Neuste Puccini-Literatur

Dieter David Scholz

 

 

Neuste Puccini-Literatur

Der „Verdi des kleinen Mannes“, von wegen!

 

Am 22. Dezember 2009 jährte sich Giacomo Puccinis Geburtstag zum 150. Male. Puccini ist nach wie vor einer der beliebtesten Opern-komponisten. Seine Opern gehören bis heute zum Kern-Repertoire auf allen Bühnen der Welt. Sein luxuriöses Leben und seine Liebes-affären waren glamourös. Der Erfolg seiner Opern war und ist enorm. Kein Wunder, dass Puccini eine umstrittene Persönlichkeit ist. Leben und Werk Giacomo Puccinis sind willkommener Gegenstand biographischer Literatur. Wieder ist ein neues Puccini-Buch auf den Markt gekommen, rechtzeitig zum Gedenktag. Der emeritierte Berliner Literaturwissenschaftler Volker Mertens hat es geschrieben. Der Titel: „Giacomo Puccini. Wohllaut, Wahrheit und Gefühl.“

 

 

Puccinis Opern mit ihren melodischen Hits und Evergreens, die alle großen Sänger gerne singen, gehören bis heute zum Kernbestand aller Spielpläne in den Opernhäusern der Welt. Ob La Bohème, Madama Butterfly oder Tosca: Das Geheimnis der ungebrochenen Faszination und treffsicheren Wirkung Puccinis beim Publikum sind Wohllaut, Wahrheit und Gefühl. Die drei Begriffe sind gewissermaßen Programm einer neuen Puccini-Monographie des Berliner Literaturwissenschaftlers Volker Mertens:

 

"Ja, das ist Programm, es wird auch deswegen immer wieder zitiert. Puccini kam es, glaube ich, auf alle drei Dinge in ähnlichem Maße an. Auf Wohllaut, weil er die Sängerstimmen bevorzugte, auf die Wahrheit, weil er die Couleur locale, also das Ambiente deutlich zeichnen wollte und auf das Gefühl, weil er als Theatermann wirken wollte."

 

Der Theatermann, der Komponist, der akribische Dramaturg und der im Luxus sich nach außen hin darstellende Geschäftsmann einer modernen Unterhaltungsindustrie, das sind die Aspekte, die Mertens vor allem interessieren. Dass Puccini aufgrund seiner Einverleibung außeritalienischer Einflüsse in seine Musik, aufgrund aber auch seiner Massenwirkung und Eingängigkeit ein umstrittener Komponist schon zu Lebzeiten war, stellt Mertens gleich zu Beginn seines Buches klar:

 

"Das hat schon mit seiner frühen Rezeption zu tun. In Italien war er dazu ausersehen, der Nachfolger Verdis zu werden. Er wollte aber gar nicht in dessen Stil schreiben und ihn weiterentwickeln. Er wandte sich vielmehr Wagner und der französischen Oper zu. Und integrierte beides, so dass er auf Begeisterung und Unverständnis stieß. Seine große Wirkung machte ihn sehr schnell verdächtig. Und das ist es, was ihn auch heute verdächtig macht, dass seine Musik kompositorisch höchst professionell gearbeitet ist, geht dabei leicht unter."

 

 

Wer sich über die Kompositionsqualitäten Puccinis informieren will, der kann dies bei den „Klassikern“ der Puccini-Literatur, Mosco Carner und Julian Budden tun. Wer sich für die Biographie Puccinis interessiert, wird an Dieter Schicklings Puccini-Buch nicht vorbeikommen, das gerade eben in überarbeiteter, aktualisierter Neuausgabe erschienen ist.

 

In dem Buch von Volker Mertens geht es mehr nur um die Voraussetzungen Puccinis, man erfährt viel über die fünf Generationen umfassende Musikerdynastie der Puccinis im toskanischen Lucca, über Giacomos Ausbildung und den Opernbetrieb im Italien seiner Zeit, im Mittelpunkt stehen aber seine zwölf Opern, nach deren Titeln sein Buch gegliedert ist.

 

"Ich glaube, ich versuche mehr auf die literarischen Vorlagen und ihre Umwandlung für die Libretti einzugehen, auch zu zeigen, was Puccini daran wohl interessiert und fasziniert hat, und wie das dann in den Opern erscheint. Ich habe ein Kapitel über die Scapigliati geschrieben, die Zerzausten, den Kreis von jungen Intellektuellen in denen sich Puccini in Mailand bewegt hat. Was die Analysen der Opern angeht, so findet man das sicher auch bei Carner oder bei Julian Budden oder bei Schickling. Aber bei Schickling ist das viel stärker in ein biographisches Interesse eingebettet. Er verfolgt ja Puccinis Leben nicht Tag für Tag, aber fast Woche für Woche, während ich doch deutlich stärker gegliedert auf die Werke eingehe."

 

Puccinis Opernhelden sind Heldinnen: fragile, zerbrechliche, scheiterende, sich aufopfernde Frauen. Ob Manon Lescaut, Mimi, Tosca, Madama Butterfly, Minnie oder Turandot: Die Faszination Frau ist es, der Puccini erlag, in seinem glamourösen, an erotischen Eskapaden reichen Leben wie auf der Opernbühne, die er um bedeutende Frauengestalten bereicherte.

 

"Ich glaube, das liegt in der Zeit. Die Frau als geheimnisvolles Wesen ist ja am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt worden. Richard Strauss hat ja übrigens auch Frauengestalten gerne als zentrale in seinen Opern auf die Bühne gebracht. Das interessierte allgemein. Die Faszination, die davon ausging war ein Phänomen der Zeit. Dass Puccini darin besonders die piccola donna, die femme fragile gesucht hat, das teilt er im übrigen auch mit den französischen Komponisten. Auch Massenet hat faszinierende Frauengestalten auf die Bühne gebracht. Und ich glaube, das ist auch ein Grund, dass er so erfolgreich war. Ich würde das weniger in seiner Psychologie sehen. Man hat da natürlich auch auf seine Mutter und auf seine Schwestern verwiesen und ihn ein bisschen auf die Couch des Psychiaters gebracht. Das gibt ein Buch, in dem das ganz exzessiv passiert. Das halte ich für etwas vordergründig."

 

 

Ob Montserrat Caballé, Maria Callas oder Luciano Pavarotti: Sie alle werden aus Anlass des hundert-fünfzigsten Geburtstages Puccinis in diversen CD-Editionen erneut vermarktet. Es gibt alle Opern Puccinis zu Paketen geschnürt. Auch an Puccini-Literatur mangelt es nicht. Das nun erschienene Puccini-Buch von Volker Mertens bündelt gewissermaßen das Wissen über den so verehrten wie umstrittenen Komponisten, den Tucholsky ja bekanntermaßen als den „Verdi des kleinen Mannes“ bezeichnet hat, ein Vorurteil, das sich bis heute gehalten hat. Mertens korrigiert nicht nur dieses Vorurteil, er informiert auch zuverlässig über Puccinis Leben und sein Werk. Ein empfehlenswertes Buch für ein breites, an Puccinis Opern interessiertes Publikum, welches nicht unbedingt gleich in wissenschaftliche Tiefe vordringen möchte. Mertens´ Buch ist sachlich und allgemeinverständlich geschrieben, ohne alle Weitschweifigkeit und ohne sich in psycho-logische Spekulationen zu verlieren.

 

"Ich wollte bewusst eine Monographie über den Komponisten schreiben. Das Leben Puccinis interessiert mich nur insofern, als es mit dem Werk verbunden ist. Ich setze mich davon ab was Helmut Krausser da gemacht hat, der einen Kompo-nistenroman geschrieben hat und den vor allem die Frauengeschichten Puccinis interessieren. Die finde ich nicht so faszinierend. Die finde ich eher für einen Macho aus Italien, mit dem Erfolg, den Puccini hatte, wohl relativ normal und unbedeutend. Und ich möchte auch dem Leser, der in eine Oper geht oder ein Oper besucht hat oder sich das mal anhört oder ansieht auf den elektronischen Medien, etwas in die Hand geben, was er vorher oder nachher auch zwischen durch lesen kann. Und da kann er jedes Kapitel einzeln lesen, egal welche Oper er gerade besucht. " (Mertens)

 

 

Beitrag für DW