Richter: Goethe in Neapel

Dieter David Scholz

 

 

Dieter Richter - Goethe in Neapel

 

Wagenbach Verlag 2012, SALTO, 142 S., 15,90 Euro

 

Viele Bücher gibt es über Goethe in Rom. Aber in der Reihe SALTO des Wagenbach-Verlags ist jetzt von einem der führenden Neapel-Kenner, dem Literaturwissenschaftler Dieter Richter, erstmals ein Buch über "Goethe in Neapel" erschienen. Ein kleines Gespräch mit dem Autor.

 

 

Fast zwei Monate hat sich Goethe 1787 in Neapel aufgehalten. Rom war für Goethe die "Hauptstadt der Welt". Neapel nannte er "die schönste Gegend der Welt". War Rom für ihn das Zentrum seiner Italienerfahrung, so Neapel das Epizentrum, wie Dieter Richter in sei­nem Buch deutlich macht. Die Neapel-Erlebnisse Goethes hatten etwas Vulkanisches und bewirkten beinahe ein Erdbeben in Goethes Anschauungen, Empfindungen und Erfahrungen.

 

"Ja, und seltsamerweise, oder ich finde nicht seltsamerweise, hat er in Neapel den wunderbaren Satz geschrieben: `Gegen die freie Lage dieser Stadt wirkt die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde wie ein altes, übel plaziertes Kloster´. Das hören natürlich die Neapolitaner bis heute sehr gerne. In Rom wird dieser Satz weniger zitiert.

 

Nie war der Weimarer Geheime Rat, der geprägt war von aristokratischer Umgebung und protestantischem Arbeitsethos, dem derben Volksleben näher gekommen als in Neapel.

 

"Und das hängt unter anderem damit zusammen, dass er seltsamerweise Quartier bezogen hat in einer Gegend, wo normalerweise kein Fremder abgestiegen ist, nämlich am Rande des populären Hafenviertels. Das ist das eigentlich Besondere seiner Neapel-Erfahrung: Die Begegnung mit einem Volk, in dem Genuss, Lebensfreude, Sinnlichkeit eine Rolle spielt. Und deswegen sage ich in meinem Buch: So weit hat er sich nie mehr vom Codex der bürgerlichen Arbeits- und Lebensmoral entfernt."

 

Goethe erfuhr in Neapel, wie Dieter Richter mit vielen autobiographischen Goethe-Doku-menten, -Briefen, aber auch zeitgenössischen Berichten Anderer belegt, eine für ihn neue Dimension der Sinnlichkeit. Das Klima am Golf, die Schönheit der Landschaft, Kulinarisches, Erotisches, aber auch Sitten und Bräuche Neapels haben Goethes Leben verändert, wie der Autor in seinem perspektivenreichen Goethischen Neapel-Panorama veranschaulicht..

 

"Und mein Buch möchte ja zum ersten Mal diese Neapel-Erfahrung in einer eigenen Monographie darstellen. Es gibt unendlich viel Literatur über Goethe und Rom. Es gibt keine Monographie über Goethe und Neapel. Diese Stadt wird sowohl von den Goethe-Philologen als auch von den Goethe-Liebhabern, die die Italienische Reise lesen, eigentlich immer etwas links liegen gelassen, stiefmütterlich behandelt."

 

Dieter Richter stellt in seinem Buch klar, dass Goethe in Neapel endgültig das Italien der "Grand Tour" verlassen hatte, also das Italien der zu seiner Zeit üblichen Reiseroute. Neapel mit seinen damals 450.000 Einwohnern war die größte und kosmopolitischste Stadt, die Goethe je besucht hatte. Er nahm am Volksleben wie auch am gesellschaftlichen Leben der mondänen Welt teil. Der aus der Uckermark stammende Hofmaler Hackert führte ihn durch die Stadt. Goethe war Gast bei den abendlichen Vorführungen von Lady Hamilton, der schönen Gattin des Antiquitäten sammelnden britischen Gesandten. Goethe lernte die ver­gessene aufklärerische Schriftstellerin Juliane von Mudersbach kennen, er machte Ausflüge zu den Tempeln von Paestum und bestieg mehrfachen in geologischen Angelegenheiten den Vesuv. Von all dem war Goethe fasziniert und zugleich befremdet.

 

"Das ist eigentlich die Leitidee meines Buches: er ist noch nie in einer derart fremden Welt gewesen. Das Fremde ist eine leitmotivisch wiederkehrende Erfahrung in Goethes Neapelbegegnung. An diesem Leitmotiv entlang entwickle ich auch mein Buch über Goethe in Neapel."

 

Das Überraschendste in diesem Buch: Dieter Richter, der sich Sachen Neapel und Goethe auskennt, wie kein Zweiter, weist nachdrücklich darauf hin, dass Goethe als Erster einem weit verbreiteten Vorurteil entgegentrat, ein Vorurteil, das im Grunde bis heute besteht:

 

"Alle die nach Neapel kommen in der damaligen Zeit, sind davon überzeugt, es gibt 30.000, 40.000 Nichtstuer dort, üble Gesellen, Lazzaroni, einer nennt sie "die Wilden Europas". Goethe bricht für sie eine Lanze und sagt, ich habe überall nur Industriosität, also Fleiss beobachtet! Es verlockt mich, Goethe in die aktuelle Debatte einzubringen und zu sagen, muß es nicht so sein, dass wir die Länder im Süden wirklich im Detail und genau anschauen. Gibt es da nicht auch Ressourcen und nicht nur Defizite? Das ist eine Lehre, die ich aus meiner Goethe-Lektüre ziehe. Im übrigen haben sich die Neapolitaner sehr gefreut, dass der große Goethe, der auch in Italien bekannt und populär ist gerade die Neapolitaner gegen den alten Vorwurf der Faulheit und der Misswirtschaft und der Korruption in dieser Weise verteidigt hat."

 

Es ist ein kluges, ein interessantes und für alle an Goethe Interessierten sehr aufschlussreiches Buch, das Dieter Richter geschrieben hat, elegant, mit flotter Feder, wohltuend unakademisch. Nach der Lektüre dieser 142 Seiten hat man nicht nur allerhand über das Wesen Neapels und seines "parthenopeischen Kosmos" gelernt, man versteht auch Goethe neu und anders als zuvor.

 

 

MDR