Martin Geck . Die kürzeste Musikgeschichte der Welt

Dieter David Scholz

 

 

Konkurrenzloser Wurf:

Martin Geck: „Die kürzeste Geschichte der Musik“

 

Ein Plädoyer für die Neuausgabe

 

Von Dieter David Scholz

 

Kein Geringerer als Martin Geck, einer der renommiertesten Musikwissenschaftler hat es unternommen, „Die kürzeste Musikgeschichte der Welt“ zu schreiben. Das Buch wurde erstmals vor zehn Jahren unter dem Titel „Wenn Papageno für Elise einen Feuer¬vogel fängt“ im Rowohlt Berlin Verlag veröffentlicht, wurde dann schnell verramscht und ist jetzt erfreulicherweise bei Hoffmann und Campe wieder erschienenen, geringfügig aktualisiert.

Modest Mussorgski hat in seinem Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ nicht alle Bilder in Musik gesetzt, die er in der Ausstellung seines Maler-Freundes Viktor Hartmann kennen

lernte, sondern nur eine Auswahl. Sie ist aus der Sicht eines Betrachters komponiert, der in der Ausstellung umhergeht und dabei einmal in diese, einmal in jene Stimmung gerät. In ähnlichem Sinne will Martin Geck die 19 Kapitel seines Buches verstanden wissen. Er hat keine lineare, chrono¬logische Musikgeschichte geschrieben, sondern einen Bilderbogen entworfen mit einer Auswahl von Bildern aus jener großen Ausstellung, als die sich Musik über die Jahrtausende hinweg darstellt. Martin Geck:

 

„Das ging, um es mal so salopp zu sagen, nach Gefühl und Wellenschlag. Und dahinter steht natürlich eine gewisse Sachkenntnis, die man sich im Laufe seines Lebens erworben hat. Ich habe natürlich versucht, möglichst vielseitig zu sein, und es war klar, es benötigt unbedingt den Mut zur Lücke.“

 

 

Auf Mussorgskis Tondichtung anspielend, hat Martin Geck auch nicht die „Promenade“ zwischen den einzelnen Tonbildern vergessen: Es sind Kommentare aus Professorensicht. Da erfährt man aber nicht nur viel über musikalische Formen und über Gattungen. Geck erklärt Musik immer auch „menschlich-allzumenschlich“, um es mit Friedrich Nietzsche zu sagen.

 

„Ich finde, wer nur etwas von Musik versteht, versteht von Musik nichts. Zur Musik gehört dazu, dass man das Lebensgefühl der Komponisten und die Zeit, das Milieu, in dem die Komponisten geschaffen haben, mit dem Lebensgefühl, was uns jetzt nahesteht, mit unserm Milieu immer in Kontakt bringt, und auf diese Weise über das bloß unbewusst Emotionale hinaus doch schon so eine rationale, wenn auch affektgebundene Beziehung herzustellen.“ (Geck)

 

Auf nur 192 Seiten gelingt es Martin Geck brilliant, Essentielles über Musikgattungen und -Formen, aber auch über Epochen und Komponisten zu sagen. Keiner wie er kann komplizierte Zusammenhänge so einfach und unakademisch darstellen. In neunzehn Kapiteln spannt er einen Bogen von musikalischen Bräuchen afrikanischer Naturvölker zu den Opern Monteverdis und Händel, von der staatstragenden Funktion der Musik im Kaiserreich China bis zu den bedeutendsten Sinfonikern des 19. Jahrhunderts und zum Einzug von Blues und Rock ’n’ Roll in die weiße amerikanische Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Er schreibt über Bach und Schubert, Clara Schumann und Claude Debussy. Martin Geck versteht Musikgeschichte immer als Wechselspiel zwischen Anpassung und Autopoesie, also Selbsterschaffung.

 

„Man sieht das sogar im Blick auf die Werke von Beethoven, welcher sehr darauf bedacht war, autopoetisch zu schreiben, das heißt, nur so sich kundzutun, wie es seinem Inneren entsprach. Zugleich aber hat Beethoven nicht nur unbewußt, sondern auch bewußt Rücksicht genommen auf die Zeit und was in der Zeit möglich war. Aber nicht in dem Sinne, er hätte sich der Zeit angepasst, sondern er ist ihr gegenübergetreten. Insofern ist Musik immer ein Wechselspiel von dem, was aus mir herauskommt und von dem, was ich damit sagen will, womit ich die Anderen erreichen will.“

 

Am Ende des Wagnerkapitels polemisiert Geck gegen den Spießbürger und schreibt: „Die ganze, meist hart erstrittene und erlittene Kunst hat unsere Welt wohl kaum besser gemacht; doch um wie vieles ärmer wären wir ohne sie! Wir wüssten dann vielleicht gar nicht, dass wir

Menschen sind.“ Das ist die Botschaft seines Buches.

 

„Ja, das ist meine Message, aber es ist nicht nur meine Message, es ist die Message der Naturvölker, über die ich ja am Anfang des Buches schreibe. Und es ist gewiss die Message von vielen Komponisten, und auch vielen Musikhörern schlechthin.“

 

Martin Gecks Musikgeschichte ist mehr als nur eine Musikgeschichte. Sie ist ein Plädoyer für Musik als Lebenshilfe, ja als Überlebensmittel. „Musik ist auch etwas gegen die Angst, Raum und Zeit hilf los aus geliefert zu sein; gegen die Angst, in der Welt nicht gehört zu werden.“

 

„Musik ist für den Menschen unersetzliches Kontinuum. Im Kontinuum der Musik erfährt der Mensch auf unverwechselbare Weise: Ich bin nicht allein in der Welt. Ich bin gehalten von einem Strom, der niemals abreißt.“ (Geck)

Sein Mozart-Kapitel überschreibt Martin Geck mit dem berühmten Briefzitat, in dem Mozart bekennt, dass er Musik für aller Gattung Leute komponiere, ausgenommen für lange Ohren. Und am Ende seines Beethoven-Kapitels fordert Geck „Ohne Kenntnis kompositorischer Zusammenhänge kommt man über bloßes Schwärmen oder Schwätzen kaum hin aus; ohne Fragen nach Idee und Gehalt wird die Beschäftigung mit Musik schnell zu einer langweiligen und abstrakten Spezialistentätigkeit, die mit unserem Erleben nicht viel zu tun hat.“ Damit meint er seine Leser.

 

„Zielpublikum ist jeder Mann, jede Frau, die nicht die berühmte Mozartschen langen Ohren, also die Eselsohren hat, sondern die sich von Musik affizieren lässt. Und das sind sowohl Spezialisten, die immer wieder Mal die Nadel im Heuhaufen finden werden, nämlich kleine Aperçus, die sie sonst noch nicht lesen konnten, und es ist ebenso da angesprochen das Publikum, das sich als bloßer Liebhaber betrachtet. Und ich habe da die Hoffnung, dass diese Leserinnen und Leser Lust bekommen, die Musik zu hören, von der die Rede war.“

 

Gecks dünnes Buch ist ein bis heute konkurrenzloser Wurf. Eine hochinformative Musik-geschichte „der anderen Art“, die man an einem Abend verschlingen kann. Sie wirft einen Blick über den Tellerrand des Nur-Musikologischen hinaus, ist leichtlesbar und berührt. Schön, dass es sie wieder gibt! Man kann sich einem Presseurteil der Erstausgabe nur anschließen: „Wer sich von Martin Geck nicht für Musik begeistern lässt, dem ist nicht zu helfen.“

 

 

Beiträge für DLF Musikjournal & MDR Kultur