Giacomo Meyerbeer: Sabine Henze-Döhring, Sieghart Döhruing

Dieter David Scholz

 

 

 

Sabine Henze-Döhring und Sieghart Döhring:

Giacomo Meyerbeer. Der Meister der Grand Opéra. Eine Biographie

Beck Verlag. 2014, 272 S., 21,95 Euro

 

 

Vor 150 Jahren starb in Paris Giacomo Meyerbeer, einer der bedeutendsten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts. Aus diesem Anlass haben die beiden Musikwissenschaftler Sabine Henze-Döhring und Sieghart Döhring, beide ausgewiesene Meyerbeer-Forscher, eine Meyerbeer-Biographie vorgelegt, in der sie den persönlichen und künstlerischen Werdegang des Komponisten beschreiben.

 

 

Der „Fall Meyerbeer“ ist einzigartig in der Musikgeschichte. Der Vollender der Grand Opéra war zu seinen Lebzeiten und ein gutes halbes Jahrhundert darüber hinaus der am meisten gefeierte und aufge-führte Komponist. Seine Opern waren beispiellose Welterfolge, deren Aufführungszahlen geradezu astronomisch anmuteten. Die Aufführungen an der Pariser Opéra waren superlativische Gesamt-kunstwerke von orchestraler, sängerischer, bühnendekorativer, technischer und regielicher Perfektion, die nicht überboten wurde in der Opernwelt Europas. Als Meister der Grand Opéra wird Giacomo Meyerbeer schon im Untertitel des Buches genannt. Was der übrigens nie von Meyerbeer als Gattungsbezeichnung verwendete, aber doch heute übliche Genre-Begriff meint, erläuterte mir Sieghart Döhring im Gespräch:

 

"Es ist die Summe all dessen, was das Musiktheater der Zeit damals zu bieten hatte. In der Ausstattung, der Mis en scène, was die Sänger betrifft, vor allem was das Orchester betrifft. Ich erinnere an Richard Wagner, der sagte: Dies Orchester ist das beste der Welt. Und das war schon zur Zeit Meyerbeers, etwa ab 1830 so. Grand Opéra ist der Gipfel der Möglichkeiten der Musiktheaterkunst."

 

Meyerbeers Opern sind denn auch große historische Opern, Ausstattungsstücke, Opernspektakel in bis dato nie gekannter szenischer wie musikalischer Opulenz und Perfektion. Der junge Wagner war hingerissen davon. Noch 1841 schreib er in einem Aufsatz mit dem Titel "Über den Standpunkt der Musik Meyerbeers": "Meyerbeer schrieb Weltgeschichte, Geschichte der Herzen und Empfindungen, er zerschlug die Schranken der National-Vorurtheile.“ Einige Jahre später urteilte Wagner ganz anders über Meyerbeer, als er seinen verleumderischen Bannspruch gegen Meyerbeer als eines Großmeisters des bloßen musikalisschen Effekts in die Welt schleuderte: Meyerbeers Musik sei „Wirkung ohne Ursache“. Aus dem glühenden Meyerbeer-Bewunderer war ein brennender Meyerbeer-Verächter geworden. In Oper und Drama, seiner Hauptschrift, vor allem aber in seinem infamen Essay über „das Judentum in der Musik“ hat Wagner gnadenlos mit Meyerbeer abgerechnet. Sieghart Döhring:

 

"Da sprechen Sie ein zentrales Thema der Operngeschichte des 19. Jahrhunderts an: Wie konnte es zu diesem Dissenz kommen? Wagner war ein Meyerbeer-Bewunderer. Ich vermute sogar, er war es nicht nur am Anfang, sondern Zeit seines Lebens geblieben. Aber er hat es später nicht mehr zum Ausdruck gebracht. Am Anfang wollte er wohl, er war karrieresüchtig, das muss man ja akzeptieren bei einem jungen Genie, er wollte mit Hilfe Meyerbeers an die Spitze der Oper des 19. Jahrhunderts kommen. Und merkte dann, das entscheidende Datum ist „Le Prophète“ 1849, diese Oper sah er in Paris und merkte, er kommt im Schlepptau Meyerbeers nicht in diese Position. Er muss an Meyerbeer vorbei versuchen, dieses Ziel zu erreichen. Er merkte, Meyer¬beer hat seine zentrale Thematik angesprochen mit der Figur des Jean von Leyden. Und das konnte er nicht mehr überbieten. Es gibt briefliche Äußerungen, die das ganz klar machen. Und von da an kam der Gegenkurs. In den Vierzigerjahren kam schon der Antisemitismus bei ihm auf. … Aber er war immer noch bereit, in den späten Vierzigerjahren, über Paris, im Schatten Meyerbeers, im Zuge der Meyerbeerschen Erfolge, auch selber den Fuß auf die Bühne der Grand Opéra zu setzen. Diese Idee schwand um 1850, und genau in diesem Moment setzen diese Schriften ja ein: Judentum in der Musik, 1850.. und bald darauf auch die anderen."

 

 

Ein Anliegen des Buches ist auch zu verdeutlichen, dass die Opern Meyerbeers als so etwas wie Aufklärung von der Opernbühne herab begriffen werden dürfen. In den den „Hugenotten“ hat Meyerbeer die Greuel der Bartholomäusnacht angeprangert, im „Propheten“ entlarvt er die Unmenschlichkeit der Wiedertäuferbewegung und in der „Afrikanerin“ bzw. in „Vasco de Gama“, wie Meyerbeer sein zu Lebzeiten nicht mehr aufgeführtes, letztes Werk ja betitelt haben wollte, werden westeuropäische Zivilisationsüberheblichkeit und menschenverachtender Kolonialismus verurteilt.

 

"Ich hab das Mal auf den Begriff vom Ideentheater der Meyerbeerschen Oper gebracht. Und das ist übrigens der Punkt, an dem Wagner hauptsächlich angeknüpft hat. Alle vier großen Opern Meyerbeers kreisen um das Thema Macht und Liebe. Und das ist das Wagnersche Thema, natürlich verbunden mit konkreten historischen Themen." (Sieghart Döhring )

In Ihrer Meyerbeer-Biografie schildern die Döhrings das Trio in Robert Le Diable, das der Maler François-Gabriel Lépaulle in einem spektakulären Bild festgeahletn hat, als zentral, ja beispielhaft für die Opernkunst Meyerbeers. Immerhin markiert „Robert Le Diable“ eine Epochenwende in der Geschichte der Oper.

 

"Das ist ein einmaliges Ereignis gewesen, bis dahin in der Musiktheatergeschichte, dass es gelungen war, die Idee eines Werkes in einer einzelnen Nummer, sozusagen noch abschließend, als Krönung der Handlung, als Krönung der Dramaturgie darzustellen. Der schwankende Mann zwischen den Mächten des Himmels und der Hölle." (Sieghart Döhring )

 

Mozart hat eben kein Trio (Terzett) am Ende seiner Zauberflöte geschrieben, in dem Tamino zwischen der Königin der Nacht und Sarastro steht. Und auch Wagner läßt seinen Tannhäuser nicht mit einem Terzett enden, in dem der innerlich zerrissene Ritter gemeinsam mit Venus und Elisabeth singt. – Als zentral für die Musik Meyerbeers wird von den Döhrings der Begriff der Klangidee gewürdigt.

 

"Das war absolut ein Novum gewesen. Es gab ein Formschema für die verschiedenen Gattungen, man erfüllte diese Formen, man variierte sie auch, man entwickelte sie weiter. Aber eine Oper aus einer Idee heraus zu entwickeln, aus einem Stoff, und für diesen Stoff klangliche Bilder zu finden, und die gesamten Formen der Oper auf diese Ideen zu beziehen, das war absolut neu. Und viele Künstler, wir haben in unserem Buch nicht alle zitiert, waren fasziniert von dieser Möglichkeit, mit Musiktheatermitteln so etwas erreichen zu können." (Sieghart Döhring )

 

In dem Buch der Döhrings wird Meyerbeers Werk als wesentlicher Teil des Meyerbeerlebens begriffen. Beides ist ihrer Meinung nach nicht voneinander zu trennen. Und so wird unter Einbeziehung neuerer Quellen, vor allem der Briefe Alexander von Humboldts, des Briefwechsels mit Kaiser Friedrich Wilhelm dem Vierten und des Mendelssohn-Briefwechsels das Leben Meyerbeers zwischen Berlin und Paris als einziger, großer Schaffensprozess dargestellt. Und es werden, im Gegensatz zu Reiner Zimmermanns Meyerbeer-Biografie, die darauf verzichtete, auch die Werke, vor allem die Opern Meyerbeers sehr detailliert dargestellt. Einen besseren Meyerbeer-Opernführer gibt es nicht. Und man lernt in diesem klugen Buch, was eigentlich – entgegen aller Gehässigkeiten antisemitischer Meyer-beer-Verächter, die in Wagners Wort von der „Wirkung ohne Ursache“ gipfelten - Meyerbeer-Stil ist:

 

"Ganz äußerlich ist es ein hochdifferenzierter Stil, der wegen der Möglichkeiten, der Theatermusik, Ideen auszudrücken, nötig war. Was nie zuvor so deutlich wurde, wie bei Meyerbeer. Wagner hat das dann fortgesetzt. Das setzte voraus, dass die Musik eine ungeheure Durchlässigkeit und Differenziertheit hatte. Frank Beermann, der Dirigent des Chmenitzer Vasco de Gma, spricht zurecht vom durch-brochenen Satz. Den hat Meyerbeer gelernt von Mozart, und von seinem Lehrer, Abbé Vogler. Das heisst konkret: nicht längere Passagen in einheitlicher Weise durchzugestalten, sondern immer aufzulockern. Das macht Meyerbeers Musik so überraschend, so farbig und wechselvoll. Aber sie ist teilweise auch nicht leicht zu hören, auf keinen Fall leicht zu spielen." (Sieghart Döhring )

 

Dem mit wissenschaftlicher Genauigkeit verfassten, mit nützlichen Anmerkungen, Zeittafel, Bibliographie und Register ausgestatteten, leicht zu lesenden Meyerbeer-Buch von Sabine Henze-Döhring und Sieghart Döhring gelingt es, auf nur 272 Seiten das ganz Besondere und Einmalige der faszinierenden Opernkunst Meyerbeers zu erklären, seine Werke detailliert darzustellen und mitreißend zu plädieren für ein neues Interesse an diesem faszinierenden Komponisten und für eine Meyerbeer-Renaissance auf den Bühnen.

 

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