Giacomo Casanova: Über den Selbstmord und die Philosophen

Dieter David Scholz

 

 

Rezension für MDR-Kultur "Frühstücksjournal":

Giacomo Casanova: Über den Selbstmord und die Philosophen.

Mit einem Nachwort von Lother Müller

Aus dem Italienischen von Martina Kempter

Edition Pandora, Band 21 - Campus Verlag 1994, 211 S., DM 48,-

 

 

Über kaum eine Gestalt der neueren Kulturgeschichte sind mehr falsche Vorurteile in Umlauf als über Giacomo Casanova. Der bloße Name dieses Lebensmannes ist zum Symbol geronnen, zum Inbegriff donjuanesker Lebensart, zum Synonym draufgängerischer Luxusexistenz und erotischen Abenteurertums. Daß der bürgerliche Giacomo Casanova, der sich selbst zum Chevalier de Saingalt adelte, allerdings nicht nur der von Affaire zu Affaire eilende Galan, sondern auch ein ernstzunehmender Philologe, fast ein Gelehrter, jedenfalls ein professioneller Schriftsteller war, ganz zu schweigen vom Doktortitel des Rechts, den er schon in jungen Jahren erwarb, ist die andere Hälfte jener halben Wahrheit, die das landläufige Bild Casanovas noch immer bestimmt. Dabei offenbart schon die vielbändige Geschichte seines Lebens Casanova als Schmetterling, der in den konträren Farben von Esprit und Amour schillert. Er offenbart sich darin als ein zwittriges Geschöpf aus erinnertem Leben und literarischer Bibliothekarsphantasie. Die "Histoire de ma vie" des Giacomo Casanovas ist gerade deshalb ein einzigartiges Sitten- Kultur- und Geistespanorama jener letzten Epoche des Ancien Régime kurz vor und während der Französischen Revolution geworden. Casanova beherrschte nicht nur Italienisch und Französisch, sondern auch die alten Sprachen Latein und Griechisch perfekt. Und er war stolz auf seine an der antiken Rhetorik und Philosophie geschulte Bildung, mit der er in Gesellschaft zu glänzen verstand, die seinen Lebensbericht würzt und die ihn immer wieder veranlaßte und befähigte, philologische und philosophische Streitschriften und Essays zu veröffentlichen, historische Abhandlungen, naturwissenschaftliche Aufsätze und schließlich einen fünfbändigen utopischen Roman. Last not least verschaffte sie ihm, als das Alter mit seinen Gebrechen seinem gesellschaftlichen Paradiesvogeldasein und erotischen Abenteurertum ein Ende setzte, jene letzte Gnadenstellung als Bibliothekar des Grafen Waldstein im böhmischen Schloß Dux, die ihm immerhin die Arbeit der Erinnerung, der Fixierung gelebten Lebens und das fleißige Anschreiben gegen den Tod ermöglichte.

 

Daß Casanova aber schon in seiner Blütezeit ein "homme de lettres" war, der sich leidenschaftlich mit Literatur und Philosophie der Gegenwart auseinandersetzte, belegen gerade jene Texte aus seinem handschriftlichen Nachlaß, die er in der Jahren zwischen der Flucht aus den Bleikammern Venedigs und der Bilbliothekarszeit in Böhmen geschrieben hat. Fünf dieser zeittypischen wie zeitkritischen, halb literarisch-philologichen, halb philosophischen Schriften sind von dem italienischen Casanova-Forscher Federico Di Trocchio jetzt wiederentdeckt, von Martina Kempter übersetzt und in der Reihe Edition Pandora des Campus Verlags veröffentlicht worden, mit einer sehr klugen und anregenden Einleitung herausgegeben von dem Berliner Komparatisten Lothar Müller. Fast alle dieser Essays und Dialoge kreisen um das gewiß unappetitliche Thema Selbstmord. Aber alle sprechen sich direkt oder indirekt dagegen aus, auch gegen alle Arten modischer Melancholie und Todessehnsucht. Diese Schriften sind nicht nur beredte Dokumente eines giftigen Anti-Rousseau-ismus, sondern vor allem aber konzentrierter literarischer Ausdruck der Lebensphilosophie Casanovas, die den gelebten Augenblick beschwor, den Genuß der Sinne und der körperlichen Liebe, kurz: dem Glücksideal des Rokoko huldigte, eines Zeitalters, das mit Giacomo Casanova unwiderruflich zuende ging.

 

Keiner hat das besser gewußt als Rousseau. Die engagierteste der fünf Schriften der jüngsten Casanova-Publikation ist jene über die "Philosphie und die Philosophen": ein flammendes Plädoyer für Bildung und aufgeklärte Politik, eine Referenz zugleich an Friedrich den Großen, der, - Ironie der Geschichte -, ausgerechnet dem alten Casanova die Stelle eines Ausbilders einer pommerschen Kadettenanstalt anbot, die dieser dankend ablehnte. Nur ein einziger der fünf Texte war jemals gedruckt worden. Nur noch etwa zehn Exemplare des Erstdrucks finden sich verstreut über Europas alte Bibliotheken. Insofern ist die von Lothar Müller herausge-ebene Textsammlung eine wirkliche Fundgrube. Aber sie ist mehr: sie ist Ergänzung und Korrektiv eines verzerrten und reduzierten Casanova-Bildes.