Rosendorfer Letzte Mahlzeiten

Dieter David Scholz

 

 

Meister des skurrilen Humors

Herbert Rosendorfers: „Letzte Mahlzeiten“

 

 

Der Jurist Herbert Rosendorfer, zuletzt Richter in Naumburg an der Saale, hat Zeit seines L-bens auch ein erfolgreiches schriftstellerisches Leben geführt. Er hat unzählige Romane, Erzählungen, Theaterstücke und kulturhistorische Werke veröffentlicht. Sie zeichnen sich durch große sprachliche Phantasie und skurrilen Humor aus. Soeben ist ein besonders skurriles, hintergründiges Buch von ihm erschienen, das sich mit dem juristischen Thema der Henkersmahlzeit befasst. „Letzte Mahlzeiten“ heißt es, ist im Folio Verlag erschienen, hat 133 Seiten und kostet 19, 90 Euro.

 

Mancher mag nur ein Bier haben, andere wollen gleich ein ganzes Menü als Henkersmahlzeit. Ein altes, ein makabres Thema, die letzte Mahlzeit im Leben eines Menschen vor seiner Hinrichtung. Herbert Rosendorfer, der schon immer einen ausgeprägten Sinn hatte fürs humorig Makabre und skurril Groteske, hat in seinem jüngsten Buch gleich 17 Delinquenten porträtiert, samt ihrer letzten kulinarischen Wünsche, und den Henker. Er heisst Bartholomäus Ratzenhammer, Jahrgang 1860 und stammt aus Wurmansquick. Kein Scherz:

 

Nein, nein nein, Wurmansquick gibt es wirklich. Ich war nie dort, aber es gibt den Ort wirklich, irgendwo in Niederbayern ist der Ort. (Herbert Rosendorfer)

 

Ansonsten ist alles erfunden in Herbert Rosendorfers Buch, die Familiennamen, die Lebensläufe, die Vergehen und die Henkers-mahlzeiten.

 

Ja, alles Erfindung, weil ich nicht mit Entsetzen Scherz treiben wollte.

 

Im Keller des Archivs im Amtsgericht München nimmt das Buch seinen Ausgang. Dort wird das Heft des letzten königlich bayerischen Henkers mit dem Verzeichnis seiner letzten gerichteten Delinquenten samt selbstgekochter Henkersmahlzeiten gefunden. Herr Ratzen-hammer war nämlich ursprünglich Schiffskoch. Herbert Rosendorfer nutzt diese Idee zur Entfaltung eines wahren Panoptikums der Skurrilitäten: Man liest von den Missetaten des Tierimitators Walter Micklmauser, von dem Spieler Franz Josef Stoß, der sogar den rechten Turm des Klosters Ettal verspielte, von dem Diplom-Großsprecher und Lehrstuhlinhaber für angewandte Schwadronistik, Petronius Schlotterweiß und ihren letzten kulinarischen Begehrlichkeiten. - Der eine wünscht sich Forellensülze, Wachtel im Speck-mantel und Kastanienpudding als letzte Mahlzeit, der zweite Rindswange in Rotwein und der dritte Bärlauchsuppe mit Kartoffel-Bries-Tartar. Die Erfindung solcher antiquierter Köstlichkeiten wie beispielsweise auch Apostelkuchen, Auerhahnschnitte, Kapuzi-nerstockfisch oder mit Karpfen gefüllter Hirnpofesen entspringt allerdings der Phantasie des Kochs Herbert Hintner, der in St. Micha-el-Eppan bei Bozen ein berühmtes Sternelokal betreibt. Er hat mit seinen Rezepten Herbert Rosendorfers Groteske zum praktischen Kochbuch erweitert.

 

Herbert Rosendorfer wäre nicht Herbert Rosendorfer, wenn er nicht hinter den karikaturenhaft verzerrten, kauzig-knorzigen Todge-weihten, sei es der Verpackungskünstler Jurtik Dschassakosak, sei es Ylfreda Hirschler, der Erfinderin der Mittelmajuskel – also der Unsitte, satt Arbeiter und Arbeiterinnen das Wort ArbeiterInnen zu schreiben, noch etwas versteckte.

 

Meine Arbeiten sind nie so lustig, wie man meint, ich habe einiges dahinter verborgen: Kritik am modernen Leben, an der modernen Philosophie, am Scharlatismus in der modernen Kunst.

 

Gegen fanatische Katholiken, Todbeter und Künstler wie Joseph Beuys zieht Rosendorfer gleichermaßen zu Felde. Elfriede Jelinek bekommt ihr Fett ab und Louis Trenker. Chiffriert, versteht sich.

 

Fridimund Weichnagel ist der Erfinder der Marmeladenwurst und eines braunen, süßen „Höllengesöffs“, und wird wegen versuchten Massenmordes zum Tode verurteilt.

 

Damit meine ich natürlich die Coca Cola-Gesellschaft, den Coca-Cola-Lebensstil, und natürlich auch das, was mir am American Way of Life, der auch angenehme Seiten hat, zugegeben, unangenehm ist.

 

Donuald Sneplphras ist Erfider einer Hose aus blauen, sperrholzähnlichem Stoff.

 

Ich mag Jeans nun mal nicht, diese ganze Jeanskultur. Das ist für mich eine Uniformität und ich bin allergisch gegen alle Uniformen.

 

Gegen fanatische Katholiken, Todbeter und mörderische Mönche, geschlechtsumgewandelte Künstler, die Nicht Kunst zur Kunst erklären und ewig lustige Alpenmusiker zieht Rosendorfer gleichermaßen zu Felde. Die Käs-Spatzen sind so eine jodelnde Landplage. Sie werden wegen Alpenmissbrauchs zum Tode verurteilt.

 

Da wird Schindluder mit Volkskultur getrieben, weil es sich da nicht um Musik, sondern schlichtweg Kitsch handelt.

 

Rosendorfer weiß, wovon er spricht, er hat die meiste Zeit seines 76-jährigen Lebens in München verbracht und hatte sogar einen Lehrstuhl für Bayerische Kulturgeschichte inne. Am Makabersten ist vielleicht sein Porträt von Gervasius Schlappenseich, Marktschreier und Regisseur eines mit Därmen verzierten "Parsifal" in Bayreuth. Sein Motto: „Regie ist Kampf des Regisseurs gegen das Stück“.

 

Der Herr gebe ihm ewige Ruhe, aber sein Tod ändert nichts daran, dass ich das sehr schlimm finde, was er gemacht hat, denn er gehörte wirklich zu den Theaterverhunzern!

 

Gervasius Schlappenseich wird nicht begnadigt. Im Gegensatz zum Sittenstrolch Pankraz Zanzinger und zum Heiratsschwindler Joachim Nonnhübl, der zur Strafe eine seiner Betrogenen hätte heiraten sollen. Er aber wählte lieber freiwillig lebenslängliches Zuchthaus. Eine Spitze gegen die Ehe.

 

Ja, ja, ja, eine Institution von fragwürdigem Wert.

 

Herbert Rosendorfer, mehrfach verheirateter Casanova, weiss, wovon er schreibt bzw. spricht. Er ist auch in seinem neusten Buch wieder ganz in seinem Element. Mit Jean-Paulscher Sprachvirtuosität und abgründigem Humor macht er sich über Gott und Welt, alte wie neue lustig. Es darf aufs Herzhafteste gelacht werden. Aber manchmal bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken.

 

Ich bin nämlich viel ernster, als viele meinen!

 

 

 

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