Mythos Chopin

Dieter David Scholz

 

 

Mythos Chopin

 

Neue Chopin-Literatur 2010

Mit seinen Klavierkonzerten, seinen Préludes, Mazurken, Walzern und Nocturnes ist Frédéric Chopin, der in Polen geborene Sohn eines französischen Lehrers „unsterblich“ geworden. Chopin gilt als Inbegriff des romantischen Künstlers. Schon zu Lebzeiten wurde er zum Mythos stilisiert. Die Chopin-Literatur hat großen Anteil daran. Eine Blütenlese der neusten Chopin-Literatur, die aus Anlass des zweihundertsten Geburtstages des Komponisten erschienen ist,.

 

Chopins glänzende künstlerische Erscheinung und sein kurzes Leben waren prädestiniert zu Verklärung und Legendenbildung: Ein von Krankheit geprägte Dasein, eine Wunder-Kindheit, in der er in den polnischen Adelssalons auftrat, eine internationale Karriere als Klaviervirtuose, Lehrer und Komponist, eine fast 10-jährige – wie auch immer geartete - Beziehung zu der exaltierten, älteren Schriftstellerin George Sand. Ein früher, bis heute ungeklärter Tod im Alter von 39 Jahren.

 

Zurecht schreibt Adam Zamoyski in seinem Buch „Der Poet am Piano“: “Der Großteil von Chopins persönlichen Unterlagen wurde in zwei Weltkriegen, einer Revolution und einem privaten Rachefeldzug zerstört. Aus diesem Grund verlegen sich Biografen auf Speku-lationen und Fantasie, um die Lücken zu füllen, und jede Generation projizierte ihre eigene Ästhetik und ihre Sehnsüchte auf die weiße Leinwand.“ Das gilt auch für Zamoyskis eigene, bei Bertelsmann erschienene Chopin-Biographie, die Kunst, Liebe und Krankheit der Person Chopins als Roman eines Geheimnisvollen inszeniert.

 

Chopin gilt als der größte Romantiker unter den Klavierkomponisten des 19. Jahr-hunderts. Er habe dem Klavier seine Seele gegeben, heißt es. Chopin hat jedenfalls Klavier-musik geschrieben, die bis heute zur Beliebtesten überhaupt gehört. Und er war einer der brilliantesten Pianisten des 19. Jahrhunderts.

 

Robert Schumann schwärmte nach dem ersten Besuch eines Chopin-Konzerts: „Ein Genie“. Und die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ in Leipzig hob die „ausgezeichnete Zartheit seines Anschlags, eine unbeschreibliche mechanische Fertigkeit, sein vollendetes, der tiefsten Empfindung abgelauschtes Nuancieren“ hervor und bezeichnete ihn als „einen der leuchtendsten Meteoriten am musikalischen Horizont“. Wer dieses Urteil mit Fakten unterfüttert bekommen, wer also Etwas über die Musik Chopins erfahren möchte, der ist mit dem im Parthas Verlag erschienenen, brilliant geschriebenen Buch des literarisch ausserordentlich beschlagenen Musikwissenschaftlers Christioph Rueger „Frédéric Chopin. Seine Musik, sein Leben“ bestens bedient. Rueger zeichnet nicht nur präzise die Vita des Pianisten nach, sondern beschreibt und erklärt – und das beansprucht immerhin ein Drittel des Buches - auch das musikalische Werk Chopins kompetent und anschaulich. Das Buch ist lesbar für jeden, der sich für Chopin interessiert. Dagegen setzt Tadeusz Zielinskys im Schott Verlag erschienene Chopin-Biographie mit dem Untertitel „Sein Leben, sein Werk, seine Zeit“, bei der Abhandlung der Kompositionen Chopins beim Leser doch erhebliche musiktheoretische Kenntnisse voraus.

 

 

Wie es sich für einen schon zu Lebzeiten zum Mythos Verklärten gehört, ist das genaue Geburtsdatum Frédéric Chopins uneindeutig. Auf seiner Taufurkunde und auf seiner Geburtsurkunde ist der 22. Februar 1810 vermerkt. Chopins eigener Angabe zufolge ist er eine Woche später, am 1. März 1810 geboren. Doch was ist Wahrheit, wenn es um einen Mythos geht, der mit seiner schillernden Mischung aus vermeintlichem Patriotismus, musikalischem Genie, erotischer Aura und frühem, tragischem Tod bis heute eine unwiderstehliche Faszination und Anziehungskraft ausübt? Eva Gesine Baur zitiert denn auch in ihrer faktenreichen, psychologisch äußerst feinsinnigen Biographie „Chopin oder die Sehnsucht“, die beim Beck-Verlag erschienen ist, schon vor dem ersten Kapitel einen Brief Chopins, in dem es heißt „Verstecken wir uns – bis nach dem Tod“. Im Postludium ihres sehr lesenswerten Buches bekennt die Autorin: „Bei kaum einem anderen Komponisten ist so oft von der Seele die Rede wie bei Chopin. Die Seele läßt sich aber nicht definieren. Daher versucht sich dieses Buch im Zweifelsfall an Chopins Aussage zu halten ‚J’ indique – ich deute an“.

 

 

Chopin hat die Mazurka salonfähig gemacht. Er war zumindest musikalisch bekennender Pole. Doch sein Herz schlug für Paris, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Wenn er nicht gerade auf Konzerttournee war. Er war ein Kosmopolit, wie Liszt, wie Offenbach, wie Wagner. Beerdigt wurde er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Doch sein Herz wurde – in Cognac eingelegt - nach Warschau gebracht, von seiner Schwester Ludowika. Man hat es in eine Säule der Warschauer Heilig-Kreuz-Kirche einge­mauert. Dort wird es noch heute verehrt wie die Reliquie eines Nationalheiligen. Sowohl Zielinskys als auch Zamoyskis idealisierende Biographien bestätigen den Chopinkult als polnischen Mythos.

 

„Bei den Damen kommt man mit Chopin viel weiter als mit Mozart.“ Der augenzwinkernde Ausspruch des großen Pianisten Arthur Rubinstein kommt nicht von ungefähr. Frédéric Chopins gefeierte Konzertauftritte hatten für die Damenwelt in Warschau wie in Paris eine ebenso erotische Aura wie die von Franz Liszt. Nur der war in seiner Jugend ein Beau und ein Casanova. Bei Chopin, der alles andere als eine Schönheit war, wird zurecht bezweifelt, ob er die Frauen überhaupt liebte. Seine zehnjährige „Beziehung“ zur nympho-manischen Femme fatale Georges Sand ist jedenfalls mehr Legende als Wirklichkeit. Sie schmückte sich mit dem genialen Pianisten. Mehr nicht. Der Katholik Frédéric Chopin vertrat konservative Ansichten und verabscheute die Sexualität. George Sand pries dagegen die körperliche Liebe, war verliebt in sozialistisches Gedankengut und kritisierte die katholische Kirche. Nicht eben die Basis für wahre Liebe. Christoph Ruegers lakonischer Kommentar zu Chopins Erotik: „Die treueste Geliebte blieb sein Flügel, die treuesten Menschen waren die Freunde aus früheren Tagen und die ihm herzlich ergeben Schülerschar.“ Chopin starb nicht in den Armen Georges Sands, sondern in den Armen eines treuen Freundes. Doch die Nachwelt will davon nichts wissen, zu schön ist die Legende von der vermeintlichen Amoure zwischen der in Männerkleidern auftretenden, Zigarre rauchenden Schriftstellerin und dem immer krän-kelnden, genialen Starpianisten. Ein Mythos lebt eben von Legenden. Daran ändern auch die neusten Bücher über Chopin nichts.

 

 

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