Puccini Handbuch

Dieter David Scholz

 

 

Das neue Standardwerk in Sachen Puccini

Die weiblichen Opernheldinnen Floria Tosca, Manon Lescaut, Mimi oder Cio-Cio-San gelten ungebrochen als Selbstläufer jeder Spielplanpolitik. Die Opern Puccinis rangieren seit nun-mehr hundert Jahren in den Spitzenpositionen des internationalen Opernrepertoires. Sie bedür-fen keinerlei werbender Hilfsmaßnahmen von dritter Seite, um das große Publikum . „Puccini funktioniert auf der Bühne“ wie der Herausgeber des Puccini-Handbuchs betont. Umso ver-wunderlicher erscheint ihm die über Jahrzehnte anhaltende Geringschätzung des Komponisten vor allem seitens der Wissenschaft, aber auch der professionellen Kritik trotz der weltweiten und breiten Popularität „von mindestens fünf seiner Opern“ (also mindestens der Hälfte seines Werkes).

Von Kurt Tucholskys stammt das Bonmot "Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Le-hár ist dem kleinen Mann sein Puccini". Das klingt amüsant, ist aber grundfalsch. Der Nach-weis wird im Puccini-Handbuch erbracht. Puccini gehört in die Riege „komplexer Musikerper-sönlichkeiten“ zwischen Richard Wagner und Alban Berg. Die Autoren führen den Leser aus-führlich in die differenzierte Person Puccinis und sein ebenso differenziertes Werk ein, das moderner ist, als Mancher es wahr haben möchte. Viele Vor- und Fehlurteile werden in dem mehr als 450seitigen Buch bereinigt, auch biografische. Das schillernde Bild Puccinis als ero-tisch passionierter „Lebemann“ wie traditionsverhafteter „Familienmensch“ zwischen Reich-tum, Ruhm und Renommee, Verachtung von Kritikern auf der einen Seite und Publikumszu-spruch auf der anderen, wird zwar bestätigt, aber doch um neue Facetten und Erkenntnisse bereichert. Wer es nicht wußte, erfährt endlich was für ein turbulentes Privatleben Puccini führte. Sein Werk profitierte davon.

 

Puccini war kein Revolutionär der Oper, aber doch, wie dieses Handbuch belegt, ein mit allen Wassern gewaschener, über die Produktionen seiner Zeitgenossen bestens informierter Kom-ponist zwischen Tradition, Verismo und Avantgarde. Er kannte sich aus in der Szene, hatte Theaterinstinkt, war Vollblutmusiker und besaß die außergewöhnliche Fähigkeit zur szeni-schen wie musikalischen Imagination von dramatischem Geschehen. Die Autoren der 36 Ka-pitel widmen sich Fragen und Voraussetzungen der Arbeit am Libretto, wie an der Musik. Es gibt eingehende Analysen zu Sprache, Vers und Rhythmen, Klang-Dramaturgie und Figuren-Konstellationen. Aber auch Instrumentierung, Exotik und Melodie kommen nicht zu kurz. Gerade die Melodie ist doch der unwiderstehliche Köder Puccinis. Wie er einem seiner Libret-tisten einmal schreib: Er wolle das Publikum lachen oder weinen machen, nicht zuletzt mit seinen Melodien.

 

Im Mittelpunkt des Buches steht natürlich das Werk Puccinis. In 12 von insgesamt 36 Kapiteln wird es in profunden Analysen unter die Lupe genommen: Entstehung, Inhalt, Umarbeitungs-varianten, Wirkung und maßgebliche Inszenierungen werden dargestellt. Das geht weit über die meisten Nachschlagewerke und Opernführer hinaus, weil es wichtige Inszenierungen und neuste Fachliteratur mit bedenkt. Diese Puccinidarstellung ist auf dem neusten Stand der Forschung. Sie vergisst auch nicht die sinfonischen, kammermusikalischen sowie die geist-lichen Werke und Puccinis Liedschaffen. Durch den Facettenreichtum der Beiträge lernt man vor dem Hintergrund eines biografischen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zeitpanoramas einen quasi neuen Puccini kennen. Dieses Buch war längst überfällig. Es ist zwar nicht immer leicht zu lesen, aber es entschädigt dafor, denn es bündelt die Erkenntnisse der internationalen Puccini-Forschung auf dem Wissensstand von heute. Man darf von einem neuen Standardwerk in Sachen Puccini spreeehn!

 

Besprechung auch in MDR Kultur