Reuband, Oper Publikum Gesellschaft

Dieter David Scholz

 

 

Das Versagen des sogeannten Regietheaters

 

Kein anderes Land auf der Welt gibt so viel Geld für die Künste aus und hat eine so dichte Kulturlandschaft wie Deutschland. Fast zehn Milliarden Euro verteilt die staatliche Kultur-förderung hierzulande jedes Jahr. Eine herausgehobene Position nehmen dabei traditionell die Opernhäuser ein. Sie nehmen einen relativ großen Anteil der Kulturausgaben in Anspruch. Der Soziologe Karl-Heinz Reuband hat in einem von ihm herausgegebenen Band mit dem Titel: „Oper, Publikum und Gesellschaft“, der jetzt Im Springer Verlag erschienen ist, einen umfassenden Blick auf das Kunstwerk Oper geworfen.

 

 

 

Viel ist über die Oper, die Oscar Bie einmal „das unmögliche Kunstwerk“ nannte geschrieben worden. Vor allem von Seiten der Musik- und Theaterwissenschaft. Über Entstehungs-, Werk- und Geistesgeschichte der Opern. Doch an Analysen zu gesellschaftlichen Institution und zum Opernbetrieb als soziales Feld mangelt es noch immer. Der von Karl-Heinz Reuband heraus-gegeben Band, an dem sechzehn Autoren mitwirkten, betrachtet auf annähernd 400 Seiten zum ersten Mal Oper interdisziplinär und unter einer umfassenden Perspektive. Die Beiträge bestehen nahezu ausschließlich aus empirischen Originalarbeiten. Nur der Historiker Udo Bermbach holt weiter aus und plädiert für Oper als „klingendes Museum“ in einer Zeit, in der das Museale Hochkonjunktur hat:

 

„Der atemlosen Veränderung von Arbeits- und Lebenswelt steht das Bedürfnis entgegen, sich seiner Herkunft und seiner eigenen Geschichte zu versichern. Deshalb erscheint nahezu alles bewahrenswert, was Aufschluss über die Vergangenheit geben könnte. In diesen Trend fügt sich auch die Oper ein.“

 

Eine der Erkenntnisse aller verschiedenen Studien ist die Tatsache, dass Musik und Oper mit Bildung zu tun hat. Und das Opern- und Klassikpublikum im Laufe der Jahre überproportio-nal gealtert ist. Auch in einer Leipziger Studie lässt sich das beobachten.

 

„In unserer empirischen Studie konnten wir bestätigen, dass eher höher gebildete und ältere Personen in der Bevölkerung der Stadt Leipzig die Oper besuchen. Das Einkommen spielte in unserer empirischen Untersuchung keine Rolle.“

 

Doch wie erklärt sich das Phänomen, dass beispielsweise in der Straßburger Oper ein Drittel des Publikums unter Dreißig ist? Oder dass auch in Italien das Opernpublikum deutlich jünger ist als in Deutschland? Antworten darauf gibt das Buch nicht. Ist es ein deutsches Problem? Jedenfalls versuchen einige Opernhäuser dem entgegen zu arbeiten, indem sie Public viewing und Aufführungen per Livestream anbieten: „Oper für alle“. Doch das Ergebnis einer Studie, die am Münchner Nationaltheater durchgeführt wurde, ist verblüffend:

 

„Die Besucher der „Oper für alle“ sind deutlich jünger und auch hinsichtlich der Bildung ist das Publikum ausgewogener, wenngleich auch hier eine insgesamt höhere Bildungsschicht angesprochen wird. Die Veranstaltung vermag in durchaus nennenswertem Maße Menschen zu mobilisieren, die keine Operngänger sind. Die Mehrheit jedoch zählt zu einem Publikum, das auch sonst in die Oper geht. Unter den Nicht-Besuchern der Oper stellt die Veranstaltung vermutlich nur selten den Einstieg in das Opernerlebnis dar.“

 

Noch überraschender ist eine großangelegte Untersuchung über das sogenannte Regietheater, das ja antritt, die „Oper aus dem Geist der Moderne neu zu erfinden“, zu sanieren oder dem Publikum durch Aktualisierung näher zu bringen. Im Ausland nennt man das oftmals „German Trash“, dessen szenische Dechiffrierung dem gewöhnlichen Zuschauer manchmal einige Mühen abverlangt:

 

„Das Regietheater vergrößert eher die soziale Spaltung des Opernpublikums, als dass es sie verringert. Es bewirkt genau das Gegenteil von dem, was es proklamiert oder ihm als Eigen-schaft zugeschrieben wird. So wenig das Regietheater in der Lage ist, eine sozial breitere Öffnung des Opernpublikums zu bewirken, so wenig hat es vermocht, das Opernpublikum zu verjüngen.“

 

Wer nur durch provokative Events in die Oper gelockt wird, ohne sich für die Musik und die Oper zu erwärmen, so liest man, wird kein Operngänger werden. Kritiker und Kulturredak-tionen mögen noch so sehr Aufführungen oder Opernhäuser hochloben. Das Publikum sieht es oftmals anders und bleibt womöglich nach verärgernden Erfahrungen dem Opernhaus fern.

 

„Das Publikum ist der Adressat jeglicher Aufführung. Es mit seinen Bedürfnissen völlig außer Acht zu lassen, würde heißen, längerfristig den Tod der Oper in Kauf zu nehmen.“

 

Hochinteressant sind Untersuchungen über Publikumsstruktur, Gespräche über Oper und Opernkritiken.

 

„ Opern- und Theaterbesucher erweisen sich als eifrige Leser und treue Kunden des Feuille-tons. Geht es nach Opern- und Theaterbesuchern, muss einem um die Zukunft des Feuilletons auch im Internetzeitalter nicht bange sein. Ein Freibrief auf die Zukunft ist das nicht. Niemand weiß genau, in welche Richtung sich die Druckmedien und der Journalismus weiterentwickeln werden. Ein selbstbewusstes Ressort und ein mündiges Publikum aber lassen hoffen, dass die Schreckensvisionen vom Niedergang der Oper einfach nur schrecklich übertrieben sind.“

 

Wollen wir´s hoffen! Jedenfalls liegen nun zuverlässige aktuelle Studien mit Daten, Zahlen und Fakten vor, die als Grundlage jeder ernsthaften Diskussion über Oper, Publikum und Gesellschaft künftig unverzichtbar sind.

 

 

Beitrag auch in MDR Kultur 17.2.18