Jüdisches Lexikon

Dieter David Scholz

 

 

Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden.

Begründet von Georg Herlitz und Bruno Kirschner. Jüdischer Verlag (Athenäum) 5 Bände,

2. Auflage 1987 (Nachdruck der ersten Auflage), zusammen 4482 S.; DM 680,-

 

 

Der Geist Nathans schwingt nach

Einzigartige enzyklopädisch-integrativen Darstellung des Judentums aus dem Geist der Zwanzigerjahre

Das Fazit von einhundert Jahren jüdischer Wissenschaft in Deutschland

 

 

Beim Stichwort "Israel" wird zunächst der Begriff Israel definiert als ein Name, der Jakob vom Engel Gottes eingegeben wurde, nachdem er ihn im Kampfe besiegt hatte. So überliefere es die Erzvätersage. Und hier ist schon der erste Querverweis auf ein neues Stichwort vermerkt. Erzvätersage, so kann man nachschlagen, das ist die biblische Überlieferung der drei Stammäter Israels, also Abraham, Isaak und Jakob, die aus jüdischer Sicht als einzige Bewahrer der göttlichen Ur-Offenbarung gelten. Als nächstes wird der Name Israel erklärt als ein Name, der volksetymologisch soviel wie "Gotteskämpfer" bedeute. Dann wird das Volk Israel als politisch-nationaler Begriff erläutert: als das Volk der 12 Stämme, aus dem das Judentum als religiös-nationales Gebilde hervorgegangen sei. Das Volk selbst, so ist weiter zu lesen, habe sich als "Bene Jisrael" was soviel heißt wie Kinder Israels, oder auch "Bet Jisrael", Haus Israels, bezeichnet. Dem Untergang des nördlichen Zehnstämmereiches ist es zuzuschreiben, so liest man, daß zugunsten des südlichen Reiches Juda seither nur noch von den "Juden" geredet werde. Der als antiquiert eingestuften Bezeichnung "Israel" wird eine mehr religiöse und poetische Bedeutung zugesprochen. Der Begriff "Judentum" habe sich in der Geschichte durchgesetzt, auch wenn er unter dem Einfluß des antisemitischen Sprachgebrauchs einen beschimpfenden Unterton erhielt, so heißt es. Und es wird verwiesen auf das Stichwort "Emanzipationsbestrebungen".

 

Und schließlich wird das Königreich Israel in historischer Ausführlichkeit dargestellt und erläutert über mehrere Seiten mit wiederum zahlreichen Querverweisen. Eine ausklappbare Farbtafel zeigt eine historische Karte Palästinas zur Zeit der Entstehung des israelitischen Königtums. Zum Schluß noch ein Verweis auf das Stichwort "Presse, jüdische". Dort erfährt man, daß die erste jüdische Zeitung in hebräischer Sprache in Holland erschienen ist und zwar im Jahre 1728. Ein Verweissystem ohne Ende und doch jedes Stichwort in sich selbst verständlich und hinreichend erklärt. Das "Jüdische Lexikon", das 1927 im Berliner Jüdischen Verlag in fünf Bänden in den Buchhandel kam, war das erste umfassende jüdische Lexikon, das in deutscher Sprache erschien. Und es warb damit, ein praktisches Handbuch des "jüdischen Wissens" für gebildete Laien zu sein. Ein bescheidener Anspruch, der weit übertroffen wurde. Denn in cirka 8.000 Spalten Lexikonformat werden etwa 10.000 Artikel geboten, die fast 300 Mitarbeiter aus aller Welt verfaßten. Artikel über sprachliche, archäologische, historische, religionsgeschichtliche, literarische, bibliographische, theologische, liturgische, juristische, soziale und wirtschaftliche Probleme des Judentums in Vergangenheit und Gegenwart. Natürlich wurden auch Artikel rein biographischer oder topographischer Art verfaßt. Daneben Artikel, über die Geschichte des jüdischen Buch- und Bibliothekswesens, über jüdische Sammlungen, Inkunabeln, über das jüdische Verlagswesen, über Autographen, hebräische Büchertitel und jüdische Bibliotheken informieren. Was zunächst für die Praxis und die Praktiker als einbändiges Lexikon geplant wurde - zur Vermittlung schneller Überblicke und Informationen - wuchs sich rasch zu vier Bänden aus, der vierte wurde nochmals geteilt und so sind fünf Bände daraus geworden. Sie erschienen in den Jahren 1927 bis 1930.

 

So wie diese fünf Bände damals auf den Buchmarkt kamen, in wohlfeiler Ausstattung, auf bestem Glanzpapier, mit 250 großen Tafeln, mit Notenbeilagen, Karten, Farbendrucken und rund 1700 photographischen Abbildungen im Text, so sind sie nun im Jüdischen Verlag, der seit Sommer 1990 eine Tochtergesellschaft von Suhrkamp ist, wiederaufgelegt worden, als Reprint der ersten Ausgabe. Es ist eine verlegerische Großtat, die nicht genug zu rühmen ist, denn das Jüdische Lexikon ist mehr als nur ein Lexikon jüdischen Wissens: es ist so etwas wie das Fazit von einhundert Jahren jüdischer Wissenschaft in Deutschland. Und es ist, im Vorfeld noch der grüßten Judenka-tastrophe entstanden, zur Blütezeit der deutsch-jüdischen Symbiose, in der Weimarer Republik, ein Dokument liberaler, fortschrittsorien-tierter Aufklärung, ein Dokument, das, auch wenn seine Zuversichtlichkeit - nur wenige Jahre später - praktisch Lügen gestraft werden sollte, etwas vermittelt von der Größe und Humanität deutsch-jüdischer Kultur, die noch in den Zwanzigerjahren auf allen Gebieten so reich blühte, um alsbald auf immer zerstört zu werden. Deutsche Kultur und Wissenschaft haben sich davon nach 1945 nur schwer, wenn überhaupt erholt.

 

Die beiden Herausgeber des Jüdischen Lexikons waren Georg Herlitz und Bruno Kirschner. Sie haben als erste realisiert, was schon seit 1844 von Moritz Steinschneider und David Cassel reklamiert wurde, aber nie verwirklicht werden konnte: eine jüdische Enzykloädie in deutscher Sprache. Das Bedürfnis der Wissenschaft vom Judentum, wie sie 1823 von Leopold Zunz ins Leben gerufen wurde, das Bedürfnis nach einer deutschsprachigen jüdischen Enzyklopädie hat sich im "Jüdischen Lexikon" verwirklicht. Und es ist nicht Abgrenzung gegenüber den Nichtjuden, sondern das Gegenteil, das die Herausgeber zu dieser editorischen Tat veranlaßte: die Einglie-derung der Wissenschaft des Judentums in die Gesamtheit der Wissenschaften. Es ist aber auch der mutige Versuch, die dogmatische gebundene und dialektisch betriebene Lehrweise des Mittelalters, die weit ins Judentum des neunzehnten Jahrhunderts hinein betrieben wurde, und vom orthodoxen Judentum bis ins zwanzigste Jahrhundert gepflegt wurde, endgültig zu überwinden. Deshalb ist das oberste Anliegen dieses Lexikons größtögliche Obkjektivität, zumindest aber Überparteilichkeit. Ein Anliegen, das sich aus dem Glauben an Fortschritt in der Geschichte - im Besonderen der deutsch-jüdischen - nährte. Der Optimismus des "Jüdischen Lexikons" will keineswegs die blutige Geschichte der Juden leugenen oder schönfärben. Im Gegenteil, denn auch davon weiß es eine Menge zu berichten. Aber es bemüht sich doch um Versöhnung und Verständnis, sein Anliegen ist Integration, nicht Abgrenzung oder Stigmatisierung. Deshalb auch kommen bei strittigen Stichwörtern stets mehrere, konträre Meinungen zu Wort. Diese werden, frei von Polemik, in leicht verständlicher Sprache und großer Klarheit so knapp wie möglich, so ausführlich wie nötig dargestellt. Nicht einmal die Kenntnis der hebräischen Buchstaben wird vorausgesetzt. Das "Jüdische Lexikon" - und das ist eines seiner Hauptan-liegen - kann wirklich von jedem benutzt werden.

 

Es ist eine gewaltige Stoffmasse, die das "Jüdische Lexikon" bewältigt: die israelisch-jüdische Geschichte und Kultur bis zur Zerstörung des Tempels, die mischnisch-talmudische Entwicklung, die rabbinische Literatur, die Vermittlung der Wissenschaften im Mittelalter in hebräischer Sprache, die Geschichte der Juden in den einzelnen Ländern und Städten, ihre Betätigung in Wissenschaft, Kunst und Literatur, in Technik und Wirtschaft, sowie ihre religiöse und kulturelle Entwicklung in der Gegenwart, das heißt in den Zwanzigerjahren. Dargestellt wird das Wesen und die Entwicklung einer Gemeinschaft über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahrtausenden.

Das "Jüdische Lexikon" ist, jedenfalls bis heute, der letzte Versuch, einer enzyklopädisch-integrativen Darstellung des Judentums in seinen vielfältigen Facetten. Und als "Enzyklo-pädie" wollte es sich ja zunächst auch bezeichnet wissen. Dem heutigen Leser mit histo¬rischen Erfahrungen, die den Autoren dieses Lexikons noch nicht einmal ahnbar, geschweige denn voraussehbar waren, sollte die Perspektive, aus der hier jüdische Ge¬schichte und Kultur dargestellt wird, zu denken geben: Es ist die zwar vergangenheits- und traditionsbewußte, aber doch positiv zu¬kunfts¬orientierte Perspektive vor dem Holocaust, der nach 1945 allem Schreiben über Juden und Judentum jene Gelassenheit und Zuversicht unmöglich gemacht zu haben scheint, die dem "Jüdischen Lexikon" noch eigen ist.

Verständlicherweise liegen die vielleicht interessantesten Schwerpunkte dieser fünfbändigen Enzyklopädie für uns heute im neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert, der Voraussetzung zu dem, was Auschwitz möglich gemacht hat. Gerade die Fülle an faktischen und biographischen Einzelheiten, mit der das Jüdische Lexikon für diesen Zeitraum aufwarten kann, frappiert. Es bewahrt Einzelheiten, die kaum sonst zu erfahren sind. Jeder, der sich mit der Geschichte der Juden in Deutschland befaßt, wird hier Material vorfinden wie nirgends sonst. In Bezug auf die Geschichte der Juden in Deutschland entfaltet dieses Lexikon seine ganze Stärke. Allein die historischen, topographischen und biographischen Fakten, Statistiken und Hinweise, deutsche Städte oder Persönlichkeiten betreffend, sind eine Fundgrube für den, der sich mit dem nach wie vor aktuellen Verhältnis von Deutschen und Juden zueinander befaßt. Zu schweigen von den zum Teil kuriosen und pikanten Dokumenten, die es abdruckt. Eine zerstörte, eine unwiderbringliche Kultur wird hier noch einmal gegenwärtig, das Wissen darum ist in diesem Lexikon auf eine sehr lebendige, ganz unakademische Weise erhalten geblieben.

 

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: es sind keineswegs ausschließlich jüdische Themen und Persönlichkeiten, die behandelt werden, so kann man zum Beispiel auch über Richard Wagners Haltung zur Judenfrage nachlesen, in einem knappen Artikel, der in ganz erstaunlich unvoreingenommener Weise Wagners Haltung charakterisiert. Aber naturlich sind alle Artikel sozusagen aus der Perspektive jüdischer Wissenschaft geschrieben, unter dem Blickwinkel also, inwieweit sie In Bezug auf jüdische Fragestellungen interessant sind. Es ist dies allerdings eine Perspektive, die sich durch Weite des Horizonts und ein hohes Maß an Differenziertheit auszeichnet. Erst in zweiter Linie, so betonen die Herausgeber schon im Vorwort des ersten Bandes, will dieses Lexikon der jüdischen Wissenschaft dienen. Sein Hauptanliegen ist das der Vermittlung, zwischen jüdischem wie nichtjüdischem Lese-Publikum. Der Geist Nathans schwingt hier nach.

 

Lange Zeit war das "Jüdische Lexikon" - wenn überhaupt - nur antiquarisch zu haben, nun ist es wieder im Buchhandel erhältlich. Ein Standardwerk der Kultur des Judentums. Geboren aus dem fortschrittlichen Geist der Zwanzigerjahre, ist es ein noch heute einzigartiges und - abgesehen von Einzelergebnissen neuerer Forschungen - auch unüberholtes Nachschlagewerk. Auch und gerade, weil es unter anderen historischen Bedingungen entstand. Nicht zuletzt zeichnet es sich nämlich aus durch einen warmen, optimistischen Tonfall, durch aufklärerische Gesinnung und vor allem - obwohl es vom Leid der Juden viel zu berichten weiß - durch Ressentimentlosigkeit aus: Tugenden, an denen es der heutigen deutsch-jüdischen wie der deutsch-israelischen Debatte oft genug mangelt, verständlicherweise zwar angesichts der jüngeren Geschichte, aber dennoch bedauerlicherweise, denn so manchem wünschenswerten Dialog, so manchem konstruktiven Diskurs werden dadurch von vornherein Grenzen gesetzt.

 

Rezension für "Die Alternative" HR (1987), auch in DIE ZEIT