T Haberfeld O G Bauer Wieland Wagner

Dieter David Scholz

 

 

Konkurrenzlose Darstellung der Theaterarbeit Wieland Wagners

 

Wieland Wagner. Revolutionär und Visionär des Theaters

Von Till Haberfeld und Oswald Georg Bauer

Deutscher Kunstverlag 2017, 312 S., 68,00 EURO

 

 

Am fünften Januar dieses Jahres gedachte die Welt des 100. Geburtstages des Regis-seurs und Bühnenbildners Wieland Wagner, eines Enkels von Richard Wagner. Er schuf nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen modellhaften Inszenierungen eine neue Art von Wagnertheater, das, was man später „Neubayreuther Stil“ nannte. Aus diesem Anlass haben Till Haberfeld und Oswald Georg Bauer im Deutschen Kunstverlag eine umfas-sende Bild- und Textdokumentation seines künstlerischen Schaffens herausgebracht. Das Buch wird am 25.07.2017 in Bayreuth vorgestellt, zum Auftakt der Bayreuther Festspiele.

 

Im Februar 1936 begann Wieland Wagners Theaterkarriere. Er war 19 Jahre alt und hatte das Bühnenbild für eine Neuinszenierung der Oper „Der Bärenhäuter“ seines Vaters Siegfried in Lübeck entworfen. Es war der Beginn seiner 30-jährigen Theater-laufbahn als Bühnenbildner und Regisseur, die ihn über Antwerpen, Köln, Nürnberg, schließlich nach Bayreuth führte, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit seinem Bruder Wolfgang die durchs Dritte Reich arg diskreditierten Bayreuther Fest-spiele wieder eröffnete , leitete und auf eine neue Grundlage stellte. Er war nichts weniger als ein szenischer Revolutionär und Visionär, wie der wohl dienstälteste Wagnerkenner und Bayreuth-Experte Oswald Georg Bauer und sein Herausgeber Till Haberfeld, der ehemalige Ehemann der Wagnersängerin Gwyneth Jones und Freund Wieland Wagners, in ihrem Buch dokumentieren.

 

Am 30. Juli 1951 hob sich zum ersten Mal seit 1944 der Vorhang zu einer Premiere der Bayreuther Festspiele. Man eröffnete mit „Parsifal“. Hans Knappertsbusch debütierte am Bayreuther Pult. Der Wagner-Enkel Wieland war für Regie und Bühnenbild verant-wortlich. Man spielte auf nahezu leerer Bühne, fast ohne Requisiten und ohne jeden Bezug zu historischer Realität. Es muss damals für die Konservativen unter den Wag-nerianern eine Welt zusammengebrochen sein. Und doch war dieser „Parsifal“ der Auftakt einer neuen Epoche der Bayreuther Festspiele: „Neubay-reuth“ war geboren. Wieland Wagners Theaterarbeit beruhte auf den Prinzipien: Deu-ten, Klären, Sichten und Sichtbarmachung tieferer Strukturen jenseits der Szenen-anweisungen. Er schuf ein neuartiges Inszenierungsmodell zwischen Mythos und Moderne, Griechentum und Psychoanalyse, Brecht und Aischylos, zwischen Natura-lismus und Spiritualismus, Konkretheit und Abstraktion. In schwindelerregendem Produktionszwang entwickelte Wieland eine Inszenierung nach der anderen, nicht nur in Bayreuth, sondern auch in Paris, Brüssel, Wien, Stuttgart und anderswo. Er floh gern aus Bayreuth, das ihn erdrückte. Daher erweiterte er sein Wagnerrepertoire um Bizets „Carmen“, Aida« und »Otello« von Verdi, »Salome« und »Elektra« von Richard Strauß, und um »Lulu« und »Wozzeck« von Alban Berg. All diese Inszenierungen werden in Bauers und Haberfelds Buch dokumentiert.

 

 

Wieland Wagner inszenierte meist auf einer kreisförmigen Spielfläche, einer „Welten-scheibe“, sie wurde ironisch gern „Wielands Kochplatte genannt. Auf dieser, das Universum symbolisierenden Bühne kreierte er tiefenpsychologisch-abstrakte Insze-nierungen, deren Körpersprache auf dem Ausdruckstanz des Impressionismus aufbaute und archetypische Körperhaltungen benutzte, um aus dem Zeit-Raum-Kontinuum herauszutreten und für den dionysischen Untergrund des Wagnerschen Theaters adä-quate Ausdrucksformen zu gewinnen. Dabei knüpfte Wieland nicht nur an die Kunst Pablo Picassos, Piet Mondrians und Henry Moores an, sondern auch an die Tradition des Brechtschen Anti-Illusionismus. Bildnerisch knüpfte er an die Kunst Pablo Picassos, Piet Mondrians und Henry Moores an, was dem bürgerlichen Publikum der Adenauer- und Wirtschaftswunderzeit der Bundesrepublik zuweilen heftig missfiel. Mit überwäl-tigenden, teilweise nie publizierten Bühnenphotos in bester Qualität belegen die Autoren des Buches, den außergewöhnlichen Rang Wieland Wagners als Regisseur, den auch Martha Mödl, eine seiner Protagonistinnen im Neubayreuth der Fünzigerjahre nur bestätigt: „Er war ein guter Regisseur! Ein ausgesprochen guter. Ich habe von ihm gelernt, dass man etwas darstellen kann ohne irgendein Brimborium um sich herum, dass eine einzige Haltung eine ganze Figur ausdrücken kann.“ (Martha Mödl)

 

Neubayreuth“ wurde in der Ära Wieland Wagners, die mit seinem Tod 1966 endete, die führende Wagnerbühne der Welt und wurde zum immer wieder nachgeahmten Modell neuen, von der vorbelasteten Tradition abweichenden szenischen Herangehens an Wagner. „Ich habe mich entschieden, dass wir grundsätzlich so frei wie möglich ar-beiten müssen. Die Vorschriften Richard Wagners sind für die Kulissenbühne, die sind für das Gaslicht und für die gemalte Hängedekoration. Wir haben inzwischen die Licht-orgel, wir sind andere Menschen, und wir haben Kriege durchgemacht!“ (Wieland Wagner)

 

 

„Heute, da die Phase des »realistischen Musiktheaters « zu Ende geht, seine Möglich-keiten ausgereizt sind und die Zeit einen neuen Stil erfordert“, so schreibt Oswald Georg Bauer, „sollte Wieland als Orientierung wieder ins Blickfeld rücken“, sein ink-ommensurables, solitäres Werk, das Werk eines Regisseurs und Bühnenbildners, der Theatergeschichte geschrieben hat. Der Künstler Wieland kommt in Bauers Buch zu seinem Recht.

 

Nicht zur Sprache kommt in diesem Buch der schwierige, verschlossene Mensch, seine asymmetrische Ehe mit seiner Choreographin Gertrud Reissinger, sein jahrelanges Lie-besverhältnis mit der Sängerin Anja Silja, das das private Bayreuth der Wagnerfamilie erschütterte, aber auch sein politischer Opportunismus, er war Hätschelkind des Füh-rers, wurde von ihm auf die Gottbegnadetenliste gesetzt und zum künftigen Leiter der Festspiele auserkoren, schließlich war Wieland Wagner einige Jahre Leiter des Außen-lagers des KZ Flossenbürg. Auch erfährt man bei Bauer nicht, dass der „Obernazi von Bayreuth“ (Brigitte Hamann) sich nach 1945 an den Bodensee flüchtete, jeder Verant-wortung und strenger Entnazifizierung entzog, um am Ende alles Gewesene vergessen zu haben.

 

Nun gut: Oswald Georg Bauer wollte keine politische Biographie Wieland Wagners schreiben, sondern eine Künstlermonographie. Er zitiert darin ein Interview, in dem Wieland sagt: „Ich glaube, der Fall Bayreuths liegt anders als der aller anderen Festspiele. Grundsätzlich ist es doch so: die FestspielIdee ist von Richard Wagner geboren, und der ist das einzige dramatische Genie, was künftigen Generationen eine Werkstätte für sein eigenes Werk hinterlassen hat. Bayreuth hat diese Aufgabe mit mehr oder weniger Glück durch 80 Jahre durchgeführt, Bayreuth ist Werkstätte für das Wagnersche Werk geblieben und hat als solches Festspielrang und Weltgeltung sich errungen, das darf man, glaube ich, in aller Bescheidenheit sagen. Bayreuth wird, glaube ich, so lange leben, als es sich ganz streng auf die Aufgabe, Werkstätte zu bleiben, konzentriert.“

 

Das Wielandsche „Neubayreuth“ kam der ursprünglichen Idee von Wagners „Utopie der Alternative“ sehr nahe, indem es auf höchstem sängerischen Niveau unverwechselbar wurde und mit ganz neuen szenischen Mitteln bewies, dass Wagners Ideendramen zeitlos sind.

 

Insofern ist das Buch von Oswald Georg Bauer gerade in Zeiten, in denen Bayreuth weiter denn je von dem entfernt ist, was Richard Wagner einmal vorschwebte - ein wichtiges, ja notwendiges Buch der Erinnerung an das, was Bayreuth einmal war.

 

Im vergangenen Jahr hat der Theaterwissenschaftler Oswald Georg Bauer seine opulente zweibändige, fast 1500 Seiten dicke Geschichte der Richard Wagner-Festspiele vorgelegt, ein in Dokumentation wie Analyse weitausholendes, von den Anfängen 1883 bis ans Ende der Ära Wolfgang reichendes, konkurrenzloses Werk, in dem Wieland nur eine Episode ausmachte. Jetzt hat Bauer sie ausgeweitet und eine Lücke geschlossen, denn die beiden Bücher über Wieland Wagner von Walter Panofsky und von Walter Erich Schäfer sind längst vergriffen. Und das 2010 erschienene Wieland Wagner-Buch von Ingrid Kapsamer ist eher eine Analyse und Auswertung dessen, was es über Wieland-Wagner gibt. Eine respektgebietende Fleißarbeit gewiß. Sie hat viele bisher unausgewertete Quellen und Materialien gesammelt, Archive und Theater durchsucht und hat Gespräche, Interviews, Filme und andere Dokumente ausgewertet hat, um die bisherige Einordnung von Wieland Wagners Moderne zu korrigieren.

 

Oswald Georg Bauer und Till Haberfeld haben aber erstmals eine vollständige Foto- und Textdokumentation der Theaterarbeit Wieland Wagners vorgelegt. Sie ist kon-kurrenzlos. Alle Inszenierungen und Inszenierungskonzepte Wielands (auch seine Sängerbesetzungen) werden in Bild und Text dokumentiert. Eine respektgebietende Publikation. Sie ist äußerst leserfreundlich geschrieben und gediegen ausgestattet. Die Bebilderung ist schlichtweg atemberaubend. Das Buch dürfte ein Standardwerk werden.

 

Verschiedene Beiträge auch in MDR-Kultur & SWR 2