Lütteken Mozart . Leben und Musik im Zeitalter der Aufklärung

Dieter David Scholz

 

 

Laurenz Lütteken: Mozart. Leben und Musik im Zeitalter der Aufklärung.

C.H.Beck Verlag, VÖ: September 2017, 296 Seiten, ISBN 978-3-406-71171-8

 

Einzigartiges Nachschlagewerk in Sachen Mozart und das 18. Jahrhundert

 

Die Fülle an Mozartliteratur ist längst ins Unüberschaubare angewachsen. Jedes neue Mozart-buch muss sich die Frage gefallen lassen, ob es wirklich neue Erkenntnisse bringt. Der vielsei-tige Zürcher Ordinarius und Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken hat jetzt ein Mozart-Buch verfasst, das "Leben und Musik im Zeitalter der Aufklärung" zum Thema hat.

 

Es wird im Beck Verlag erscheinen und kommt am 19. September in den Buchhandel.

„Die Zauberflöte“ gilt als das Paradebeispiel für den immensen Einfluss, den das Gedankengut der Aufklärung auf Wolfgang Amadeus Mozart ausgeübt hat. Der Musikwissenschaftler Helmut Perl thematisierte dies bereits Anfang der 2000er Jahre in zwei Büchern. Weitreichende Recherchen über Mozarts freimaurerische Tätigkeit ließen Perl damals zu dem Schluss kommen: „Die Oper ist meiner Ansicht nach eine Darstellung der Illuminatenideologie als Produkt der Spätaufklärung.“

 

Die Illuminaten waren eine spezielle Spielart des Freimaurertums, die Kirchenkritik, Adelskritik, Kritik der bestehenden Verhältnisse mit sozialethischen, humanitären, aufklärerischen Idealen verband. Mozart war nachweislich Mitglied einer Wiener Illuminatenloge. Im Wien der Mozart-zeit war ein Großteil der Intellektuellen und Künstler freimaurerisch aktiv. Nicht nur in Wien.

 

„Man kann sagen, die ganze deutschsprachige Intelligenz war Mitglied in diesem Orden. Diese Illuminaten haben in Wien gearbeitet. Die Sache wurde den Fürsten allmählich zu gefährlich. Ab 1785 wurden die Illuminatenlogen in München zerschlagen und in Wien verboten. Von diesem Punkt an gingen die Illuminaten in den Untergrund„ (Perl)

 

Helmut Perl erklärte nicht nur die "Zauberflöte" zu einem politischen, ja geradezu subversiven Stück, er schlug ein tabuisiertes Kapitel Wiener Geistes- und Politikgeschichte auf, das in der Mozartliteratur vernachlässigt, wo nicht ignoriert wurde. Er machte deutlich, was Aufklärung und Freimaurerei zur Mozartzeit nach Joseph dem Zweiten im politischen Sinne bedeuteten und er nannte die Repräsentanten der Gegenaufklärung, wozu der Nachfolger Kaiser Josephs II. gehörte, der für seine gnadenlose und grausame Hatz auf die Illuminaten bekannt war, unterstützt von den Jesuiten, unter deren starkem Einfluss die Kaiserin stand.

 

Waren Helmut Perls Studien wegweisend hinsichtlich der politischen Dimension der Aufklärung in Mozarts Leben und Werk, so legitimiert sich Laurenz Lüttekens Mozartbuch dadurch, dass es erstmals Mozart auch jenseits des Politischen sehr präzise aus seiner Zeit und ihren Vorgaben erklärt, gesellschaftlichen, geistigen wie musikalischen. Lütteken will nicht noch einmal Mozarts Leben nacherzählen. Es ist oft genug beschrieben worden, und nicht immer auf der Basis nach-prüfbarer Fakten. Er bettet Mozart und sein Werk stattdessen ein in ein anschauliches wie konkre-tes Panorama der Zeit der Aufklärung und ihrer Alltagswirklichkeit.

 

"Diese Zugehörigkeit zum Zeitalter der Aufklärung hat ... in der weit verzweigten Auseinander-setzung mit Mozart bislang allenfalls eine untergeordnete Rolle gespielt. ... Die wenigen Versuche, die Zusammenhänge zu differenzieren, sind indes so vereinzelte Ausnahmen geblieben, dass sie sich nicht zu einer Systematik fügen wollen." Diese Systematik zeichnet Lüttekens Buch aus, das übersichtlich gegliedert in sieben Kapitel Mozarts Voraussetzungen darstellt, seine Lebenswelten mit ihren biografischen Schauplätzen: einer exzessiven europäischen Reiseexistenz als Wunder-kind, die demütigenden Jahre als Bediensteter des Erzbischofs von Salzburg und Wien als selbst-gewähltem Ort unabhängigen Musiker- und Komponistendaseins.

 

Aber auch Mozarts Einkommensverhältnisse, Mozarts geistige Horizonte, soweit sie aus seiner Lektüre und seinen Briefen zu erkennen sind, werden konkret benannt. Es geht um Mozarts Haltung in der Öffentlichkeit und es geht natürlich ganz zentral um seine Musik, um seine Operninszenierungen und die Rezeption seines Werks in Wien, Prag, Weimar und anderswo. All diese Parameter des oft beschriebenen, aber eben auch oft missverstandenen und verklärten Phänomens Mozart werden exakter als bisher aus den Rahmenbedingungen des 18. Jahrhunderts dargestellt. Mozart und seine Musik standen ja nicht außerhalb, sondern in seiner Zeit, wie Lütteken betont, und in Handlungszusammenhängen. Erst in diesen Zusammenhängen kann Mozarts Einzigartigkeit und Neuartigkeit wirklich verstanden werden. Vor allem in Mozarts Wiener Existenz erkenne man, so Lütteken, "eine Art von musikalischer Gattungspoetik, deren Binnenspannung von Normwahrung und Normabweichung zu musikalischen Solitären führen sollte." Bestes Beispiel sei die Gattung des Streichquintetts, die Mozart als "Neudeutung einer peripheren Wiener Tradition" sozusagen neu erfunden habe.

 

Mit seinem "Versuch, Prägungen, Motive und Resultate in und von Mozart im Geflecht der Denkformen des 18. Jahrhunderts" herauszustellen, gelingt es Lütteken, aus dem tradierten Mozartbild einen "anderen", puren, gewissermaßen skelettierten Mozart heraus zu präparieren, einen Mozart fern aller biographischen Spekulationen und Verkleisterungen. Damit stellt er zentrale Prämissen des 18. Jahrhunderts, wie sie sich beispielsweise in Goethes Bild des »apollinischen« Mozart äußern, ein Mozartbild, das Schule machte, in Frage. Aber auch die Aufklärungsforschung sowie die in den 1970er Jahren einsetzenden Bemühungen um den biographischen Anspruch einer »bereinigten, einer authentischen Mozartinterpretation« werden auf den Prüfstand gestellt. Vor diesem Hintergrund und auf der Grundlage der Neuen Mozart-Ausgabe entwirft Lütteken zwar kein geschlossenes, neues Mozartbild, er weiß, wie kompliziert der "Fall Mozart" ist, aber er trägt doch eine Fülle von Mosaiksteinen zusammen, die neue Schlaglichter auf Mozart werfen.

 

"Es sind Anhaltspunkte für ein anderes, bisweilen überraschendes Mozartverständnis (im Sinne einer) Archäologie der musikalischen Kommunikation." Um ein berühmtes Schlagwort des Mozartforschers Jan Assmann abzuwandeln. Das Buch von Laurenz Lütteken ist trotz seiner stupenden Gelehrtheit und wissenschaftlichen Machart nicht nur für Musikwissenschaftler gut lesbar. Ein aufschlussreicher Anmerkungsapparat, ein Index, in dem alle erwähnten Personen kurz aber präzise porträtiert werden und ein sehr nützliches Personenregister machen Lüttekens Buch zu einem konkurrenzlosen Nachschlagewerk in Sachen »Mozart und das 18. Jahrhundert«.

 

 

Beiträge für MDR Kultur, DLF Musikjournal und Crescendo (Sonderheft der Deutschen Mozart Gesellschaft