Offenbachbuchneuerscheinungen Eine Blütenlese

Dieter David Scholz



Die Jubiläumsglocken läuten in diesem Jahr besonders in Köln sehr laut, denn  dort wurde vor 200 Jahren Jacques Offenbach geboren.  Das Offenbachjahr wird Vieles bringen. Auch die Offenbachliteratur ist um neue Publikationen angewachsen. Eine Blütenlese.


Spötter und Entertainer des zweiten Kaiserreichs


Die Fehleinschätzung des Höllengalopps aus der Opéra bouffon „Orphée aux En-fers“ gehört zu den unausrottbaren Klischees und Legenden der Offenbachrezeption. Heiko Schon stellt klar: „Offenbach hat gar keine Cancans komponiert, sondern Galopps.“ Tatsächlich hat Offenbach  niemals die frivolen, beineschwingenden, kreischenden und Unterwäsche zeigenden Damen in seinen Werken auftreten lassen. Der sogenannte „French Cancan“ ist eine kommerzielle Tanzmode einschlägiger Nachtlokale, für die man nach Offenbachs Tod seine Musik okkupierte. Welcher Tanz für Offenbach und seine Zeit weit bedeutender war, liest man im Kapitel „Jacques Offenbach und der Wahnsinn der Beine“: „Der Walzer steht exemplarisch für das Zweite Kaiserreich, ist er doch gleichzeitig Rausch, Traum und Taumel, Realitätsflucht und melancholische Erinnerung. Offenbach ...lässt ihn ... durch sein gesamtes Œuvre wirbeln.“ Mehr als einhundert von etwa 150 Offenbach-Stücken stellt Schon immerhin vor, immer nach der gleichen Methode: Worum geht es? Was steckt dahinter? Die stärksten Nummern und am Ende jeder kurzen und bündigen Werkdarstellung gibt er unter der Rubrik „Zum Reinhören“ persönliche CD- oder DVD-Tipps. Eingebettet sind die Werkbeschreibungen in 16 thematisch orientierte Kapitel, in denen es um das „Cello“ geht, Offenbachs Lieblingsinstrument,  um „Spuren am Rhein“, um die „Frauen“, um die „Travestie“ oder um „rasselnde Säbel“, um nur einige Themen zu nennen. Das Buch von Heiko Schon ist leicht lesbar, mit flotter Feder geschrieben und eignet sich bestens als erster Einstieg ins Thema Offenbach


Wer mehr und Genaueres wissen über den Entertainer wie Spötter des Zweiten Kai-serreichs, wird bei Ralf-Olivier Schwarz fündig.  Er geht mit entschieden gegen „das schöne, schiefe Bild“ Offenbachs an, das sich bis heute hartnäckig hält und spannt einen weiten Bogen, um eine europäische Ausnahmepersönlichkeit darzustellen. Chronologisch werden Lebens- und Karrierestationen Offenbachs  umrissen, seine jüdisch geprägte Kindheit in Köln mit dem prägenden Eindruck des Kölner Karne-vals , aber auch der jüdischer Spielmanns- und Synagogenmusik, seine Pariser Karriere als Cellovirtuose, seine Theaterlaufbahn an unterschiedlichen Bühnen der Seinemetropole (Comédie-Française, Bouffes-Parisiens, Théâtre des Variétés,  Opéra Comique) sowie seine Auslandsgastspiele in Bad Ems, Wien und in den USA. Schwarz verdeutlicht die beispiellose Erfolgsgeschichte eines der originellsten Komponisten des 19. Jahrhunderts, dessen rebellisches, satirisches Musiktheater seinesgleichen suchte und dessen Biografie  „sowohl den wechselseitigen, produk-tiven  und reichen kulturellen Einfluss zwischen Frankreich und Deutschland als auch die politischen Zerwürfnisse und Konkurrenzen im Europa des 19. Jahrhunderts“ wiederspiegelt. 


Es gelingt Schwarz, deutlich zu machen, dass sich die Werke Offenbachs in ihrer Aktualität und Modernität, ihrer „Synthese von deutschem Tiefsinn und franzö-sischer Leichtigkeit, von Geist und Esprit „den zu seiner Zeit scheinbar „eindeutig getrennten Räumen eines ‚jüdischen‘, ‚deutschen‘ oder ‚französischen‘ kulturellen Gedächtnisses“ entziehen.

Offenbach, so Schwarz, habe  sich auf seine sehr eigene, spielerische und spöttische Art  mit den Erinnerungsorten Europas auseinandergesetzt: mit den antiken Wurzeln und Mythen in Orphée aux Enfers oder La Belle Helene, mit dem vermeintlich finsteren Mittelalter in Barbe-Bleue oder mit den Abgründen der Romantik in Les Contes d´Hoffmann. Aber auch die zu seiner Zeit aktuelle Sehnsucht nach Einheit und Friede wird in den Rheinnixen oder der bissige Spott auf militärisches Macht-gehabe in La Grande-Duchesse de Gérolstein  ungeniert auf die Bühne gebracht.   

Das sehr empfehlenswerte (mit Anmerkungen, Bibliographie und Werkverzeichnis versehen) Buch resümiert die Erkenntnisse der Offenbach-Forschung und zieht Fazit der Offenbach-Literatur von Anton Henseler („Jakob Offenbach“, Berlin 1930) bis zu Jean-Claude Yon („Jacques Offenbach“  Paris 2000), um nur zwei Marksteine der Offenbachforschung zu nennen. Es dürfte schon jetzt als das deutschsprachige Standardwerk in Sachen Offenbach zu bezeichnen sein, zumal Yons imposante Monographie nicht aus dem Französischen übersetzt ist und Henselers Pioniertat in Sachen Offenbach  nur noch (wenn überhaupt) antiquarisch zu erhalten ist..


Peter Hawig stellt in seiner opulenten Publikation die „Offenbachiade“ (der Begriff stammt von Karl Kraus) -  die fälschlicherweise so häufig in einen Topf mit der Operette geworfen wird -  auf den Prüfstein und in den emanzipatorischen Kontext“  der Folgen der Französischen Revolution: „Vermenschlichung des Mythos, Ent-kleidung des Autoritären, Durchbrechen von Denkverboten, Infragestellung des Gegebenen.“  Konstitutiv für die Gattung sei der Begriff der Verkleidung und Mas-kierung. Bei der Stoffauswahl habe sich Offenbach vor allem aus der „Reserva-tenkammer der Bühnentradition“ bedient. Anhand typischer Werke zeigt Hawig es präzise auf: Mythologie(Orpheus, Helena), Märchen (Blaubart), Legende (Geno-veva), Schauerdrama (Seufzerbrücke)und Räuberoper (Banditen). 


Wesentlich für die Offenbachiade seien „das Verspielte“ und „das Jonglieren mit Zeiten und Räumen, Masken und Artefakten.“ Offenbachs Librettisten (Scribe, Meilhac und Halévy) schrieben (unter wesentlicher Mitwirkung Offenbachs) Stücke, die geprägt sind „durch einen kritischen, nervösen Zeitgeist, den respektlosen, autoritätskritischen Umgangston, den mehrschichtigen Anspielungsreichtum, der dem des Musikers kongenial zuarbeitet.“


Die doppelzüngige Musik der Offenbachiade sei gekennzeichnet durch Parodie, Spiegelung von „Mustern und Bausteinen, Klischees, Stereotypen und Vorprä-gungen“, aber auch und insbesondere durch – und da zitiert Hawig Paul Bekkers Offenbachbuch von 1909 - die „Verbindung von gesungenem Wort mit der Tanz-gebärde“. Offenbachs  Orchestersatz, darauf weist Hawig hin, ist immer durch-sichtig, gestützt auf Streicher und solistisch geführte Holzbläser: „Es ist die Satzkunst des 18.Jahrhundert und dessen graziöser Esprit, die ... an Mozart und Cimarosa“ erinnern.“ Nicht ohne Grund nannte Rossini Offenbach den „Mozart der Champs-Elysées“.


Hawig stellt ein für allemal klar, dass insbesondere die Wiener Operette sich durch den „Rückzug ins Kleinkarierte und ‚Lebkuchenherzhafte‘ wesentlich von der Offenbachaide unterscheidet. Anders als der „Operettenpapst“ Volker Klotz, der  alles, was „gegen das ‚Verhockte‘ und Selbstzufriedene, das Gewalttätige, Bornierte und rein Geschäftsmäßige anrennt“ und damit jede gute Operette als Offenbachiade versteht, definiert Hawig die Offenbachsche gesellschaftskritische, antiautoritäre, stets rebellische Gattung sehr viel genauer.  Er hat ein konkurrenzloses Lehrbuch über die Offenbachiade vorgelegt, dessen zentrales Diktum sich Dirigenten und Regisseure hinter die Ohren schreiben sollten: „Offenbach ist Musikdramatiker“.  Daher spricht sich der Autor entschieden gegen jede Art musikalischer Reduzierung (Verhunzung) aus, aber auch gegen textliche Bearbeitungen und Aktualisierungen, denn: „der Anspielungs- und Parodiecharakter Offenbachs ist fast immer einleuch-tend und erfahrbar, ohne dass der Zuschauer ... wiederzuerkennende Einzelheiten verifizieren müsste.“  Ein sehr kluges und informatives Buch, aber es ist auch ein Liebesbekenntnis: „Denn Offenbach macht glücklich“.


Heiko Schon: Jacques Offenbach – Meister des Vergnügens

Regionalia Verlag, Daun 2018, 216 S., 14,95 EURO     


Ralf-Olivier Schwarz. Jacques Offenbach. Ein europäisches Porträt.

Böhlau, Wien 2018. 320 S., 29 Euro


Peter Hawig/Anatol Stefan Riemer: Musiktheater als Gesellschaftssatire. Die Offenbachiaden und ihr Kontext. Burkhard Muth, Fernwald 2018. 568 S., 68 Euro


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