Gesine Bauer: Schikaneder

Dieter David Scholz

 

 

Die neue Schikaneder-Biographie von Gesine Baur

 

Wer würde Emanuel Schikaneder heute noch kennen, hätte er nicht das Libretto zur "Zauberflöte" geschrieben und das populärste Werk Mozarts uraufgeführt? Wohl niemand. Schikaneder ist nach wie vor für die meisten Menschen ein großer Unbekannter. Eva Gesine Baur hat im Vorfeld seines 200sten Todestages (21. September 2012) eine umfassende Biographie über Schikaneder geschrieben. Sie ist im C.H.Beck Verlag erschienen.

 

Der Vogelfänger Papageno war die Rolle seines Lebens, so wie Mozarts "Zauberflöte" das erfolgreichste Stück seines Lebens war, das er als Wiener Theaterdirektor aus der Taufe hob. Wie Mozart, ist Schikaneder arm gestorben, wie er bekam er nur ein Begräbnis dritter Klasse und wie bei Mozart hat niemand daran gedacht, sein Grab zu kennzeichnen. Vier Jahre nach Schikaneders Tod wurde das Haus, in dem er starb, abgerissen. Das Sterbehaus Mozarts steht auch nicht mehr. Nicht zufällig stellt Eva Gesine Baur diese Parallelen einander gegenüber. Vor der Folie Mozarts entfaltet sie das Panorama des Schikaneder-Lebens, das im Grunde im Dienste Mozarts stand. Ein Panorama, dessen Aktionsradius sich von Straubing über Brünn, Graz und Pressburg, Regensburg und Karlsbad bis nach Innsbruck erstreckte. Das Zentrum dieses rastlosen Lebens war Wien.

 

Emanuel Schikaneder, der 1751als Kind armer Dienstboten im bayerischen Straubing geboren wurde, war eine schauspielerische Naturbegabung und ein Vollblut-Theatermensch. Schon als Schüler spielte er in jesuitischen Theaterstücken. Dank der Unterstützung einer Sti­ftung für Mittellose kam er ans Jesuitengymnasium. Mit Mitte Zwanzig schloß er sich einer theatralischen Wandertruppe an. Später ließ er sich in Wien nieder, wo er nacheinander verschiedene Theater leitete und auch mit eigenen Stücken und Darbietungen bespielte. Schi­kaneder war eine schillernde Figur: Er war Theaterschriftsteller, Freimaurer, Trinker, Lebe­mann, Volkssschauspieler und Unternehmer Er hat sich schon mit Mozarts Vater angefreun­det und hat noch Napoleons Einnahme Wiens miterlebt. Er war eine Berühmtheit seiner Zeit und doch nach Darstellung Eva Gesine Baurs ein Aussenseiter wie Monostatos, der böse Mohr in Mozarts Zauberflöte. Nicht ohne Grund hat Schikaneder in seinem Nussdorfer Schlössl, das er in seinen Glanzzeiten als Wohnhaus erwerben konnte, von seinem Bühnenmaler Sacchetti die Szene mit den drei Damen, der Königin der Nacht und Monostatos an die Decke des Festsaales malen lassen.

 

Emanuel Schikaneder hat 55 Theaterstücke geschrieben und 44 Libretti für Opern und Singspiele. Er spielte am Kärtnertor- und am Burgtheater, er leitetet das Freihaustheater, wo er 1791 auch die "Zauberflöte" herausbrachte, sein größter künstlerischer wie materieller Erfolg. Die Einnahmen waren so beträchtlich, das er das Theater an der Wien erbauen lassen konnte, das er 1801 mit seinem Stück "Alexander" eröffnete, für das Franz Teyber die Musik schrieb. Trotz aufwändiger Dekorationen, großer Effekte und viel Pomp blieb der Erfolg hinter dem der "Zauberflöte" weit zurück. Auch "Der Zauberflöte zweiter Teil", für den Peter von Winter die Musik schrieb, konnte an Mozarts Erfolg nicht anknüpfen. Bis 1812 leitete Schikaneder dieses Theater, in dem er Beethovens erste und einzige Oper "Fidelio" in ihrer ersten Version herausbrachte.

 

Am 28. Dezember 1806 stand Schikaneder noch einmal als Papageno auf der Bühne. Es war seine Abschiedsvorstellung. Dann wurde es still um ihn. - Die letzte Schikaneder-Biographie ist vor mehr als einem viertel Jahrhundert geschrieben worden. Auch Kurt Honolka hat damals Schikaneder mit Papageno verglichen und ihn vor dem Hintergrund des Alt-Wiener Volkstheaters als "großen Theatermann der Mozartzeit" gewürdigt. Eva Gesina Baur, die die Schikanederliteratur bestens kennt, stellt in ihrer angenehm lesbaren, plastischen und anschaulichen Biographie diesen Theatermann, seine Zeit und seine Lebensumstände aus so menschlicher Perspektive dar, dass einem das Schicksal dieses Getriebenen zwischen künstlerischen Höhenflügen und finanziellen Abstürzen, zwischen Erfolg, Demütigungen und Alkoholexzessen sehr nahe geht. Seinen finalen Wahnsinn erklärt die Autorin denn auch als Flucht vor der Welt, die ihn nicht mehr und die er nicht mehr versteht. "Mozart war zu früh abgetreten", so schreibt die Autorin, das "Ende Schikaneders am 21. September 1812 aber läßt sich mit der Kurzformel aller Tragödien überschreiben: "zu spät!"

 

 

 

Beitrag in MDR-Figaro