Strauss Handbuch (Hrsg. Walter Werbeck)

Dieter David Scholz

 

 

Alles zu Strauss

Das Richard Strauss Handbuch von Walter Werbeck setzt neue Maßstäbe

 

Richard Strauss zählt zu den bedeutendsten und beliebtesten Komponisten vor und nach 1900. Seine Opern stehen bis heute auf den Spielplänen der Musiktheater der Welt. Lange Zeit tat sich die Musikwissenschaft schwer mit Richard Strauss. Im Jubiläumsjahr 2014 ist nun – schon im Vorfeld seines 150. Geburtstages - zum ersten Mal - als Gemeinschaftsproduktion der Verlage Bärenreiter und Metzler ein im wahrsten Sinne des Wortes gewichtiges Strauss-Handbuch von immerhin 583 Seiten erschienen. 26 Musikwissenschaftler haben daran mitgearbeitet. Walter Werbeck von der Universität Greifswald hat es herausgegeben. Darauf hat man lange gewartet.

 

 

Der Band bietet ein breites Spektrum an Themen und Aspekten: WERK, WIRKUNG, LEBEN, KARRIERE, und die verschiedenen TÄTIGKEITSGEBIETE des Komponiste kommen zur Sprache. Aber auch der Privatmensch, der Geschäftsmann Strauss, sein knallhartes Verhandeln als Komponist und Dirigent mit Verlagen und Opernhäusern. Richard Strauss war ja nicht nur als Komponist, sondern auch zeitlebens als Dirigent geschätzt und beschäftigt.

 

Überhaupt: Der Familienmensch Strauss, der sein Privatleben immer wieder in seine Werke hineinnahm, sowohl Ehekonflikte als auch Selbststilisierungen, wird ausgiebig dargestellt. Auch die Rolle seiner Gattin Pauline, - die ihn immer wieder zu psychologisch soungemein subtilen Werken inspirierte - wird als "Streitobjekt wie Stabilitätsanker" im Leben des Komponisten wahrgenommen.

Strauss zeigte aller Bürgerlichkeit zum Trotz dennoch immer wieder Mut zu Neuem, musikalisch wie psychologisch. Gerade am Beispiel der „Salome“ wird in den ausführlichen Einzeldarstellungen sämtlicher Werke des Strauss-Handbuchs erläutert, welchen Tabubruch Strauss beging, als er ungeniert die Sexualiät jener männermordenden Femme fatale auf die Opernbühne brachte.

 

 

 

Strauss verkörpert das „Paradoxon eines Bürger-Künstlers“, einer vielschichtigen Persönlichkeit, die sich „weder am Spieltisch, noch im Leben in die Karten schauen“ ließ, weshalb er sich mit einer Mauer der Selbststilisierung geschützt habe. Eine dieser Selbststilisierungen findet sich in der oft zitierten Bemerkung von Strauss, er habe in der Alpensinfonie „einmal so komponieren wollen, wie die Kuh Milch gibt“. Man darf solchen selbstironischen Äußerungen allerdings nicht auf den Leim gehen. Die Autoren des Strauss Handbuchs plädieren nachhaltig dafür, dass es an der Zeit ist, sich endlich von allen Richard Strauss-Klischees zu verabschieden. Und sich von der kauzig-knorzigen, bayerisch-großbürgerlichen Schaufassade von Richard Strauss nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass es sich um einen der bedeutendsten Komponisten des Fin de Siécle und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts handelt. Zu schweigen davon, dass er bis heute ein Publikumsliebling ist.

 

 

Lange Zeit tat sich die deutsche Musikwissenschaft schwer mit Richard Strauss. Immer wieder wurde und wird Strauss mit dem Etikett „konservativer Modernist“ abgetan. Jedenfalls hierzulande. Die US-Amerikanische Strauss – Forschung ist da weit differenzierter. Strauss ist ähnlich wie Wagner ein „deutsches Missverständnis“, um diesen Nietzsche-Begriff zu verwenden. Daher kommt es, dass der Komponist hierzulande so lange ignoriert, nicht ernst genommen bzw. nur sehr polarisiert zwischen Verehrung und –Verachtung wahrgenommen wurde. Was natürlich mehr mit politischen Aspekten des Phänomens Richard Straus zu tun hat, als mit rein musikalischen.

Theodor W. Adornos einflussreicher Strauss-Essay von 1964 wird ausdrücklich hervorgehoben als Beginn einer sachlichen Ausein-andersetzung mit dem Komponisten Strauss, dem zu Unrecht immer wieder vorgeworfen wurde, er habe „die Substanz des Tonsatzes“ dem glitzernden "Gewand der klanglichen Aussenseite" geopfert und nach und nach den Kontakt zur Musik der Gegenwart verloren. Die weit ausholenden, differenzierten Einzeldarstellungen seiner Opern, Ballette, Lieder, Tondichtungen, aber auch seiner Kammermusik lassen deutlich werden, dass jeder Versuch, den Komponisten Strauss als Konservativen abzustempeln, zu kurz greift.

 

Richard Strauss war eine profilierte Künstler-Figur im Nationalsozialismus. Auch dieses Thema wird äußerst differenziert ausgebreitet in diesem ersten Strauss-Handbuch, das kein Blatt vor den Mund nimmt, alle Fakten auf den Tisch bringt, aber auch alle einseitige Polemik vermeidet. Strauss war tatsächlich zwei Jahr Präsident der Reichsmusikkammer. Daran gibt es nichts zu deuten. Aber sein beherztes Festhalten an seinem geschätzten jüdischen Librettisten Stefan Zweig hat schließlich zu seiner Entlassung aus diesem Amt geführt. Nachdem die Gestapo einen politisch nicht korrekten Brief von Strauss abgefangen hatte. In dem Brief heisst es: „Glauben Sie, dass ich jemals aus dem Gedanken, dass ich Germane (…) bin, bei irgend einer Handlung mich habe leiten lassen? Glauben Sie, dass Mozart bewußt „arisch“ komponiert hat? Für mich gibt es nur zwei Kategorien Menschen; solche, die Talent haben und solche, die keins haben“. Wieviel Talent Richard Straus hatte, mehr in in der Musik, als im Leben, das für ihn, seit Goebbels ihn seiner Antipathie versicherte, zunehmend bitter wurde, bis in seine letzten Jahre hinein, die ihn „Müd gemacht“, werden die Autoren nicht müde, zu belegen.

 

Straussens Entnazifizierungsverfahren verlief denn auch glimpflich. Er war wohl kein überzeugter Nazi, so wird es jedenfalls dargestellt. Er hat sich natürlich in seiner Eitelkeit gebauchpinsel gefühlt, und nicht gewehrt, benutzt zu werden als Aushängeschild der NAZI-Musik-propaganda. Wie man das zu bewerten hat, sei dahingestellt. Sein Nazimitläufertum – das verglichen mit dem eines Herbert von Karajan, um ein anderes prominentes Beispiel zu nennen, doch eher aufmüpfig-unzuverlässig genannt werden darf - wird als Mischung aus ehrgeizigem Opportunismus, naiver Gutgläubigkeit und politischer Künstler-Gleichgültigkeit beschrieben. Es ist und bleibt ein heikles Thema! Dem man aber nicht mit ideologisch einseitiger Attacke beikommt. Strauss (ähnlich wie Wagner) lediglich aus der Post-Holocaust-Perspektive zu beurteilen, halten die Autoren des Handbuchs für unangemessen.

 

 

Es ist große Verdienst dieses ersten deutschen Richard-Strauss-Handbuchs, endlich einen Schlußstrich zu ziehen unter die polarisierte Auseinandersetzung mit Strauss. Die Autoren plädieren mit großer Sachlichkeit und in auch für Nichtmusikologen gut lesbarer Sprache für eine Neubewertung von Richard Strauss. Wer sich ernsthaft mit Ihm, auseinandersetzen möchte, kommt an diesem Handbuch nicht vorbei, es ist Summe und Fazit der bisherigen Strauss-Forschung. Dieses Buch setzt Maßstäbe. Man darf es schon jetzt als Standardwerk zum Thema Richard Strauss bezeichnen.

 

 

 

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