Hellsberg Eine glückhafte Symbiose

Dieter David Scholz

 

 

Aus Anlass des 175-Jahr-Jubiläums der Wiener Philharmoniker, im Vorfeld der 100-Jahr-Feier des Festivals 2020 und genau 100 Jahre, nachdem Max Reinhardt und Hugo von Hof-mannsthal ihre Visionen der Salzburger Festspiele zu entwickeln begannen, ist im Salzburger Residenz Verlag ein Buch von Clemens Hellsberg erschienen, das die Geschichte der Wiener Philharmoniker und ihrer Rolle bei den Salzburger Festspielen in Erinnerung ruft.

 

Die Salzburger Festspiele sind ein Teil der Identität der Wiener Philharmoniker, die ihrerseits ein Teil der Identität der Festspiele sind!“

 

Im Jahre 1842 gründete Otto Nicolai in Wien aus dem Hofopernorchester das berühmteste Symphonieorchester der Welt: die Wiener Philharmoniker. Otto Nicolai war bekennender Mozartianer: "In Salzburg sah ich das Geburtshaus Mozarts und war in dem Zimmer, wo dieser Heiland der Musik das Licht der Welt erblickt! - ich werde es nie vergessen!!“

 

In der Geschichte der Wiener Philharmoniker nehmen Mozart und seine Geburtsstadt seither einen besonderen Stellenwert ein. In Salzburg trat das Orchester 1877 erstmals außerhalb Wiens auf. 1922 brachten die Wiener Philharmoniker erstmals Oper zu den 1920 eröffneten Festspielen. Seit 1925 ist die sommerliche Residenz in Salzburg ein Fixpunkt im Jahreska-lender des Orchesters. "Trotz des Wissens, dass Mozart die Stadt nicht liebte und jede Gele-genheit wahrnahm, aus ihr auszubrechen, erliege ich bei jedem Aufenthalt ihrem Zauber. Dazu hatte ich reichlich Gelegenheit: Durch ihre Präsenz im Sommer und bei der Mozartwoche ve-rbringen die Mitglieder der Wiener Philharmoniker beinahe fünf Jahre ihres Lebens in Salz-burg, und die Bezeichnung der Stadt als „zweite Heimat“ des Orchesters ist absolut gerechtfer-tigt. Clemens Hellsberg ist als Musiker und Historiker, der ab 1980 Mitglied des Orchesters war, dem er von 1997 bis 2014 auch vorstand, aber auch als ehemaliger Archivar der Wiener Philharmoniker der vielleicht berufenste Chronist der Zusammenarbeit der Wiener Philhar-moniker und der Salzburger Festspiele. Sein Buch dokumentiert die Vorgeschichte der Fest-spielgründung, die Gründungsjahre, die Festspiele im NS-Staat, den Neuanfang nach dem zweiten Weltkrieg und die Entwicklung bis zur Gegenwart. Man liest Aufschlussreiches über einige der wichtigsten Dirigenten des Jahrhunderts.

 

Einen besonderen Platz in Hellsbergs Buch nimmt Herbert von Karajan ein, der 1948 zum er-sten Mal in Salzburg dirigierte. 1956 bis 1960 war er Leiter der Salzburger Festspiele. Dane-ben war er seit 1956 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auf Lebenszeit und von 1957 bis 1964 künstlerischer Leiter auch der Wiener Staatsoper. Trotz mancher Differenzen, Aus-einandersetzungen, Kräche und Jahren der Abstinenz – spielte Karajan als Dirigent, als Grün-der der Osterfestspiele und später als Mitglied des Direktoriums eine wichtige Rolle. Damals, so Hellsberg, "dominierte Herbert von Karajan das Festival in einem Maße, dass sich die Frage nach der Beziehung des Orchesters zu Salzburg gar nicht erst stellte. Mit dem Beginn der In-tendanz von Gerard Mortier (1992) war das Zeitalter der Zentralsonnen (Reinhardt, Toscanini, Furtwängler, Karajan) beendet, und in der Folge musste auch die Rolle der Philharmoniker neu definiert werden.“

 

Darüber schreibt Clemens Hellsberg, der 41 Sommer hindurch als Orchestermusiker in Salz-burg hautnah die wechselhaften Erscheinungsformen der unterm Strich „geglückten Symbio-se“ zwischen den Salzburger Festspielen und den Wiener Philharmonikern beobachtete und miterlebte. Er beschreibt knapp, aber präzise, faktenreich, aber überschaubar die wechselhafte Geschichte, die Programmpolitik, die Rolle der Gastdirigenten, vor allem aber den „Kampf der Titanen und der Eitelkeiten“ hinter den Kulissen des Festivals: „Als führendes Festival der Welt stehen die Salzburger Festspiele im Mittelpunkt permanenter Diskussionen um künstle-rische Fragen, sind aber auch Gegenstand intensiver (gesellschafts-)politischer Auseinan-dersetzungen sowie wirtschaftlicher Interessen".

 

Über all das berichtet Hellsberg aus intimer Kenntnis: Über Glück und Unglück ,Verdienste wie Versäumnisse auch der jüngsten Intendanten, ob Gerard Mortier, Peter Ruzicka, Jürgen Flimm, Alexander Pereira oder Markus Hinterhäuser, mit denen als Philharmoniker zusam-men zu arbeiten nicht nur Vergnügen gewesen sei. Dennoch: „Die Salzburger Festspiele sind ein Teil der Identität der Wiener Philharmoniker, die ihrerseits ein Teil der Identität der Fest-spiele sind!“ So das Fazit des Buches von Clemens Hellsberg, das sich zweisprachig, deutsch und englisch präsentiert. Der Autor hat sich, obwohl er den Philharmonikern wie den Fest-spielen so eng und so lange verbunden war, den kritischen Blick nicht trüben lassen. Er schreibt klar und sachlich, zuweilen mit ironischem Witz und leicht lesbar. Abbildungen und Photographien machen das mit vielen Anmerkungen, Nachweisen und Literaturhinweisen ausgestatte Buch zu einer sehr anschaffenswerten Publikation.

 

Beiträge auch in SWR 2 Cluster und in MDR Kultur