G. Rossini und seine Zeit - A, Jacobshagen

Dieter David Scholz

 

 

Der andere Rossini

 

Arnold Jacobshagen: Gioacchino Rossini und seine Zeit

Laaber Verlag, 378 S., 34,80 Euro

 

 

 

Vielen ist Rossini nur als Komponist komischer Opern, vor allem des "Barbiers von Sevilla" oder der „Die Italienerin in Algier“ geläufig. Dass er weit mehr "ernste" als unernste Opern geschrieben hat, ist in Vergessenheit geraten. Lediglich das hochkarätige Rossini Opera Festival in Pesaro, dem Geburtsort des Komponisten, auch das "Bayreuth Rossinis" genannt, spielt den ganzen Rossini und erinnert seit seinem Bestehen daran, dass dieser "Raphael der Musik" wie kein Geringerer als der Schriftsteller Honoré de Balzac ihn nannte, der erfolgreichste, meistgespielteste und einflußreichste Opernkomponist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, vor Meyerbeer und Wagner. Und doch war er ein "depressives Genie" wie schon die Rossinibiographen Daniel Schwartz und Gaia Servadik erkannt hatten, von Selbstzweifeln bis zu krankhafte Selbstabwertung gequält, trotz allen Erfolgs, aller Geselligkeit und allen Humors, der sich, einmal abgesehen von der souveränen Beherrschung der Technik der Opera buffa, vor allem in Rossinis Fähigkeit ausdrückte, sich über sich selbst lustig machen zu können, trotz seines alles andere als lustigen Lebens. Ungeniert hatte er beispielsweise gegenüber dem Schriftsteller Filippo Mordani einmal geäußert, er habe eigentlich "alle Frauenleiden außer der Gebärmutter", eine für seine Zeit aussergewöhlich freizügige Bemerkung.

 

Über Rossinis Leben sind mehr Mythen und Legenden in Umlauf als Gewissheiten (ähnlich wie im Falle Mozarts). Wie der Musikwissenschafler Arnold Jacobshagen in einem der Unterkapitel seines Buches (in der verdienstvollen Reihe „Große Komponisten“ des Laaber Verlags) betont, die sich mit der Person des Komponisten befassen, es ist bezeichnenderweise "Leid" überschrieben, "zählt das Bild einer mediterranen Frohnatur, eines allen leiblichen Genüssen hemmungslos ergebenen Geniessers und Lebemannes". Dass Rossini seine zweite Lebenshälfte als fröhlicher Koch und Feinschmecker verbracht habe, gehört in den Bereich der unausrottbaren Legenden: Tatsächlich, so macht Arnold Jacobshagen erschütternd deutlich, war Rossini jahrzehntelang ein schwerkranker Mann. Er litt an Geschlechts- und Nervenkrankheiten, Hämmorhoiden, Herzschwäche, chronischer Bronchitis, chronischen Blasenleiden, schliesslich einem bösartigen Darmtumor. Zudem wurde er immer wieder von schwersten Depressionen mit Suizidgedanken heimgesucht. Dass er so früh seine Karriere als Opern-komponist beendete, hatte nicht zuletzt mit seiner erbarmungswürdigen gesundheitlichen und psychischen Verfassung zu tun. Im Alter von 44 Jahren habe er, laut einem ärztlichen Gutachten, das Jacobshagen zitiert, "seiner Leidenschaft für Frauen Zügel angelegt und übermässigen Genuss von Alkohol und gewürztem Essen eingestellt". Es war das mutmassliche Ende auch seiner sexuellen Aktivitäten, so Jacobshagen. Kein Wunder, dass seine zweite Frau, Olympe Pélissier, "aufgehört hatte, seine Geliebte zu sein, und seine Krankenschwester wurde", wie schon der Rossinibiograph Richard Osborn wußte.

 

Alterssünden nannte Rossini die weit über hundertfünfzig Kompositionen, die er in den letzten dreizehn Jahren seines Lebens schrieb, nachdem er 39 Opern komponiert hatte. Der Titel dieser Stücke ist typisch ist für Rossinis Selbstironie und Understatement, denn es handelt sich um alles andere als Gelegenheitswerke. "Vielmehr sind es Salonkompositionen eines durchaus elitären Anspruchs , die sich exklusiv an einen Zirkel auserwählter Gäste" seiner Soireen richteten, wie Jacobshagen deutlich macht. Er unterscheidet zwischen einem "offiziellen" und einem "inoffiziellen" Werk Rossinis und dokumentiert ein gattungs- wie zahlenmässig beindruckendes Oeuvre auch jenseits der Oper. Rossinis "Alterssünden" bildeten nicht nur einen planvoll kalkulierten Zyklus exquisiter Meisterstücke en miniature, sie waren für Rossini vor allem Überlebenskompositionen, um nicht zu sagen Überlebensnotwendigkeiten angesichts seiner lähmenden Krankheiten und Depressionen, die sich nachdem Ende seiner Opernlaufbahn dramatisch verstärkt hatten.

 

Lange ist keine Gesamtdarstellung des Phänomens Rossini mehr erschienen, schon gar nicht auf der Höhe des aktuellen Forschungs-standes. Arnold Jacobshagens Buch "Rossini und seine Zeit" schließt diese Lücke, indem es neuste biographische wie musikge-schichtliche Erkenntnisse zusammenträgt, neue Sichtweisen auf Person und Werk des Komponisten ermöglicht, aber auch die historischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen seines Schaffens darstellt. Natürlich werden die Charakteristika seiner Kompositionen, der stilistische "Rossini-Code" beispielhaft erläutert. Es gibt auch eine sehr ausführliche Chronik, die über über Vita und Werkgeschichte informiert, nebst Werkverzeichnis und umfangreicher Bibliographie. Und doch handelt sich bei diesem Buch nicht um eine Rossinibiographie. Im Grunde hat Herbert Weinstock in seiner maßstabsetzenden Biographie schon vor Jahrzehnten alles gesagt, was zu sagen ist. Jacobsagen trägt zusammen, was man heute gesichert über Rossini weiß, zieht Bilanz der Rossiniliteratur. Er enthüllt mit seinem Buch einen schlichtweg "anderen" als den gängigen Rossini. Wer dieses Buch gelesen hat, hört und versteht Rossini anders als vorher.

 

 

Buchbesprechung für MDR Figaro 29.02.2016