Joachim Campe, Rossini

Dieter David Scholz

 

 

Nichts Neues über Rossini bei Joachim Campe

 

 

Vielen ist Rossini nur als Komponist komischer Opern, vor allem des "Barbiers von Sevilla" geläufig. Dass er mehr "ernste" als unernste Opern geschrieben hat, ist weitgehend in Verges-senheit geraten, obwohl er der erfolgreichste, meistgespielteste und einflussreichste Opern-komponist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, vor Meyerbeer und vor Wagner. Auch an Rossinibiografien mangelt es nicht. Und doch tritt Joachim Campes Rossinibuch mit dem Anspruch an, „Rossinis Leben neu zu erzählen“ Er skizziert die Vita des strahlenden Knaben-soprans von Pesaro über den komponierenden Wunderknaben und jugendlichen Opernstar in Neapel bis hin zu seinem verschatteten Pariser Rückzug vom Operngeschäft, eben die „hellen und die dunklen Jahre“: „Rossinis Werk ergibt so wenig eine bruchlose Einheit wie seine Biografie.“ Der Autor weist darauf hin, dass bereits der Musikschriftsteller Ferdinand Hiller 1855 in seinen „Plaudereien mit Rossini“ dem Komponisten empfohlen habe : „Sie müssten einmal jemandem ihre Biographie in die Feder diktieren, die Einzelheiten eines so reichen Lebens dürfen nicht verloren gehen.“

 

Damit spielt Campe darauf an, dass Rossini ein großer Anekdotenerzähler gewesen ist. Viele Anekdoten, so schreibt er, seien verbürgt, andere dagegen seien „der gesalzenen Pointe zuliebe erdacht worden.“ In der Tat brillierte Rossini Zeit seines Leben mit pikanten wie zynischen Bonmots und Aphorismen. Eine seiner typischen selbstkritischen Äußerungen hat der mit Rossini befreundete Schriftsteller Filippo Mordani überliefert: „Ich habe alle Frauenleiden. Alles, was mir fehlt, ist die Gebärmutter.“

 

Man muss wissen: Rossini war ein "depressives Genie" wie schon 1965 der Psychologe Da-niel Schwartz in seiner Publikation über Rossini erkannt hatte, von Selbstzweifeln bis zu krankhafter Selbstabwertung gequält, trotz allen Erfolgs, aller Geselligkeit und allen Humors, der sich vor allem in Rossinis Fähigkeit ausdrückte, sich über sich selbst lustig machen zu können, gerade weil sein Leben alles andere als lustig war

 

 

"Alterssünden" nannte Rossini die weit über hundertfünfzig Kompositionen, die er in den letzten dreizehn Jahren seines Lebens schrieb, nachdem er 39 Opern komponiert und dann der Oper den Rücken gekehrt hatte. Der Titel dieser Stücke ist typisch ist für Rossinis Selbstironie und Understatement, denn es handelt sich um alles andere als Gelegenheitswerke. Es sind exquisite Meisterstücke en miniature. Sie waren für Rossini vor allem Überlebenskompo-sitionen angesichts seiner vielfältigen körperlichen Leiden und Depressionen, die sich nach dem Ende seiner Opernlaufbahn dramatisch verstärkt hatten. Im Alter von 44 Jahren habe er, laut einem ärztlichen Gutachten "seiner Leidenschaft für Frauen Zügel angelegt und über-mäßigen Genuss von Alkohol und gewürztem Essen eingestellt". Kein Wunder, dass seine zweite Frau, die ehemalige Kurtisane Olympe Pélissier, weniger seine Geliebte, als seine Krankenschwester“ war, wie schon der Rossinibiograph Richard Osborn lange vor Joachim Campe wusste.

 

Joachim Campe versteigt sich in seinem Rossinibuch zu der Behauptung: „Die Liebe war nicht Rossinis Thema. Seine Themen waren Krankheit und Gesundheit, die individuelle wie kollekt-ive“. Dass Rossini “keinen einzigen Herzenston zustande gebracht habe” und “kein Gefühls-mensch” gewesen sei, wie Campe den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt zitiert, dem muss entschieden widersprochen werden. Wenn Rossini in seinem Werk Krankheiten thematisiert, so sind es vor allem psychische. Zu ihnen mag man die Liebe mit ihren oft verwirrenden Folgen zählen. Doch gerade diese Liebe steht in den meisten Werken Rossinis - den komi-schen wie den ernsten - im Mittelpunkt. Nur äußert sich diese Liebe anders als in gewohnten „Herzenstönen“. Rossini verstehen, heißt seine besondere musikalische Sprache erkennen. Zu der weiß Campe allerdings nicht viel zu sagen. Der Operndramaturg Boris Kehrmann hin-gegen hat Rossinis Musikidiom einmal auf den Punkt gebracht: „Die Kontrahenten schleudern sich in wachsender Erregung Koloraturen-Salven ins Gesicht. Lyrische Gefühle klettern hingegen auf langen Koloraturen-Treppen gen Himmel und wieder hinab.“

 

 

Joachim Campes Rossinibuch, das mit dem Anspruch antritt „Rossinis Leben neu zu erzählen“ ist eine große Enttäuschung. Campe wartet vorwiegend mit Altbekanntem auf, mit Gemein-plätzen der Rossinibiographik und mit manch fragwürdigen Behauptungen: Dass Rossini ein Feind des musikalischen Fortschritts gewesen sei, musikalisch der Zeit quasi hinterhergehinkt, Wagner nicht verstanden und wie fremdgesteuert auf äußere Einflüsse reagiert habe, kann man nach den Erkenntnissen der weit ausholenden, profunden Biographien von Herbert Weinstock, Richard Osborne und Volker Scherliess, um nur drei zu nennen, weiß Gott nicht sagen. Und wer Rossinis letzte Opera seria, „Guillaume Tell“ gehört hat, weiß, dass Rossini musikalisch mit allen Wassern seiner Zeit gewaschen war und seinen Zeitgenossen mit diesem Werk geradezu ein Lehrstück in Sachen „Zukunftsmusik“ präsentiert hat, indem er bereits Vorwegnahmen des jungen Verdi wie des jungen Wagner hören ließ.

 

 

Eine der banalsten Behauptungen Joachim Campes lautet „dass Rossini... auch das Leid“ gesehen und damit „dem Klischee vom kühlen Weltmann“ widersprochen habe. Ein kon-struiertes und fragwürdiges Klischee! Natürlich sah Rossini auch das Leid, wie alle Opern-komponisten es sahen. Leid und Liebe gehören per definitionem zur Oper. Aber Rossini war alles andere als ein „kühler Weltmann“! Seine Vita, die an emotionalen Glücks- wie Unglücks-erfahrungen reich ist, bezeugt es doch. Keiner hat sie besser dargestellt als Arnold Jacobs-hagen 2015 in seinem fulminanten Buch "Rossini und seine Zeit". Joachim Campe scheint diese Publikation nicht zu kennen. In seiner Bibliographie sucht man den Titel vergeblich. Jacobshagen hat allerdings wesentlich präziser als Campe dargestellt, dass Rossini - seiner Lebenslust und seinem komischem Werk zum Trotz - jahrzehntelang ein schwerkranker Mann war, der an Geschlechts- und Nervenkrankheiten, aber auch an Hämmorhoiden, Herz-schwäche, chronischer Bronchitis, chronischen Blasenleiden, schließlich einem bösartigen Darmtumor gelitten habe. Zudem wurde er immer wieder von schwersten Depressionen mit Suizidgedanken heimgesucht. Dem hat das Buch von Joachim Campe nichts hinzuzufügen.

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