Neue Literatur über Franz Liszt 2011

Dieter David Scholz

 

 

Neue Literatur über Franz Liszt

Eine Blütenlese von Dieter David Scholz

 

Ein Gespräch in MDR Figaro, 22.10.2011

 

Zum großen, runden Liszt-Jubiläum haben zahlreiche Autoren das schillernde Phänomen Liszt unter die Lupe genommen. So viele Liszt-Bücher sind in den letzten Jahrzehnten zusammengenommen nicht erschienen, wie im Vorfeld des 200sten Geburtstages des Klavier-titanen. Immer wieder wird Liszt heute als „Superstar“ , ja als „Popstar“ bezeichnet. Vor allem der erfolgreiche Biograph Oliver Hilmes, der schon Alma Mahler-Werfel und Cosima Wagner porträtierte, bläst in dieses Horn. Seine Liszt-Biographie („Liszt. Biografie eines Superstars“, Siedler Verlag) wird am lautstärksten vermarktet. Ist das gerechtfertigt?

 

 

Oliver Hilmes ist natürlich ein erfolgreicher, auflagenstarker Biograph. Aber verglichen mit den übrigen Liszt-Büchern dieses Jahres, muß ich sagen, finde ich den "Hype", der um ihn veranstaltet wird, etwas übertreiben. Und zwar deshalb weil er Liszt als Person und als Komponist popularisiert. Wer in Liszt einen Popstar sucht, der verkennt, dass es sich hier um „einen der bildungshungrigsten Kompo-nisten des 19. Jahrhunderts“ handelt. Wie Matthias Kornemann in der neusten Ausgbae der Zeitschrift „Rondo“ zurecht schreibt: „Die erbärmlichste aller Verengungen des Blicks ist ... die Erhebung Liszts zum Popstar avant la lettre. Hier formt sich eine verzwergt-bildungsvergessene Gegenwart den Helden nach ihrem Bilde“.

 

Nun, Hilmes erklärt Liszt zum Superstar, und damit zur Projektionsfläche für geheime Phantasien und Sehnsüchte. Die Erotik spielt in dem Buch von Oliver Hilmes die zentrale Rolle, sie ist gewissermaßen der rote Faden einer geradezu genießerisch zu lesenden Biographie des jugendlichen Pariser Salonlöwen, des reisenden Virtuosen zwischen Lissabon, London und Konstantinopel, des Wagner-Freundes, des schillernden Abbés und des Liebeshörigen der Fürstin Caroline von Sayn-Wittgenstein. In der Schilderung von Salon-atmosphäre, knisternder Erotik und rauschender Erfolge liegt die Stärke von Oliver Hilmes. Das Buch liest sich wie ein Roman. Ein reines Vergnügen. Aber Vorsicht ist geboten. Man muss nicht alles glauben, was der Autor schreibt. Das Buch bewegt sich auf der Messerscheide von Journalismus und populär sein wollender Privatgelehrtheit. Und über die Musik Liszts erfährt man eigentlich fast nichts. Aber das ist eine Schwäche der meisten Neuveröffentlichungen über Liszt.

 

Eine Biographie, die von keinem Biographen, sondern von einem Pianisten und Liszt-Interpreten geschrieben wurde, ist die des in Wien lehrenden Klavierprofessors Jan Jiracek von Arnim: („Franz Liszt. Visionär und Virtuose.“ Residenz Verlag). Kommt der Leser denn mit diesem Buch auf seine Kosten, wenn er etwas Genaueres über die Musik Liszts erfahren möchte?

 

Also wenn Pianisten wie Jan Jiracek von Arnim schreiben, dann haben sie naturgemäß einen anderen Zugang zu ihrer Materie, als Musikologen oder Biographen. Jiracek wendet sich aus seiner Berufspraxis heraus an den Musikörer, der sich einfach mit dem Menschen Franz Liszts näher beschäftigen möchten, weil er dessene Musik besser verstehen möchte. Der Autor umreißt engagiert den aberwitzigen Lebensweg des in Raiding im Burgenland vor 200 Jahren geborenen Sohnes armer Eltern, der von seinem Vater Adam konsequent zum Wunderkind aufgebaut wurde, der in Wien Schüler von Czerny und Salierei war und in Paris zum „König des Klaviers“ reüssierte. Als Mitte Zwanzigjähriger war Liszt bereits ein Star, der ganz Europa bereiste, man nannte ihn den „Paganini“ des Klaviers, er galt als größter Klaviervirtuose seiner Zeit und gefragtester Klavierpädagoge Europas. Da Jiracek selbst Klavierpädagoge an der Universität für Musik in Wien ist, interessiert ihn natürlich gerade Liszts als Lehrer. Dem wird viel Raum zugestanden in diesem Buch. Ganz Europa pilgerte ja zu Liszt, um Unterricht von ihm zu bekommen. Daraus entstanden selbst wieder neue Klavierschulen. All das beschriebt Jan Jiracek v. Arnim und er würdigt ihn vor allem als selbstlosen Förderer des Nachwuchses. Nicht zuletzt Richard Wagners. Und das alles ist sehr leicht und flüssig zu lesen.

 

Auch der Musikwissenschaftler und Radiomacher Michael Stegemann hat ein immerhin 500-seitiges Buch vorgelegt, das auf einer Radioserie des RBB basiert. „Franz Liszt. Genie im Abseits“ nennt er seine Monographie. (Piper Verlag). Der Titel klingt vielversprechend. Lohnt dieses Buch?

 

Ja, unbedingt. Es ist unter den Neuerscheinungen sicher eine der essentiellsten. Michael Stegemann empört sich gleich zu Beginn darüber, „dass sich ein erheblicher“, nämlich „der überwiegende Teil der Musiker trotz der Neuartigkeit und Großartigkeit der Musik Liszts so wenig mit ihr anfreunden kann.“ Deshalb setzt er den Hauptakzent seines Liszt-Buches auf die Musik, die alle anderen Neuerscheinungen ziemlich vernachlässigen. Immerhin hat Liszt rund 800 Werke geschrieben, von denen höchstens zwei Dutzend im Repertoire gespielt werden, wie Stegemann zurecht beklagt. Und er macht konkret deutlich, was das Fortschrittliche und Neue an Liszts Musik ist. Und bestätigt den Komponisten Ferrucio Busoni, der schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts darauf aufmerksam machte, dass die ganze "neue Musik", vom Romantiker Wagner bis hin zu Schönberg und Webern ohne Liszt eigentlich undenkbar ist. Um so erstaunlicher, wie es zu Verdrängung Liszts, die ja bis heute andauert, kommen konnte. Auch da klärt Stegemann zuverlässig auf: Diese Verdrängung Liszts ist „das Ergebnis einer systematischen Demontage“, die schon zu seinen Lebzeiten begonnen hat. Vor allem mit Marie d´Agoults viel gelesenem Roman „Nélida“, in dem Liszt als kreativ impotenter Komponisten karikiert wird. Aber auch die infamen Schmähungen durch Robert und Clara Schumann, durch Johannes Brahms und andere konservativer Gegner der Programmusik, „allen voran der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick" werden angeführt. Und auch das besonders infame Kapitel der Liszt-Ausgrenzung durch die Familie Wagner, die schon mit Cosimas, der zweiten Ehefrau Wagners und Liszt-Tochter begann, wird beim Namen genannt..

 

Gibt es denn unter den Neuerscheinungen auch etwas für Leser, die sich nicht in dicke Schmöker vertiefen wollen, aber dennoch sachlich über Liszt, seine Person, sein Leben und sein Werk informiert werden wollen?

 

Ja. Es gibt in der Reihe WISSEN des Beck Verlags von Wolfgang Dömling eine gewissermaßen auf Taschenbuchformat eingedampfte, aber neu geschriebene Version seines vor 25 Jahren erschienenen großen Liszt-Buches des Autors. („Franz Liszt“. Beck Verlag). Und darin gelingt es Dömling, das Leben Liszts von seiner Geburt 1811 zu seinem Tod 1886 und die Karriere Liszts auf nur einhundertzwölf Seiten sehr anschaulich und kurzweilig zu porträtieren. In diesem Taschenbuch ist eigentlich alles, was man über den Komponisten wissen muss, sind die "Basics" sehr sachlich zusammengefasst. Das Buch ist leicht zu lesen für Jedermann. Auch bei Dömling kommt allerdings die Musik entschieden zu kurz. Dafür wird man von ihm gleich zu Beginn gründlich in habsburgischer Vielvölkerkunde unterwiesen, um zu verstehen, wohinein Liszt geboren wurde.Einer der engagiertesten Liszt-Autoren ist Ernst Burger. Er hat gleich zwei neue Bücher über Liszt vorgelegt, einmal eine Dokumentarbiographie. „Franz Liszt. Die Jahre in Rom und Tivoli“ (Schott Verlag) und ein spezielles Buch über Liszts Verhältnis zu Richard Wagner. Der Titel: „Franz Liszt. Leben und Sterben in Bayreuth“ (Con Brio Ver-lag). Wie beurteilen Sie diese beiden Publikationen? Also zum Einen rekonstruiert Burger in dem wirklich luxuriös ausgestatteten Bildband wie keiner vor ihm den späten Lebensabschnitts Liszts: Die Jahre in Rom und Tivoli. Von 1861 bis 1869 lebte Liszt ohne Unterbrechung in Rom, und von 1869 an jeweils etwa ein Drittel des Jahres, den Rest verbrachte er in Weimar und Budapest. In Rom empfing er die Niederen Weihen, und wurde zur uns heute vertrauten Gestalt des „Abeé Liszt“ in Soutane mit weißer Künstlermähne. Die Religion war für Liszt, das begreift man in diesem Buch sehr genau, eine Art Rückzugsort vor dem Überdruss des Starrummels und der Künstlerrolle. Wo sonst hätte Liszt inbrünstiger dieser religiösen Passion frönen können als in Rom-? Liszts römische Wohnungen - im Kloster Madonna del Rosario, im Vatikan und in der Villa d´Este in Tivoli - waren spektakulär. Ebenso spektakulär werden sie in diesem Buch abgebildet. Es sind historische Abbildungen (die man zum großen Teil noch nie sah) aus dem Rom der Liszt-Zeit. Ihr werden heutigen Photographien gegenüberstellt und von sehr interessanten autobiographischen Dokumenten eingerahmt. Ein faszinierendes Buch über ein faszinierendes Leben voller Widersprüche, zwischen Salon und Klosterzelle.

 

 

Das zweite Buch Burgers ist auch ein sehr eindrucksvolles, denn es dokumentiert zum Einen die enorme Bedeutung Liszts für Wagner und Bayreuth, das ohne ihn und seine Unterstützung nicht denkbar gewesen wäre. Zum anderen werden so detailliert wie noch nie die letzten Bayreuther Tage Liszts, zwischen dem 21. und dem 31. Juli 1886, dargestellt, indem drei Aufzeichnungen von Zeitgenossen einander gegenüberstellt werden, die die letzten Stunden Liszts miterlebten: Von Wagners langjährigem Diener Schnappauf, vom Liszt-Schüler August Göllerich und von Liszts Schülerin - und vielleicht auch letzter Geliebter - Lina Schmalhausen. Ihre sehr detaillierten Aufzeichnungen sind in Burgers Buch zum ersten Mal in vollständiger deutscher Fassung zu lesen. Das sind erschütternde Dokumente, die bei allem Befremden über die Liszt-Herabsetzung im Hause Wagner dennoch die Legende widerlegen, dass sich Cosima „überhaupt nicht um ihren sterben­den Vater gekümmert habe“. Aber natürlich war sie bemüht, dass Liszts Sterben nicht den geringsten Schatten auf die laufenden Festspiele und auf den Hausgott Wagner werfen sollte. Das verschweigt Burger auch nicht.

 

Von Bayreuth und von Rom ist in den beiden Büchern Ernst Burgers die Rede. Nun gibt es ja noch einen Ort in unserem Sendegebiet, an dem sich ein wesentlicher Teil von Liszts Leben abspielte: in Weimar. Gibt es eine Neuveröffentlichung zu diesem biogra-phischen Kapitel Liszts Leben?

 

 

Ja. Wolfram Huschke, Professor an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und Präsident der Deutschen Liszt-Gesellschaft, hat sich mit Franz Liszt, seinem Wirken und seinen Wirkungen in Weimar sehr detailliert auseinandergesetzt (Weimarer Verlags-gesell-schaft). Vor allem als Klavierpädagoge Operndirektor und Dirigent hat Liszt ja in seiner Weimarer Zeit Musikgeschichte befördert. Mit Mitte Dreißig hatte sich Liszt, des Herumreisens als Virtuose und gefeierter Star müde, in der damals ziemlich provinziellen Fürstenresidenz Weimar niedergelassen. Er lebte dort in der Altenburg mit der steinreichen Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein in skandalöser, wilder Ehe zusammen. Die Weimarer waren darüber gar nicht amused. Von Weimar aus hat Liszt der neuen Musik in Form unzähliger Ur- und Erstaufführungen zum Durchbruch verholfen. Und sein Stern verhalf dem nachgoetheschen Weimar noch einmal zu Glanz. Aber der Preis war hoch: Liszt hat in vielen Briefen geflucht über die Engstirnigkeit, Provinzialität und Borniertheit der Weimarer Gesellschaft und der Weimarer Hofschranzen, mit denen er sich ja täglich arrangieren musste. Bei Huschke kann man das alles genau nachlesen. Er läßt vor allem die Dokumente und die Quellen für sich sprechen. Das macht das Buch, in dem übrigens auch die Weimarer Liszt-Rezeption bis heute nachgezeichnet wird, ausserordentlich sympathisch.

 

Nun wollen wir auch den dritten Ort nicht vergessen, der in Liszts „zweitem Leben“, also den Jahren nach Beendigung seiner kommerziellen Pianistenkarriere, eine große Rolle spielte: Budapest. Liszt hat sich ja immer gern als Ungar ausgegeben. Das Ungarische durch­zieht ja auch sein musikalisches Oeuvre. Ich nehme an, auch diese Facette des Phänomens Liszt ist in den Neupublikationen aus Anlass seines 200sten Geburtstags nicht ganz ausgeklammert worden.

 

Richtig. Klára Hamburger hat in ihrem im Böhlau erschienenen Buch „Franz Liszt. Leben und Werk“ eine Liszt-Studie aus ungarischer Perspektive vorgelegt. Die Autorin war viele Jahre lang Generalsekretärin der ungarischen Liszt-Gesellschaft, sie kennt sich bestens aus und beschreibt Liszt, bei aller Vereinnahmung zum ungarischen Nationalkomponisten als eine über alle Politik hinweg „erhabene Persönlichkeit“, deren „europäische und humanitäre Gesinnung „insbesondere in nationalistischen Kreisen auf Unverständnis oder gar Widerstand stieß.“ Ein wichtiges Buch, wie ich finde, ein Plädoyer für den Weltbürger Liszt, der über Nationalismus und Antisemitismus stand, für die er oft vereinnahmt wurde, nicht nur in Ungarn, sondern auch und gerade in Deutschland. Man denke nur daran, wie anrüchig bis heute die Symphonische Dichtung „Les Préludes ist, bloß weil die Nationalsozialisten sie ohne jede inhaltliche Recht-fertigung missbrauchten als musikalisches Signet für Sondermeldungen der Wehrmacht im Rundfunk.

 

Können Sie zum Abschluß dieses Überblicks über die Liszt-Literatur denn noch für alle Leser, die ihr Liszt-Interesse vertiefen wollen, ein paar Empfehlungen aussprechen? Gibt es so etwas wie ein Standardwerk, eventuell sogar in aktueller Neuauflage?

 

 

Da ist natürlich unbedingt das fast 1000 Seiten umfassende Liszt-Buch des Nestors der französischen Liszt-Forschung, Serge Gut zu nennen. Es ist gerade in diesen Tagen als aktualisierter Neuauflage im Studio Verlag erschienen. Eine Liszt-Monographie, die in ihrem Perspektivenreichtum ein großer, bewundernswerter Wurf ist. Liszt als Mensch, als Komponist, als europäische Reiseexistenz, als Zeitgenosse von Chopin,. Berlioz und Wagner wird eingehend dargestellt. Aber auch sein Verhältnis zur Freimaurerei, zu den Juden und zur Politik. Auch Liszt als Schriftsteller, der er ja auch war, wird hier eingehend behandelt. Ein enorm gelehrt, kluges, wissenschaftlich korrektes und dennoch auch für den Nichtwissenschaftler sehr gut lesbares Buch. Und was das Buch besonders auszeichnet, dass es sonst nur sehr schwer beschaffbare Dokumente und Text beinhaltet, aber auch Auflistungen von Liszts Auftrittsorten, seien Konzert-programmen, seinen sämtlichen Werken, man kann sogar Liszts Testament nachlesen, in dem seine Vermögensverhältnisse offen gelegt sind. Und man kann anhand mehrerer hervorragender Register die vorzüglichen Abhandlungen zu seinen Werken und zu seiner Musik nachschlagen. In keinem anderen Buch erfährt so viel über die Musik Liszts. Ausser in der klassischen wissenschaftlichen Standard-monographie des kanadischen Musikwissenschaftlers Alan Walker, die in drei umfangreichen Bänden bei der New Yorker Cornell University Press erschienen ist. Sie ist das Non plus ultra auf dem neusten Stand der Liszt-Forschung. Drei schwere Schwarten. Nichts für jedermann. Keine Lektüre für den Nachttisch. Und sie ist bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden. Das unterscheidet sie von Serge Gut. Deshalb kann sein einbändiges Opus magnum wirklich jedem, der sich näher mit Liszt beschäftigen möchte, nur empfohlen werden.