Elisabeth Schmierer: Jacques Offenbach

Dieter David Scholz

 

 

Elisabeth Schmierer „Jacques Offenbach und seine Zeit“

310 Seiten, 37,80 Euro. Laaber Verlag 2009

 

 

Der verkannte Offenbach

 

Immer noch und immer wieder scheiden sich an Offenbach die Geister. Das weit verbreitete Vorurteil, seine Werke seien anspruchslose „Operetten“, scheint unausrottbar. Ein Missverständnis, das meist auf Unkenntnis beruht. Um so wichtiger ist ein Buch, das der Laaber Verlag kürzlich auf den Markt brachte. Die Musikwissenschaftlerin Elisabeth Schmierer hat es herausgegeben, und es verdient besondere Aufmerksamkeit. Der Titel: „Jacques Offenbach und seine Zeit“. Ein Plädoyer für eines der verkanntesten Genies des Musiktheaters.

 

In keinem seiner gesellschaftskritischen Werke des heiter-satirischen Musiktheaters hat Offenbach die da Oben und die da Unten so scharf gegeneinander abgesetzt wie in „Pariser Leben“, wo Oberschicht und Unterschicht die Rollen tauschen, bzw. die Unterschicht die Oberschicht spielt. Blamieren tun sich alle gleichermaßen. Eine glänzende Gesellschaftssatire, in der die sozialen Verhältnisse in ihrer ganzen Fragwürdigkeit und Absurdität, Banalität und Ungerechtigkeit der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Und das mit einer Musik, die in ihrer Vorwegnahme von Moderne, von absurdem Theater und beinahe schon Dadaismus alles andere als banal ist, im Gegenteil, für einen Grossteil des heutigen Publikums wohl eher zu intelligent.

 

Zurecht betont Elisabeth Schmierer in dem von ihr herausgegebenen Band, dass Jacques Offenbach ein vergleichsloser Erfinder eines auf politische Tagesgeschehnisse reagierenden, Musiktheaters war. Ob Mythenparodie, Märchen, Satire, Revue oder Burleske: Mit seinen 140 Bühnenwerken war Offenbach zu Lebzeiten einer der meistaufgeführten Komponisten seiner Zeit. Ganz im Gegensatz zu seiner heutigen Wertschätzung. Die 16 Aufsätze dieses Sammelbandes wollen denn auch, „dem Musikliebhaber die faszinierende Welt des Komponisten eröffnen, dem Theaterpraktiker zur Aufführung weiterer Werke anregen und den Wissenschaftler zu vertiefenden Forschung motivieren“. Wobei alle Aufsätze für jedermann gut lesbar sind, hochinteressant und auch gelegentlich amüsant.

 

La Périchole, eine peruanische Straßensängerin, die dem spanischen Vizekönig lachend die Leviten liest. Ein grandioses Stück, das jedwede Art von Absolutismus relativiert. Doch mehr noch: In seinem Aufsatz macht Albert Gier deutlich, dass in ihm die beiden Seiten Offenbachs besonders deutlich werden: Parodie und Idylle. Dazwischen entwickelte Offenbach in immer neuen Variationen sein Musiktheater, das hinter vielfältigen Masken verborgen, Wirklichkeit spiegelt: Gesellschaftliche Realität, verzerrt, parodiert, ironisiert oder ins Utopische, ja sogar ins Traumhafte und Groteske gesteigert. Und fast immer mit scharfer gesellschaftskritischer, ja politisch aufmüpfiger Stoßrichtung. Dabei stets mit dem Ziel der Bein- und Lachmuskel anregenden Unterhaltung

 

Um Offenbachs Theater und seine Musik richtig zu verstehen, beleuchtet der Band von Elisabeth Schmierer auch Traditionen und Spielstätten Offenbachs. Sechs Aufsätze widmen sich dem Thema. Sein Werke wurden ja nicht nur in den Bouffes-Parisien aufgeführt, sondern auch im Palais Royal, in der Opéra-Comique, im Theater in der Passage Choiseul, im Théâtre de la Gaité und im Théâtre des Variétés.

 

Offenbachs Hauptwerke werden in dem Buch selbstverständlich behandelt, auch einige selten aufgeführte und seine Rezeption in Deutschland und Österreich. Wobei neben Bad Ems Wien von Anfang an eine besondere Rolle spielte. Ohne die Offenbach-Auffüh-rungen in der Donaumetropole wäre so ein Erfolgsstück wie Johann Straussens „Fledermaus“, ja wäre die ganze Wiener Operette niemals entstanden. Dank sei Johann Nestroys Offenbach-Aufführungen im Wiener Carl-Theater. Dank sei auch den späteren Offenbach-Vorlesungen des spitzzüngigen Kulturkritikers Karl Krauss. Auch darüber liest man manches Interessante.

 

Das pseudochinesische, buffoneske Revolutionsstücke „Ba-Ta-Clan“ gehört zu den kaum je aufgeführten und doch originellsten Stücken Offenbachs, die Elisabeth Schmierer vorstellt. „Orpheus in der Unterwelt“, „Pariser Leben“, „Die schöne Helena“, "Die Banditen", „Hoffmanns Erzählungen“ und Die Großherzogin von Gerolstein“ kennt man. Aber was ist mit den übrigen 135 Bühnenstücken, zu schweigen vom Rest der insgesamt etwa 600 hinterlassenen Werke Offenbachs?

 

„Dem ungeheuren Renommee zu seinen Lebzeiten entspricht weder die Forschungsliteratur noch die Präsenz seiner Opern im Reper-toire“. Elisabeth Schmnierer hat völlig recht. Den Begriff Oper übrigens verwendet sie als Sammelbegriff für all die verschiedenen Gattungsbegriffe, die Offenbach – jenseits des Begriffs „Operette“ - verwendete. Der nun erschienene Band plädiert mit Werk- und Literaturverzeichnis, Chronik und vielen weiterführenden Hinweisen nachhaltig, mit starken Argumenten und auch anschaulich – er enthält sehr interessante Abbildungen - für eine Wiederentdeckung Offenbachs, der neben Wagner und Verdi sicher der originellste Musiktheatraliker des 19. Jahrhunderts war, auch wenn das Mancher nicht hören mag.

 

 

Beitrag in MDR Figaro