Norbert Abels - Benjamin Britten

Dieter David Scholz

 

 

Faszinierende Biographie eines Außenseiters

und profunde Werkmonographie

 

Der 100. Geburtstag von Benjamin Britten vor 4 Jahren brachte eine Anzahl wichtiger Veröffentlichungen über den bedeutendsten britischen Komponisten des 20. Jahrhunderts hervor, die meisten allerdings auf Englisch. Deutschsprachige Studien hingegen ließen lange auf sich warten. Nun liegt endlich die erste umfassende Darstellung zu Leben und Werk Brittens in deutscher Sprache vor. Verfasst hat sie Norbert Abels, einer der besten Kenner von Brittens Werk. Erschienen ist das Buch beim Verlag Boosey & Hawkes.

 

 

Man hat ihn - nach Henry Purcell - immer wieder den zweiten Orpheus Britannicus genannt: Benjamin Britten. Mit seiner ersten Oper "Peter Grimes" hat Britten der englischen Musik mit einem Schlag wieder zu jener internationalen Geltung verholfen, die ihr mit Purcells Tod (trotz Händel) für zweieinhalb Jahrhunderte abhanden gekommen war. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass es im deutschsprachigen Raum bisher keine Monographie über den Komponisten gab. Norbert Abels - Professor an der Folkwang-Hochschule Essen und Chefdramaturg der Oper Frankfurt, der 2008 schon eine kleine Rowohlt Monographie herausbrachte, hat nun die erste umfassende deutschsprachige Monographie über Britten geschrieben. Es ist eine äußerst präzise, detailreiche und nach Musikgattungen gegliederte Darstellung.

 

„Ich habe gesehen, dass ein bestimmtes Ordnungsprinzip, was die Werke betrifft, gut tut, und wenn man diese großen Werke, also das musikdramatische Werk, auch das kammer-musikalische und das Orchesterwerk, ein wenig gesondert betrachtet.“ (Norbert Abels im Gespräch)

 

Abels stellt prägnant, aber einfühlsam in 12 Kapiteln Brittens umfangreiches Werk, aber zugleich auch sein Leben dar: Seine Wunderkind-Zeit, seinen nachhaltigen Komposi-tionsunterricht bei Frank Bridge, seinen früh einsetzenden Kompositionszwang und seine Karriere-Blütezeit als bedeutender Pianist, Dirigent und Gründer des bis heute existie-renden Aldeburgh-Festivals. Er beschreibt Brittens ausgedehnte Reisen in die Alte und Neue Welt, seine prägenden, mitunter lebenslangen Freundschaften, beispielsweise mit Mstislaw Rostropowitsch, und schließlich Leiden und Verfall der letzten zehn Lebensjahre bis zu seinem frühen Tod 1976 in den Armen seines Lebenspartners Peter Pears. Abels verschweigt nicht die Homosexualität Benjamin Brittens. Im Gegenteil. Er nennt diesen für das Verständnis von Leben und Werk so zentralen Hintergrund, die „verschattete“ oder "die dunkle Seite" von Benjamin Britten:

 

„Ich habe sie die dunkle Seite genannt, und damit gleichsam die Perspektive hereinge-bracht, unter der man Homosexualität in der viktorianischen, der edwardianischen und der postviktorianischen Zeit gesehen hat. Also ich hab sozusagen die äußere Kategorie einfach mal übernommen, weil es für einen Homosexuellen in der damaligen Zeit sehr schwer, fast unmöglich gewesen ist, sich zu bekennen.“ (Norbert Abels im Gespräch)

 

Nicht nur spielen Knaben in den Opern Benjamin Brittens eine herausragende Rolle, auch das Meer ist musikalisch immer präsent. Es zieht sich wie ein Cantus firmus durch viele seiner 17 Opern. Aber Meer meint bei Britten nicht nur Naturgewalt und Gegenwelt zur menschlichen Gesellschaft.

 

„Das Reden vom Hafen , in den man einläuft, das Hinausgetrieben werden aufs offene Meer – also diese gesamte Seeterminologie, die war für ihn tatsächlich eine Metaphorik gewesen und hinter der hat sich sehr sehr viel Tiefes, Inneres, Seelisches verborgen.“ (Norbert Abels im Gespräch)

 

Abels erklärt den seelischen Gehalt nicht nur der Meeresdarstellungen in bestechenden Einzelanalysen der Werke, und verdeutlicht, dass nicht zufällig viele von Brittens Opern-figuren gesellschaftliche Außenseiter, Verstoßene, am Leben Zerbrechende, Verführte und unschuldig Beschuldigte sind. Seine Werke seien, wie Abels den Britten-Freund Dietrich Fischer Dieskau zitiert, Versuche „mit der Welt“, das meint aber auch mit dem eigenen „verschatteten“ Leben fertig zu werden. Dazu gehört nicht zuletzt die pädophile Neigung, die sich in seinem Werk nieder geschlagen hat. Norbert Abels verschweigt sie nicht.

 

„Also ich will damit nicht sagen, dass sein kompositorisches Werk eine Art Kompensation oder Sublimierung gewesen ist für eine Neigung, der er praktisch nicht nachgegangen ist. Aber die Faszination durch die kindliche Welt, die Faszination von einem bestimmten Alter, das war für ihn schon ein sehr ausschlaggebendes Element gewesen.“ (Norbert Abels im Gespräch)

 

Geradezu bekenntnishaft darf in diesem Sinne Brittens Weltabschiedswerk „Tod in Venedig“ verstanden werden, das auf Thomas Manns pädophiler Novelle basiert.

Trotz aller Berühmtheit ist Britten wegen seiner Homosexualität in England immer wieder belächelt, ja sogar angegriffen worden. Doch das englische Königshaus schützte ihn:

 

„Ja, das finde ich doch beachtlich, obwohl alle Welt gewusst hat, dass Britten homosexuell gewesen ist, dass in dieser Zeit die Königin schützend ihre Hand über ihn gehalten hat, ihn unterstützt hat, sich mit ihm hat ablichten lassen, und eigentlich letzten Endes wirklich fast freundschaftliche Beziehungen zu ihm unterhalten hat. Und das Resultat war dann die Nobilitierung.“ (Norbert Abels im Gespräch)

 

Abels Britten-Buch ist die fesselnde Biografie eines Außenseiters, zugleich aber auch eine hochinformative Werkmonographie, die mit ihrem fotografischen Material, ihren mehr als 500 präzisen Quellennachweisen, Personenregister und Literaturverzeichnis schon jetzt ein Standardwerk genannt werden darf.

 

 

 

Rezensionen auch in MDR Kultur und für DLF Musikjournal