Kiesel Mildner. Wahnfried und Drüner. Richard Wagner

Dieter David Scholz

 

 

Zwei ungleiche Bücher: Ein Wichtiges und ein Unwichtiges...

 

Ulrich Drüner: Richard Wagner Die Inszenierung eines Lebens. Biographie. Blessing Verlag, 832 Seiten. 34,99 Euro

Wahnfried. Das Haus von Richard Wagner. HG. Markus Kiesel, Joachim Mildner. Con Brio Verlag176 S., 48,00 Euro

 

 

Wagner war ein Meister der Selbstinszenierung und ein Paradebeispiel dafür, wie man sich als Person in Szene setzen und das eigene Werk stilisieren kann. Man denke nur an seine Inspirationslegenden zum Fliegenden Holländer, zum Rheingoldvorspiel oder zum Karfreitagszauber im Parsifal. Wagner hat im privaten Gespräch seiner Frau Cosima gegenüber gestanden, dass es sich lediglich um hübsche Einfälle, bloße Phantasien handele. Auch Wagners Autobiographie ist voll von eitlen Selbststilisierungen. Von der Art, wie er sich vor den Photographen mit Barrett und altdeutscher Kleidung in Szene setzte, ganz zu schweigen. Wagner ist seit seinen Lebzeiten ein Mythos, den er wesentlich mitinszeniert hat. Ulrich Drüner behauptet in seinem 800seitigen Buch, er wolle diesen sich selbst stilisierenden Wagner einmal detailliert unter die Lupe nehmen und unter diesem Aspekt Werk und Leben des Komponisten darstellen. Der Autor hält fast allen bisherigen Wagnerbiographen eine gepfefferte Gardinenpredigt. Dem Leser verspricht Drüner nichts weniger als eine „Neueinschätzung“ des Werks, eine Entmythologiserung Wagners und eine ideologiekritische, ultimative Wagnerbiographie.

 

Diesem selbstgesetzten Anspruch wird das durch weitschweifige Schilderungen und Beschreibungen unnötig aufgeblähte Buch allerdings nicht gerecht. Es ist nicht nur anmaßend, es ist auch methodisch konfus. Wagner-Apologeten werden gegen Wagner-Kritiker ausgespielt, wobei Drüner selbst selten eindeutig Stellung bezieht und oft um den Brei herum redet, wenn es heikel wird zum Beispiel. Es ist immer wieder die Rede von einem sehr vagen, schillernden Begriff der "Transzendenz" Wagners, der aber nicht wirklich verifiziert wird. Wagners Weltanschauung, vor allem sein Antisemitismus wird einseitig und undifferenziert dargestellt. Der Autor ignoriert wichtige inzwischen vorliegende Erkenntnisse der Wagnerforschung zu diesem Thema. Bei der Lektüre irritiert am meisten, dass Drüner glaubt, den Ideologen Wagner reinwaschen zu können durch seine geniale Musik, die über alle weltanschaulichen Verirrungen des Komponisten erhaben sei. Ausführlich beschreibt und würdigt er daher die Werke, noch ausführlicher schildert er einmal mehr die hinlänglich bekannte Biographie Wagners und stützt sich dabei weitgehend auf dieselben Quellen, die er bei anderen Wagnerbiographien unzuverlässig nennt. Für den Wagnerkenner gibt es in diesem hochtrabend geschwätzigen, zudem in allzu gefühliger und unpräziser Sprache verfassten Veröffentlichung kaum Neues zu entdecken. Ein überflüssiges Buch!

 

 

Wer hätte je daran gezweifelt, dass Wagner ein Meister des Selbstinszenierung war? Schon der Anblick seines pompösen Bayreuther Wohnhauses lässt daran keinen Zweifel. Auf der Eingangsfront der repräsentativen Villa, die er acht Jahre vor seinem Tod mithilfe eines großzügigen Geldgeschenks König Ludwigs des II. von Bayern erbauen konnte, und die er "Wahnfried" taufte, ließ Wagner den Spruch anbringen: „Hier wo mein Wähnen Frieden fand, Wahnfried sei das Haus benannt“.

 

Doch Frieden fanden weder Wagner noch seine Erben in der pompösen Künstlervilla im italienischen Renaissancestil, die schon Wagners Gattin Cosima ein „Ärgersheim“ nannte. Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Haus wurde erst in den 70er Jahren wiederaufgebaut und in ein Museum umgewandelt. Anlässlich des zweihundertsten Geburtstages Wagners wurde es grundsaniert, um einen Neubau erweitert und als Museum konzeptionell vollkommen neugestaltet. Nun war Wahnfried immer schon mehr als nur der ehemalige Wohnort eines Komponisten. Es war neben dem Festspielhaus „der zweite Ort der authentischen Wagnertopographie Bayreuths“, war "Ideologiezentrale, Asservatenkammer und Pilgerstätte", wie die Markus Kiesel und Joachin Mildner, Herausgeber der ersten umfassenden Dokumentation der Geschichte des Hauses schreiben. Dem Architekten des Neubaus, Volker Staab, geben sie in einem Interview Gelegenheit, seinen an der Tradition Mies van der Rohes orientierten Neubau zu rechtfertigen mit "aufklärerischer Distanz" gegenüber dem „authentischen Erinnerungsort“. Doch Staab bekommt scharfen Gegenwind von Nike Wagner, der klugen und unerschrockenen Urenkelin von Richard Wagner: Sie legt in einem brillianten Essay, ihrer überarbeiteten Eröffnungsrede "Neuwahnfrieds", den Finger an die neuralgischen Punkte der Neukonzeption des Museums, an die „Mühen des langen Weges zu Wahnfried heute, die Diskussionen, Wettbewerbe, Zuständigkeitsprobleme und Versäumnisse.“ Sie bescheinigt „Neu-Wahnfried“ zwar, „nach allen Regeln zeitgenössisch-interaktiver Museumspädagogik, barrierefreier correctness und klimatischer Zentralsteuerung“ den Anschluss an die Gegenwart gefunden zu haben, aber „zum Preis der Nichtwiederherstellung der historischen Gartenanlage.“ In ihr befindet sich nun Volker Staabs Neubau, in den die Theatergeschichte der Familie Wagner „mitsamt Museums- und Archiv-Depot unter Tage verlegt wurde, in Nacht und Künstlichkeit, in ein gewaltiges Nibelheim“, wie Nike Wagner schreibt.

 

Der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal würdigt zwar den dunkel verglasten, eingeschossigen Pavillon samt gewaltigem Untergeschoß und nennt ihn in seiner "Beobachterposition im Park" ein "transparent wirkendes, in der Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsgestalter HG Merz überlegtes und kluges Museum". Mancher wird da aber anderer Meinung sein. Und vom eigentlichen Haus Wahnfried, wie es sich heute präsentiert - entrümpelt und entzaubert, weitgehend seiner einstigen Exponate, der vielen Möbel, Vitrinen, Schautafeln und Devotionalien beraubt - ist nicht die Rede. Zurecht spricht Verena Naegele, Kuratorin der ersten Sonderausstellung „Neu-Wahnfrieds“ über die Geschichte des Hauses, die den Hauptbeitrag des Buches beisteuert, von einer „aus den Fugen geratenen Neugestaltung“. Sie hat sich durch Unmengen unerschlossener Archivalien gegraben. Nicht zuletzt ihr ist eine akribisch genaue Darstellung der Geschichte der Realisierung von „Wagners Vision einer repräsentativen Familien-Residenz“, ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, der Restaurierung der „Wahnfried-Ruine“ und Umwandlung in ein Museum, schließlich dessen Erweiterung und Umgestaltung in eine Wagner-Gedenkstätte mit Nationalarchiv gelungen. Auch die puristische, konzeptionell allerdings fragwürdige Präsentation des Siegfried-Wagner-Hauses als Ort der Erinnerung an dessen berühmtesten Gast, Adolf Hitler wird nicht ausgespart. Die Herausgeber Kiesel und Mildner bemühen sich zwar um unparteiische Sachlichkeit, weisen aber zutreffend darauf hin, dass „gerade in einer Zeit, wo die Bayreuther Festspiele ihre ästhetische und künstlerische Relevanz zu verlieren scheinen, " die Zukunft des Hauses Wahnfried dem neuen Nutzungskonzept" entspreche, "das mehr Aufgabe als Zustand" sei: „aufgeklärter und aufklärender Erinnerungsort, Dokumentations- und Forschungszentrum, das seine Vergangenheit nicht leugnet, aber in besonderem Maße der Zukunft verpflichtet ist".

 

Das Buch enthält neben seinen informativen Texten aufschlussreiches Bildmaterial, darunter viele bisher nicht veröffentlichte historische Photographien, aber auch Pläne und sonstige Abbildungen, es ist außerordentlich ansprechend gestaltet, hart gebunden und fadengeheftet. Dass es zweisprachig, in deutsch und englisch verfasst ist, wird seiner internationalen Beachtung zum Vorteil gereichen. Eine Publikation, die man schon jetzt ein Standardwerk nennen darf.

 

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