Göttert Die Orgel

Dieter David Scholz

 

 

 

Orgelbau und die Orgelmusik in Deutschland sind vor wenigen Wochen, am 7. Dezember 2017 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Die Orgel ist allerdings ein europäisches Instrument mit griechisch-arabischen Wurzeln. Karl-Heinz Göttert hat jetzt ein umfassendes Buch über das Instrument veröffentlicht.

 

Kulturgeschichte eines monumentalen Instruments

 

Die Orgel gehört zur DNA unserer Kultur, behauptet Karl-Heinz Göttert. Sie sei von allen In-strumenten das mit Abstand größte, nach Ihrem Bau aufwendigste und anspruchsvollste. Man könne andere Instrumente vorziehen, die Monumentalität sowohl ihres Klanges wie ihrer Pro-spekte sei konkurrenzlos.

„Kein Instrument hat eine kompliziertere Geschichte, keines hat so sehr seine Gestalt gewech-selt, um zuletzt in wiederum unvergleichlicher Weise eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzei-tigen zu bieten.“

 

Die Welt ist voll von Orgeln, alten und neuen, Die Orgel gehört zur Weltkultur. Schon Mozart nannte die Orgel den „König aller Instrumente“. Ein weit verbreiteter „Slogan“, wie Karl Heinz Göttert meint. Aber ebenso mißverständlich findet er den, der die Orgel zum „Orche-ster“ macht: „Der Orgelklang ist völlig anders aufgebaut, kommt völlig anders zustande als im Orchester. Der Klang der Orgel ist einmalig. Orgeln sind Orgeln – man kann es nicht genug betonen. Die Schönheit eines Orchesters kann die Orgel nie nachahmen, aber umgekehrt gilt genau dasselbe.“

 

Und doch wurden im neunzehnten Jahrhundert, in dem es noch keine Tonkonserven gab, viele Musikstücke, auch aus Opern, nur durch Orgeltranskriptionen bekannt gemacht. Besonders trifft das auf Richard Wagners Musik zu, die in England zuerst auf der Orgel populär wurde. Der Grund: Man benötigte kein Orchester. Es musste nur ein einziger Musiker auftreten und bezahlt werden.

 

"Wir leben nicht in einer Zeit der Orgel", betont Karl-Heinz Göttert in seinem Buch. Organi-sten sind fast schon die Exoten im Reich der Musik. Sänger, Geiger, Pianisten haben ihnen den Rang abgelaufen. Und doch hat die Orgel bei uns einen Sonderstatus, und das ist das Thema seines Buches:

 

„Die Stärke der Orgel ist ihre Monumentalität. Wer Monumentales liebt, landet musikalisch bei der Orgel. Darin schlägt sie jedes andere Instrument. Vor allem, wenn man bedenkt, dass dieses Instrument von einem Einzelnen bedient wird.“

Aber nicht nur über monumentale, auch über intim klingende, kleine Orgeln, über Organisten und Orgelmusik, sakrale wie nicht sakrale, wird man in dem Buch von Karl-Heinz Göttert in fünf Kapiteln informiert. Eines widmet sich dem Orgelbau. Man erfährt, was es mit Jahr-markts- und Kinoorgeln, mit Registern, Pedalen, Windladen, Blockföten- wie Trompeten-pfeifen und Zimbelsternen auf sich hat, aber auch worin sich die nationalen Orgelbau-Stile unterscheiden. Auf die Darstellung der deutschen Orgelbautradition und der deutschen Orga-nisten wird besonderes Gewicht gelegt. Es werden historische Orgeln, wie die von Arp Schnitker, Gottfried Silbermann und Heinrich Gottfried Trost, und moderne Orgeln wie die von Karl Schuke und Philip Klais vorgestellt, um nur einige zu nennen. Aber auch die italie-nische, schweizerische und französische Orgelbautradition mit ihrem wohl berühmtesten Orgelbaumeister Aristide Cavaillé-Coll kommt nicht zu kurz.

 

Das vielleicht Verblüffendste, was Karl-Heiz Göttert dem Leser seines Buches offenbart, ist eine nüchterne, gleichwohl wenig bekannte Tatsache: „Die Orgel scheint überhaupt nicht als Musikinstrument entstanden zu sein. An ihrem Anfang steht vielmehr ein Automat, man könnte auch von einer rein technischen Spielerei sprechen.“

 

Diese „Orgelmaschine“, auch Hydraulis genannt, ist im dritten Jahrhundert vor Christus von einem griechischen Ingenieur in Alexandraia erfunden worden, der Ktesibios hieß. Mit einem hydraulisch betriebenen Blasebalg führte er Luft in eine Windlade, über der Pfeifen in abneh-mender Größe platziert waren. Durch diese Pfeifen gelangte die Luft mittels eines Ventils. Der Klang war immer der Gleiche. Das Instrument ist auch im römischen Reich schnell beliebt geworden. Nach und nach entwickelten römische Ingenieure allerdings die je einzelne Bespiel-barkeit der Orgelpfeifen. Diese Orgeln wurden pneumatisch, aber auch mit Wasserkraft be-trieben. Zum Klang von Wasserorgeln, so erfährt man bei Göttert, hätten Gladiatoren im Zir-kus zu kämpfen gehabt. Im reichen Abbildungsteil des Buches sieht man Mosaiken in römi-schen Arenen, die es belegen. Wie diese Orgeln klangen, weiß man nicht. Aber noch heute gibt es Wasserorgeln. Deren Klang kennt man.

 

Spätestens als Kaiser Konstantin der Fünfte dem Frankenkönig Pippin im Jahre 757 ein Exem-plar als Geschenk übersandte, wurde die Orgel auch nördlich der Alpen bekannt. Die Mönche bauten solche Instrumente zum sakralen Gebrauch nach. Jede Kirche wollte eine Orgel haben, denn man entdeckte in der Kirche die neuartigen Fähigkeiten dieses Instruments. Mit ihm konnte man etwas machen, was sonst nur im Gesang möglich war: verschiedene Stimmen gleichzeitig ertönen zu lassen. Mit der Mehrstimmigkeit im Mittelalter explodierte daher der Bau, die Verwendung und die Verbreitung der Orgel.

 

Von kleinen, tragbaren Portativen führte die Entwicklung bis hin zu jenen Orgeln, die ganze Kirchenemporen ausfüllen konnten. Im 19. Jahrhundert wurden auch Konzertsaalorgeln selbstverständlich. Aber schon im 18. Jahrhundert eroberte die Orgel die profane Sphäre. Georg Fridrich Händel beispielsweise pflegte in den Pausen seiner Opernaufführungen kleine, muntere Orgelkonzerte zu improvisieren.

 

 

Das Orgel-Buch von Karl-Heinz Göttert holt weit aus. Neben historischen, technischen und musikalischen werden auch gesellschaftspolitische Fragen beantwortet, etwa welche Rolle die Konfessionen, die Zollschranken, die Industrialisierung spielten und wie Orgelbauer mit Privilegien umgingen. Das Buch, das sich durch historischen Weitblick und kulturgeschicht-liche Hintergrundinformationen auszeichnet, ist ein Loblied auf die Orgel. Der Autor, emiri-tierter Literaturprofessor und Hobbyorganist schreibt trotz enormen Sachverstands mit anstec-kender Begeisterung und völlig unakademisch. Auch der Laie kann dieses Buch mit Genuss und Gewinn lesen. Und wer will, kann sich anhand des Anhangs mit seinem nützlichen Regis-ter und weiterführenden Literaturhinweisen ins Thema vertiefen. Ein außerordentlich empfehlenswertes Buch!

 

Buchbesprechung auch im DLF Musikjournal