Helmut Deutsch. Gesang auf Händen tragen

Dieter David Scholz



Die Autobiographie eines der Altmeister unter den Liedbegleitern als berührende Hommage an Hermann Prey


„Was haben wir doch für einen Traumberuf!“ Der Satz stammt von Hermann Prey. Er hat ihn an Helmut Deutsch gerichtet, der ihn viele Jahre am Klavier begleitete. Der renommierte Liedbegleiter bekennt in seinen Erinnerungen: „Hermann Prey war für mich die wohl wichtigste küntlerische Begegnung in meinem Leben. Es waren sehr fruchtbare Jahre für mich mit vielen Höhen und einigen Tiefen. Ich habe viel von ihm gelernt und werde ihm dafür immer dankbar bleiben.“ Ein Großteil der Me-moiren sind den auch Hermann Prey gewidmet. Man erfährt in Deutschs sehr diffe-renzierten Erinnerungen so viel über den Sänger, wie kaum je: Darüber, dass er aus sehr einfachen Verhältnissen kam, das seine Lieblingsrestaurants Bierlokale waren, aber auch, dass er in allen Proben und Konzerten „der Chef“ war. Er sei „recht lau-nisch“ gewesen, dabei im Grunde ein anspruchsloser Mensch. Er habe akribisch an seinen Liedprogrammen gefeilt, „stilistisch war er alles andere als sattelfest. Er machte fast alles aus einer Art Instinkt heraus“, sei aber stets  bestens vorbereitet gewesen. Und von keinem anderen Sänger habe er jemals „eine derartige Fülle von Bildern und Klangideen vermittelt bekommen. Prey habe um die Schönheit seiner Stimme gewusst, war aber auch selbstkritisch genug, um auf die Frage  warum er denn nicht mehr Mahler singe zu antworten: „Diese Musik ist oft so schmalzig und dann dazu noch meine schmalzige Stimme -  das wäre einfach zu viel!“ Auch über die nicht zu Unrecht oft monierten Intonationsprobleme Preys schreibt Deutsch ganz ungeniert, zumal sie Prey selbst schmerzlich bewusst gewesen seien. Beim Anhören einer Kassette während einer gemeinsamen Autofahrt habe Prey gesagt: „Dreh das wieder ab! Nicht zum Anhören! Alles zu tief!“  Und doch sind diese Erinnerungen eine Hommage an Prey. Von ihm habe Helmut Deutsch vor allem gelernt, dass der Liedbegleiter am Klavier ein ebenbürtiger Partner ist, der ganz nach dem musika-lischen Sinn spielen soll, um den Gesang auf Händen zu tragen: „Nicht auf mich hören! Nicht mit mir Atmen“, habe Prey ihm immer wieder gesagt. Deutsch: „Ich habe niemals einen zweiten Sänger erlebt, der sich so mit dem Klavierpart ausein-andersetzte wie Prey.“ Dabei hat Helmut Deutsch mit vielen renommierten Sängern gearbeitet, ob mit Brigitte Fassbaender, Peter Schreier, Grace Bumbry, Jonas Kauf-mann, Diana Damrau oder Michael Volle, um nur einige zu nennen. In diesen unge-schönten, kurzweiligen und offenherzigen Erinnerungen liest man viel, zuweilen Überraschendes, ja Befremdliches über die Sänger, die Deutsch begleitete.


In dem lesenswerten Buch kann man einen Blick hinter die Kulissen des Klavierbe-gleiters werfen und erfährt natürlich viel Biographisches über seinen Autor, wie er zur Musik kam, wie und wo er ausgebildet wurde, aber auch  über seine Beziehung-en und Freundschaften, seine Ehe mit der Sopranistin Yumiko Samejiama, seine vie-len Japan-Gastspiele, seine Hochschultätigkeit und die Zufälle, die seine Karriere lenkten. Zu den schönsten Anekdoten dieser Autobiographie gehört eine Erinnerung an die Korrepetitorentätigkeit bei Herbert von Karajans Missa Solemnis-Aufführung in Paris mit Fritz Wunderlich. Karajan habe von dem Tenor mehr Ausdruck bei einer bestimmten Phrase gewünscht und machte diesem das Legato mit seiner knarrigen Stimme, schließlich mit den Händen vor, „worauf Wunderlich ganz trocken sagte: Ja, mit den Händen kann ich es auch so. Da musste selbst Karajan lachen.“ Zu den besonderen Freundschaften im Leben Helmut Deutschs gehörten die zu Viorica Ursuleac, Ileana Cotrubas, Irmgard Seefried und  Sena Juriac. Über diese Damen, die ihm entscheidende Impulse für seinen Beruf gaben,  liest man Berührendes. Über Rita Streich hingegen Verwunderliches: „Es gab keine andere Sängerin mehr, die mir Regieanweisungen für das Verbeugen beim Applaus machte...Niemand mehr befahl mir, bei manchen Liedern die rechte Hand einfach wegzulassen...oder wollte mich am Ende des Konzertes zurückschicken, um die Noten für die Zugaben zu holen, während sie allen im Applaus badete.“   Der Pianist Alfred Brendel bringt es  im Geleitwort der unprätentiös geschriebenen, sehr lesenswerten Erinnerungen von Helmut Deutsch auf den Punkt, dass es eine Freude ist, „dass nun nach Gerald Moore ein anderer Meister des Fachs das Wort ergriffen hat.“


Rezension u.a. auch in "Orpheus"