O. G. Bauer Geschichte der Bayreuther Festspiele

Dieter David Scholz

 

 

Bewundernswerte Dokumentation des "verlorenen Paradieses"

 

Oswald Georg Bauer: Die Geschichte der Bayreuther Festspiele

Deutscher Kunstverlag

2 Bände, 1456 Seiten, 128,00 Euro

 

Mit der Uraufführung der kompletten Nibelungentetralogie 1876 begannen die ersten Bayreuther Festspiele, die von Richard Wagner ins Leben gerufen wurden und bis heute von seinen Nachkommen geleitet werden. Der Theaterwissenschaftler Oswald Georg Bauer stellt die wechselhafte Geschichte der ältesten Opernfestspiele der Neuzeit, die immer wieder nationalistisch und propagandistisch vereinnamt wurden, akribisch dar, vor allem, was das Künstlerische angeht. Er klammert allerdings auch die politischen Verstrickungen Bayreuths und der Wagner-Nachommen nicht aus. Als langjähriger Mitarbeiter der Bayreuther Festspiele hatte er, vom damaligen Festspielleiter Wolfgang Wagner um die Anfertigung dieses chronistischen Mammunternehmens gebeten, ungehinderten Zugang zu allen Archiven Bayreuths. Aber er hat in jahrzehntelanger Fleissarbeit auch zahlreiche Archive aus dem Rest der Welt durchforstet, private Nachlässe gesichtet und viele Künstler, Regisseure und Dirigenten der jüngeren Festspielgeschichte noch selbst befragt. Was den wohl dienstältesten Wagnerkenner und -Experten Oswald Georg Bauer auszeichnet ist, dass er über immense Quellenkenntnis verfügt und über ein gigantisches Pressearchiv, woraus er reichlich schöpft und damit seine übersichtlich gegliederte, chronologische Darstellung der Festspielgeschichte bereichert. Sie beginnt mit Wagners erster Idee im Jahre 1850 und spannt einen Bogen vom Bau des Festspielhauses über die ersten Festspiele1876, Alt- und Neubayreuth bis zum Ende der Ära Wolfgang Wagners. Das Jahr 2000 mit seiner begin-nenden Nachfolgesuche für den zum Rücktritt etschlossenen und aufgeforderten Festspiel-leiter war eine Zäsur, mit der Bauers detaillierte Geschichte der Festspiele endet. Was danach kam, hat er summarisch dargestellt.

 

Im Jahre 2001 stand zum letzten Mal Wolfgang Wagners sich allem sogenannten Regie-theater bewusst widersetzende Parsifalinszenierung auf dem Programm. Für sie wurde der Regisseur als altbacken, als unzeitgemäß, ja als reaktionär gescholten, wie Bauer zitiert. Aber er weist darauf hin, dass Wolfgang Wagner - im Gegensatz zu seiner Tochter Katharina, die heute die Festspiele leitet - zeitlebens ein Skeptiker gewesen sei, der allem Zeitgeist und Mainstream kritisch gegenüber gestanden habe. Wie Wolfgang Wagner dem Autor anvertraut habe, sei gerade seine Parsifalinszenierung als sein "künstlerisches Vermächtnis" zu betrachten. Dass er den Parsifalschluss als "verlorenes Paradies" inszenierte, mag man als weise Voraussicht auf die Zeit nach ihm verstehen. Oder auch nicht. Es ist jedenfalls erstaunlich, was man aus dem Munde Wolfgang Wagners so alles erfährt in dem Buch seines langjährigen Mitarbeiters Oswald Georg Bauer. Der verleugnet seine Anhänglichkeit an den viel kritisierten, in mancher Hinsicht aber auch ungerecht bewerteten, ja unterschätzten Fetspielleiter nicht. Warum auch. Nur wofür man brennt, kann man sich derart engagieren. Bauer hat eine bewundernswerte, eine konkurrenzlose Gesamtschau von Richard Wagners Festspielutopie und ihrer Realisierung durch drei Generationen seiner Erben vorgelegt. Er lässt souverän historische Fakten, unternehmensrelevante, familiäre und künstlerische Ereignisse, vor allem aber Inszenierungen Revue passieren.

 

Die beiden Bände sind äußerst leserfreundlich geschrieben, aber auch theaterwissen-schaftlich präzise und fundiert. Die Bebilderung ist schlichtweg überwältigend. Eine außergewöhnliche Publikation, die ihren außergewöhnlichen Preis wert ist.

 

Vom schleichenden Niedergang der Festspiele seit Wolfgang Wagners Tod will Bauer in seiner Nibelungentreue und Diskretion allerdings nicht sprechen. Aber die Fakten sprechen für sich.

 

Beitrag auch in MDR Kultur