Riehle Herbert von Karajan

Dieter David Scholz

 

 

Herbert von Karajan war einer der künstlerisch herausragenden, mit mehr als 200 Millionen zu Lebzeiten verkauften Tonträgern kommerziell der erfolgreichste Dirigent aller Zeiten, eine Ikone der Klassischen Musik und Legende multimedial vermarkteter, globalisierter Musik. Und doch wird seine Karriere bis heute überschattet von seiner Nazivergangenheit. Klaus Riehle hat vor kurzem im Ibera Verlag ein Buch zum Thema herausgebracht: „Herbert von Karajan – Neueste Forschungsergebnisse zu seiner NS-Vergangenheit und der Fall Ute Heuser“.

 

Die Vergangenheit holt Herbert von Karajan ein…

 

Die Angst vor der Aufdeckung seiner Nazi-Vergangenheit hat den fast überlebensgroßen Di-rigenten Herbert von Karajan bis zu seinem Tod beherrscht. Ähnlich ging es der ebenfalls von NS-Verstrickungen nicht freien Sängerin Elisabeth Schwarzkopf, mit der Herbert von Karajan in legendären Opern- und Schallplattenproduktionen zusammenarbeitete. Ironie des Lebens, was die "Grande Dame des Deutschen Gesangs" mir einmal in einem Interview zum Fall Karajan gestand:

 

„Ein Fall, der ganz falsch immer berichtet worden ist, und den ich eigentlich nicht berichtigen will, weil er so schrecklich ist, dass ich es gar nicht veröffentlichen kann. Also das nein... ich möchte diesen Eindruck nicht so vernichten, wie er eigentlich von mir her, wenn ich in dem Fall die Wahrheit sagen würde, die Leute wenigstens zum sich Wundern bringen würde, und das will ich nicht, weil er ein so großer Musiker war“ (E. Schwarzkopf)

 

Der Fall Karajan. Ein großer Musiker war er gewiss. Aber es liegen eben sehr dunkle poli-tische Schatten auf seiner Biographie. Bereits Fred Prieberg hat in seinem 1982 erschienenen Buch "Musik im NS-Staat" erstmals die Frage aufgeworfen, die bis heute im Raum steht: Hat sich Herbert von Karajan mit den Nazis nur arrangiert oder spielte er eine aktive Rolle im Nazisystem? Die meisten Karajan-Biographien äußern sich zum Verhalten Karajans im Dritten Reich unscharf, oft ausweichend. Klaus Riehle, Jahrgang 1963 und studierter Islam-wissenschaftler, bezieht hingegen eindeutig Stellung und nimmt kein Blatt vor den Mund. In seinem neusten, mehr als 600-seitigen Buch, das auch die brisanten Ergebnisse der Nachfor-schungen des Karajan-Spezialisten Ralph Braun mit einbezieht, legt er eine so überwältigende wie verblüffende Fülle bisher unbekannter, aufschlussreicher Dokumente vor, die "Das Wunder Karajan", von dem man im Berlin der Dreißigerjahre sprach, in neuem Licht erschei-nen lassen. Riehle zitiert ein Interview Karajans von Oliver Rathkolb, dem er einst angeblich gestand:: „ Die NSDAP-Mitgliedschaft sei für ihn wie die Mitgliedschaft beim Alpenverein gewesen, damit man billig in einer Hütte übernachten kann.

 

Sehr detailliert dokumentiert Riehle beispielsweise Karajans Verhalten gegenüber seiner unehelichen Tochter Ute Heuser in dem von ihr angestrengten Vaterschaftsprozess, in dem es Karajan gelungen ist, sich bis zu seinem Tod einem Vaterschaftstest zu entziehen. Bei Nacht und Nebel wurde er in seinem Wohnort Anif beigesetzt, nur 33 Stunden nach seinem Tod. Riehle deutet an, dass man womöglich einer gerichtlich angeordneten Entnahme von Gewebsproben zuvorkommen wollte. Karajan hatte die Mutter von Ute Heuser als Soldat unter falschem Namen – er gab sich als Herbert Höffner aus- 1943 in Treuenbritzen kennen gelernt. Seine spätere Behauptung, er sei nie bei der Wehrmacht gewesen, wird von Riehle schon durch die Zeugenaussage von Ute Heusers Mutter als Lüge entlarvt. Aber Riehle hat auch hat die Liste der Wehrmachtsgagen des Berliner Admiralspalastes 1943/44 gefunden, in der Karajan geführt wurde und präsentiert eine Reihe von Zeitzeugen die Karajan in Wehr-machtsuniform gesehen haben wollen, darunter auch die Ehefrau: „Dass Herbert von Karajan der Wehrmacht – auch wenn wohl nur für einen kürzeren Zeitraum – angehörte, bestätigen die Aussagen von Anita von Karajan.“

 

Der brisanteste Dokument, das Riehle bei Oliver Rathkolb vorfand, lässt gar eine Spionage-Tätigkeit des Stardirigenten vermuten. "In der ersten Sitzung des Allied Denazification Bureau erklärte der britische Vertreter überraschend, dass in einem erbeuteten Index Karajan als Sicherheitsdienstagent Aachen, datiert 1943, geführt worden sei."

Hat Karajan, zumal auf seinen vielen Tourneen Kollegen ausspioniert? Eindeutige Beweise liefert Riehle zwar nicht, aber seine Indizienfülle ist erdrückend. Karajans Nähe zu hohen SS-Führern und seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP sprechen für sich. Riehle betont zwar, dass Karajan wohl kein überzeugter Nazi war. Aber, und das ist nicht weniger unmoralisch, Karajan sei ein opportunistischer Mitläufer gewesen und habe jeden hochkarätigen Nazikon-takt, der ihm in seinem Karriere- und Machtstreben dienlich war, schamlos genutzt. Riehle hat Bibliotheken durchforstet und sich durch ehemalien DDR-, BRD- und österreichischen Archive gewühlt, um das nachzuweisen. Die schiere Dokumentenflut des Werkes ist beein-druckend. Karajans Kontakte zu Nazigrößen, sein Abtauchen in Italien gegen Ende des Krieges, seine Entnazifizierungslügen, all das bringt Riehle auf den Tisch.

 

"Je weiter man sich in die Materie vertieft, desto mehr dringt man in dieses fast undurchschau-bare Geflecht ein. Karajan ist sicher nicht der einzige Beelzebub, vielmehr muss man ihn als Teil des gesamten Geflechts betrachten "

 

Klaus Riehle gelingt es, das, wie er behauptet, so schamlos errichtete wie verteidigte Lügen-gebäude jener widersprüchlichen, teils falschen, teils verweigerten Aussagen Karajans gegen-über späteren Nachfragen ins Wanken, wo nicht zum Einsturz zu bringen. Wer sich ernsthaft für Herbert von Karajan interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

 

Rezensionen auch im DLF, in SWR 2, MDR Kultur und in Freie Presse