Michael Hofmeister. Alexander Ritter

Dieter David Scholz

 

 

Wiederentdeckung eines Vergessenen

zwischen Wagner und Strauss

 

Selbst in der neusten Ausgabe des MGG, der führenden Enyklopädie der Musik, ist Alexander Ritter gerade mal eine halbe Seite gewidmet. Biographien Ritters liegen nur von seinen Zeitge-nossen F.Rösch (1897/98), H. Teibler (1902) und S. von Hausegger (1907)vor. Dass ausge-rechnet im 2012 erschienenen Wagner-Lexikon der bisher umfangreichste Artikel über ihn geschrieben wurde, verdankt sich der Tatsache, dass in Ritters Leben Wagner eine wesentliche Rolle spielte. Alexanders Mutter, Julie Ritter hatte mit ihren finanziellen Zuwendungen Wag-ners Überleben im Schweizer Exil gesichert. Alexander hatte Wagners Nichte Franziska gehei-ratet. Wagners Freund und Förderer Franz Liszt hatte ihn als Zweiten Kapellmeister nach Weimar geholt. Der Wagnerdirigent Hans von Bülow hatte ihn später als Zweiten Konzert-meister nach Meiningen verpflichtet, wo er den Wagnerianer Richard Strauss kennenlernte, der sich viel für Ritter einsetzte. Mit Cosima und Richard Wagner pflegte das Ehepaar Ritter freundschaftlichen Umgang.

 

Obwohl Ritters Œuvre (Schriften, Opern, Kammermusik, Chor-musik, Lieder und mehr) reich ist, ist er nicht wegen seines kompositorischen Schaffens, sonder eher wegen seines geradezu missionarischen Eintretens für die Neudeutsche Schule bekannt geworden. Geboren 1833 im estländischen Narwa (er starb 1896 in München) hatte er in Dresden und Leipzig Geige, Diri-gieren und Komposition studiert. Seine beruflichen Stationen waren Weimar, Würzburg, Schwerin, Chemnitz, Meiningen und München. Dort setzte er sich als Wortführer der „Ritter-schen Tafelrunde“ vor allem dafür ein, den Kompo-nisten der sogenannten Münchner Schule (u.a. Ludwig Thuille, Max von Schillings und Her-mann Bischof) Musik und Schriften Liszts und Wagners nahezubringen. Michael Hofmeister hat mit Akribie und Sorgfalt recherchiert, um Leben, Werk und Person Alexander Ritters, sein „Pech und Scheitern“ so umfassend wie möglich darzustellen, bisherige Kenntnisse dank neuen Quellenmaterials zu erweitern und das Bild des zwischen Wagner und Strass verges-senen Komponisten von Entstellungen sowie Un-terschlagungen zu befreien, zu ergänzen und zu verifizieren. Hofmeister hat das bisher voll-ständigste Werkverzeichnis erstellt und sogar einige unveröffentlichte Briefe Ritters abge-druckt. Zur Frage seiner musikgeschichtlichen Bedeutung und seiner Rezeption zitiert der Autor den Schriftsteller Herbert Rosendorfer:

„Die Qualität Ritterscher Werke kann heute nicht beurteilt werden, weil sie nie zu hören sind.“

 

Hofmeister hat für seine imposante Doktorarbeit, die nur dank des Frankfurter Richard-Wag-ner-Verbandes als Buch gedruckt werden konnte, keinen Fleiß und keine Mühen gescheut, um eine Vielzahl von Archiven zu sichten und Bibliotheken zu durchforsten. Er hat mit seinem Buch eine Lücke der Musikgeschichtsschreibung geschlossen. Ihm kommt schon jetzt der Rang eines Standardwerks zu. Chapeau!