Senelick. Offenbach and the Making of Modern Culture

Dieter David Scholz

 

 

Es lebe Jacques Offenbach!

 

Das letzte Buch über den noch immer weithin unterschätzten Komponisten Jacques Offenbach erschien vor 18 Jahren in französischer Sprache. Es war die Offenbach-Biographie von Jean-Claude Yon. Schon im Vorfeld des Offenbach-Jahres 2019 (in dem die Welt Offenbachs Ge-burtstag vor 200 Jahren gedenkt) hat der Harvard-Gelehrte Laurence Senelick bei Cambridge University Press ein sehr wichtiges (englisch verfasstes) Buch über den Erfinder der „Offen-bachiade“ herausgebracht, ein Buch, das seine Offenbachs enorme Wirkungsgeschichte am Beginn der Moderne in den Fokus nimmt.

Der Titel: „Jacques Offenbach and the Making of Modern Culture“.

Jacques Offenbach eröffnete am 29. Dezember 1855 sein zweites Pariser Theater, ein ehema-liges Zauber- und Kindertheater, das er zu seinem neuen winterfesten Haus der Bouffes-Pari-siens machte. Zur Eröffnung gab es die musikalische Chinoiserie "Ba-Ta-Clan". Eine rhyth-misch mitreißende, exotisch eingefärbte Karikatur des Pariser Lebens, sicherheitshalber nach China verlegt. Aber nicht nur Napoleon wird verspottet, auch Giacomo Meyerbeer, der König der Pariser wie der Opernwelt ganz Europas. Der triumphale Siegeszug der Chinoiserie "Ba-ta-clan" erstreckte sich von Frankreich quer durch Europa bis nach Amerika. Ein regelrechter Bataclan-Boom brach aus. Nicht nur in den Musiktheatern. Auch Amüsier-Etablissements nannten sich weltweit nach Offenbachs neuem Stück. Ein Paradebeispiel für die Kernthese des Buches von Laurence Senelick:„Seit den 1860er Jahren war Offenbach ein internationaler Hit. Er wurde überall auf der Welt gespielt (wie dieses Buch demonstrieren möchte), und er durchdrang und beeinflusste andere Kulturen in einem Ausmaß, wie es nur selten geschah.“

 

Edmond de Goncourt hat in einem seiner Journale darüber berichtet, dass sein französischer Schriftstellerkollege Alphonse Daudet einst gefordert habe, dass man einmal ein Buch über „Das Jahrhundert Offenbachs“ schreiben müsse. Laurence Senelick hat diese Herausfor-derung angenommen: „Dieses Buch bemüht sich, Daudets Anregung zu realisieren. Es ver-sucht die Wege zu verfolgen, auf welchen Offenbachs Werke seine Zeit und die auf ihn folgende Zeit weltweit beeinflussten.“

 

Ähnlich wie der chamäleongleiche Leonard Zelig in Woody Allens gleichnamigem Film überall da auftauchte, wo etwas Wichtiges geschah und mitmischte, habe Offenbach dem Reich der Kunst von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute seinen Stempel aufgedrückt, so der Grundtenor des Buches. Senelick belegt das mit vielen Beispielen aus der Theater-, Musik-, und Filmgeschichte Frankreichs, Englands, Deutschlands und Österreichs, aber auch Amerikas, Russlands und Ägyptens. „Offenbachs komische Musiktheaterwerke waren die ersten westlichen Stücke, die in Japan und Indo-China aufgeführt wurden, eines seiner Libretti war das erste, das ins Arabische übersetzt wurde, seine Musik begleitete die Krönung des Belgischen Königs und die Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.“

 

Senelick entwirft ein kulturgeschichtliches Panorama der Offenbach-Wirkungsgeschichte, das von der Wiener Offenbach-Begeisterung seiner Zeit über die legendären Produktionen von Max Reinhardt vor und Walter Felsenstein nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum gegenwär-tigen Offenbach-Festival im Château de Bruniquel in den Pyrenäen reicht. Er macht deutlich, dass Offenbach in seinen politisch-angriffslustigen wie heiter-satirischen, mythischen wie ge-genwärtigen Werken des Musiktheaters eine neue, höchst moderne Gattung erfunden hatte, die die ganze Welt infiziert habe. Offenbachs rhythmisch gepfefferte, rebellische Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten und sein parodistischer Witz machten ihn zum nie wieder erreichten Meister der musikalischen Satire. Selbst der gestrenge Philosoph Friedrich Nietzsche war begeistert: „Offenbach: Das ist französische Musik mit einem Voltaireschen Geist, frei, über-mütig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalität und ohne die Geziertheit krankhafter oder blond-wienerischer Sinnlichkeit.“

 

Es geht in Senelicks Buch nicht nur um legendäre Offenbach-Interpreten, es geht auch und insbesondere um die ungeheuren Anregungen, die Offenbach diesseits und jenseits des Atlan-tik gab, um das, was er mit seiner neuartigen musikalischen Kunstform auslöste und um sein bis heute explosiv-anspringendes wie unverbrauchtes Potential. Dabei betont der Autor aus-drücklich: "Dieses Buch ist kein Buch für Musikologen. In ihm wird Offenbachs Musik keiner wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen. Aber eine ausgedehnte Studie über Offenbach ohne musikalische Analyse ist schon deshalb gerechtfertigt, weil Offenbach ein vollendeter „homme de théâtre“ war und - anders als die meisten Komponisten - einen meta-musikalischen Anspruch hatte.“

 

Senelick weist übrigens auf ein Paradox hin, das Jacques Offenbach mit Heinrich Heine, dem anderen deutschen Exilanten in Paris teilte: „Offenbach, der Kantorensohn aus Köln, der Cellovirtuose mit dem Sauerkraut-Akzent seiner französischen Aussprache, übertraf Heine sogar darin, als Identifikationsfigur französischen Esprits betrachtet zu werden, und das, obwohl ihm gleichzeitig (er war Jude und Deutscher) misstraut wurde und man ihn mitver-antwortlich machte für die zerstörerische Unterwanderung französischer Werte.“

 

Senelicks Buch macht deutlich, welch einzigartige und bedeutende Rolle Offenbachs Werk im Vorfeld der Moderne spielte. Es ist aus leidenschaftlicher Verehrung geschrieben, warum auch nicht, aber es ist klug und wendet sich engagiert wie fundiert gegen die immer noch weit ver-breitete Verharmlosung, ja Unterschätzung Offenbachs. Schon deshalb ist es im Vorfeld des kommenden Offenbachjahrs unbedingt lesenswert. Es lebe Offenbach!

 

 

 

Besprechung auch in SWR 2