Alban Bergs und Igor Strawinskys. Auch Anklänge an den US-amerikanischen Komponisten Aaron Copland meint man zu hören. Bei Copland hat Ginastera zeitweise studiert, ihm hat er frühe Förderung zu verdanken. Auch der Bekanntschaft mit Erich Kleiber und Fritz Busch, die vor den Nazis geflohen und nach Argentinien ausge-wandert waren, hatte Ginastera außerordentlich viel zu verdanken, wie Volker Tarnow schreibt. Ginastera hat nicht wie manche seiner lateinamerikanischen Kollegen in Paris studiert, sondern am Konservatorium in Buenos Aires, dem er selbst später viele Jahre lang als Lehrender angehörte. Aber er hat in seiner dreißigjährigen Karriere als einflussreicher Pädagoge an den renommiertesten Institutionen des Landes immer den Blick über dessen Grenzen hinaus gerichtet. Als er ab 1963 mit dem Geld der Rockefeller Foundation das lateinamerikanische Zentrum für höhere musikalische Studien gründete, lud er namhafte europäische Komponisten als Dozenten ein, um Studenten aus Lateinamerika die Möglichkeit zu geben, ohne nach Europa fahren zu müssen, die modernsten Kompositionsverfahren kennenzulernen.

 

Auch wenn Alberto Ginastera in vielen seiner Kompositionen der Landschaft seines Vaterlands alle Ehre erwies und nicht ohne Grund bis heute als bedeutendster Komponist Argentiniens gilt, hat er sich stets der nationalen Vereinnahmung widersetzt. Bei aller Liebe zu Argentinien verstand er sich doch als Kosmopolit. Und seine Werke sind keine „selbstgefälligen, inhaltsleeren Versuchsanordnungen“ wie Tarnow betont:

 

„Sie teilen etwas mit, oft genug etwas aus dem keineswegs unkomplizierten Leben ihres Urhebers. In dieser Tendenz berührte sich Ginastera mit einigen der größten modernen Komponisten, am stärksten mit seinen generationsgenossen Henri Dutilleux und Witold Lutoslawski. Sie zählten auch zu den Kollegen, die er am meisten bewunderte. Ähnlich verhielt es sich mit den einige Jahre älteren Luigi Dallapiccola und Olivier Messiaen. Von den jüngeren Komponisten fanden Nono, Boulez und Stockhausen – die heilige Dreieinigkeit der Neuen Musik – sein besonderes Interesse, ohne dass eine besondere Nähe der ästhetischen Positionen bestanden hätte.“

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert verbrachte Alberto Ginastera in Argentinien, bevor er die Cellistin Aurora Nátola heiratet. Dann verließ er seine Heimat und zog zu ihr nach Genf, wo er bis zu seinem Tod 1983 lebte. Volker Tarnow beschreibt, dass Ginastera bei aller Verbundenheit mit der heimatlichen Scholle zeitlebens besessen war vom Reisefieber. Seine vielen Auslands-aufenthalte in Nordamerika und Europa, seine Freundschaften mit berühmten Kollegen, seine Konzerttourneen und Erstaufführungen werden ausführlich dargestellt. Zum Politikum geriet die durch den argentinischen Junta-General Onganía verbotene Uraufführung der Oper „Bomarzo“, die sich mit dem gleichnamigen Renaissance-Fürsten und seinem manieristischen Park der Monster nördlich von Rom auseinandersetzt. Das eindrucksvolle Werk wurde schließlich mit großem Erfolg in Washington uraufgeführt und ist auf Schallplatte dokumentiert.

 

„Bomarzo kreist um Sex, Gewalt und Tod, schreckt auch nicht vor Szenen mit homoerotischer Liebe und Prostitution zurück, was dazu führt, dass die für 1967 geplanten Aufführungen am Teatro Colón verboten wurden. Es ist eine der berüchtigtsten Zensurmaßnahmen der Opernwelt, vergleichbar mit dem Verbot von Bartóks Der wunderbare Mandarin durch den Kölner Oberbürgermeister Adenauer 1926 oder Stalins Attacke gegen Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk 1936.“

 

Nicht nur in seinen Opern lautete das künstlerische Credo Alberto Ginasteras, Geschichte mit Zeitgenössischem zu verbinden, das alte Lateinamerika mit dem neuen Europa. Entsprechend breit war auch das Repertoire seiner kompositorischen Techniken, die (ähnlich wie bei Béla Bartók) in freier Tonalität traditionelle Rhythmen mit der Harmonik moderner klassischer Musik verschmolz, sich zu keiner Schule bekannte und weit entfernt war von allem modischen Zeitgeist, was seiner Musik weitestgehende Verständlichkeit beim breiten Publikum sicherte. Das Paradebeispiel ist seine Vertonung des Schöpfungs-Mythos der Mayas, des „Popol Vuh“.

 

Volker Tarnows Buch, das im Boosey & Hawkes Verlag erschienen ist, der auch die Noten der Werke Ginasteras verlegt, ist nicht nur die erste deutschsprachige, Biographie und Werkdar-stellung Ginasteras, es ist auch eine kleine Geschichte der argentinischen Kultur und Musik an sich. Tarnow breitet sie im Zusammenhang von Leben, Werk und politischen Zeitumständen des Komponisten als Panorama eines betroffen machenden Verlusts vor dem Leser aus. Das Buch ist leicht lesbar und mit seinen fast vierhundert Anmerkungen und Quellennachweisen, einer Zeittafel, ausführlichem Namens- und vollständigem Werkregister nicht nur nützlich: Es macht neugierig auf die Musik Ginasteras und animiert den Leser geradezu, die Schätze zu entdecken, „die wertvoller sind als alles Inka-Gold, jenes Eldorado der Musik Alberto Ginasteras“.

 

Rezension auch im DLF (Musikjournal)