Der Patriarch Richard Strauss

Dieter David Scholz

 

 

Summe, Fazit und schöner Abschluss des Strauss-Jahres

 

Der Patriarch. Richard Strauss und die Seinen

Buch und Dokumentarfilm (DVD) ARTHAUS MUSIC

 

Aller guten Dinge sind drei und deshalb hat das Label Arthaus Musik nach der RICHARD STRAUSS COLLECTION und dem Dokumentarfilm RICHARD STRAUSS AND HIS HEROINES als letzten Teil der Trilogie ein Buch inklusive einer auf DVD beigefügten Filmdokumentation über bislang unbekannte, sehr private Seiten des großen Komponisten, Dirigenten und Weltbürgers aus Garmisch herausgebracht. Der Titel: DER PATRIARCH – RICHARD STRAUSS UND DIE SEINEN.

 

 

Zu den Klängen des Tanzes der sieben Schleier aus Richard Straussens Welterfolg „Salome“ fährt die Kamera auf die Garmischer Villa des Komponisten zu, die noch heute so dasteht und eingerichtet ist, als würde der Komponist gestern verreist sein. Er war der zu seiner Zeit erfolgreichste Komponist Deutschlands. Seine Erben verwalten bis heute seine Hinterlassenschaft: Sein Werk und sein stattliches Landhaus. Sie haben nichts darin verändert. Selbst die von Richard Straussens Ehefrau Alice beschrifteten Stapel gebügelter Wäsche liegen noch an ihrem Platz. Die Ehefrau des älteren Enkels des Komponisten, seit 1991 die Leiterin des Strauss-Archivs, Gabriele Strauss-Hotter (Tochter des Sängers Hans Hotter):

 

 

"Es ist immer noch alles original so, wie er´s damals 1949 verlassen hat. So ist es in einen Dornröschnschlaf versunken und .. genau so ist es noch heute, wie´s damals war. Der Kalender ist stehen geblieben an seinem Sterbetag. Wir versuchen eben das zu behüten und zu bewahren."

 

Gabriele Straus, die gemeinsam mit Barbara Wunderlich, der Tochter des berühmten Tenors, das Buch herausgegeben hat, hat für die auf DVD beigefügte Film-Dokumentation neben Inge Borkh, der legendären Salomé- und Elektra-Interpretin, Brigitte Fassbaender in die Villa zum Tee geladen, die wohl berühmteste Interpretin des Rosenkavaliers. Und Brigitte Fassbaender zitiert aus einem Brief Straussens, in dem er süffisant kommentiert, was Wilhelm der Zweite einst an den Intendanten der Berliner Hofoper geschrieben hat:

 

"Es tut mir sehr leid, dass Strauss diese Salome komponiert hat. Ich habe ihn sonst sehr gern. Aber er wird sich damit furchtbar schaden. Von diesem Schaden konnte ich mir diese Garmischer Villa bauen…"

 

In diesem Gebäude hat die Regisseurin Marieke Schröder einen anrührenden Film gedreht. Anhand intimer Kamerafahrten durch die Garmischer Villa des Komponisten, ergänzt der Film visualisierend mit Befragungen der Erben des Komponisten, was in dem reich bebilderten und mit vielen persönlichen Dokumenten versehenen, keineswegs unkritisch geschriebenen Buch zu erfahren ist: Dass Strauss ein Unternehmer mit ausgeprägtem Geschäftssinn war, ein leidenschaftlicher Skatspieler und ein bayerischer Kosmopolit, dessen Lieblingsstadt Paris war und dessen literarische Leidenschaften für Goethe, Schopenhauer, Nietzsche und Homer waren. Letzte teilte er übrigens mit Richard Wagner, seinem größten Idol. Christian Strauss:

 

"Er hat gesagt, ein Mensch, der die Odyssee und die Ilias nicht in Originalsprache lesen kann, ist kein Mensch. … Er war Teil unseres Lebens, dadurch, dass er das Haus dominiert hat. Er hat auch meinen Vater und meine Mutter dominiert… was der Großpapa gesagt hat, das hatte zu geschehen."

 

Richard Strauss war ein Patriarch, aber ein faszinierender. Die wichtigsten Facetten seines schillernden Lebens, seiner Persönlichkeit und seines Werks werden in Buch und DVD subtil, sachlich und anschaulich zur Sprache gebracht. Ein Buch über den Wandel des Strauss-Bildes, das nicht zuletzt der Öffnung des Strauss-Familienarchivs zu verdanken ist.

 

 

In einem eindrucksvollen Opernausschnitt sieht und hört man in dem Film zwei der bedeutendsten Strauss-Sängerinnen, Lucia Pop und Brigitte Fassbaender bei der Überreichung der silbernen Rose im „Rosenkavalier“. Viele andere Strauss-Sängerinnen werde in dem Buch vorgestellt. Aber man erfährt auch viel über das Privatleben des Starkomponisten , das nicht immer problemlos war. Seine Ehe mit der Sängerin Pauline de Ahna war geradezu eine Achterbahnfahrt : Garbiele Strauss plaudert aus, was sie von ihren Schwiegereltern er-fahren hat.

"Wenn die größten Kräche waren und die Türen geknallt haben, hat er die schönsten Lieder komponiert danach."

 

Strauss konnte sich wie kein zweiter Komponist – außer vielleicht Puccini - in die weibliche Seele hineinversetzen. Das haben viele Strauss-Sängerinnen bestätigt. In einem sehr einfühlsamen und kenntnisreichen Kapitel beschreibt Thomas Voigt den Patriarchen denn auch als konkurrenzlosen „Frauenversteher“. Aber auch das Thema Strauss und die Politik wird weder im Buch noch im Film ausgespart. Der Musikwissenschaftler und Strauss-Spezialist Laurenzt Lütteken :

 

"Es ist sicher so, dass Strauss die Weimarer Republik verachtet hat, da war er ja auch nicht allein damit, und vor diesem Hintergrund eine relativ hohe Hoffnung gesetzt hatte in die erste Phase der Nationalsozialisten. Er war - und dazu gibt s viel zu viele Zeugen - natürlich vom Ideologischen her überhaupt kein Parteigänger der Nationalsozialisten. Dann hat er sich, glaub ich, erhofft davon eine Stabilisierung und völlig unrealistisch eingeschätzt die Wirklichkeit der Diktatur. Vielleicht auch vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen eines weitgehend in der Monarchie sozialisierten Menschen, der mit der Macht immer nur produktoive erfarungen machte, selbst da, wo er sich mit ihr gerieben hat. Er konnte alle seine Konflikte imer zu seinen Gunsten lösen konnte. Es war nie zu existenziellen Bedrohungen gekommen. Er fühlte sich als Repräsentant des deutschen Musiklebens. Er hat auch sicher gehofft, das man ihn da in irgend einer Form einbezieht. Das geschah auch. Und ist dann zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannt worden. Er hat ein paar eindeutige Reden gehalten. Und ist dann sehr schnell in Konflikt geraten, auf allen Ebenen."

 

Spätestens als Strauss sich mit seinem jüdischen Librettisten Stefan Zweig solidarisierte, wurde er selbst zur unerwünschten Person und aus dem Amt entfernt. In einer Tagebuchnotiz von Richard Strauss von 1935 heisst es:

 

"Es ist eine traurige Zeit, in der ein Künstler meines Ranges ein Bübchen von Minister um Erlaubnis fragen muss, was er komponieren und aufführen darf."

 

Man findet in dem Buch erschütternde Dokumente darüber, wie Strauss von Goebbels gemaßregelt und gedemütigt wurde. Auch sind Ausschnitte aus äußerst kritischen Briefen des Komponisten an das Regime zu lesen.

 

"Strauss´ Strategie" - so wird im Film erklärt - "gleicht der vieler Menschen in Nazi-Deutschland. Er funktioniert. Er zieht sich in seine Welt zurück. Für ihn steht die Musik über allem."

 

Im Krieg erkrankte Srauss ernsthaft. Die Zerstörung des Münchner Nationaltheaters war ein Schock für ihn, von dem er sich nicht erholte. Sie war Symbol seiner humanistischen Kunst-Lebens-Auffassung schlechthin. Die Kunstbarbarei des Dritten Reichs hatte ihn gebrochen.

 

Am 8. September 949 stirbt Richard Straus in seiner geliebten Garmischer Villa. Die Trauerfeier findet am Münchner Ostfriedhof statt. Pauline ist danach fast nur noch bettlägerig. Ihr Lebenswille ist gebrochen….. Sie stirbt im folgenden Mai, zurück bleibt das Haus am Fuße des Berges Wank, so wie er es geplant, wie er es gebaut und wie er es bewohnt hat.

 

Das Buch und die auf DVD beigefügte Filmdokumentation ziehen die Summe dessen, was in diesem Richard Strauss-Jahr aufgearbeitet wurde. Strauss wird differenzierter denn je wahrgenommen. Seine Widersprüche und Antinomien zwischen Künstlernaivität, Opportunismus, Ehrgeiz und Idealismus werden nicht verschwiegen. Aber es ist endlich schuß mit der allzu vereinfachenden Schwarzweißmalerei in Sachen Strauss. Ein schöner Abschluß des Straus-Jahres, diese subtile Huldigung an Richard Strauss und sein Haus in Garmisch.

 

 

Rezension auch in MDR Figaro 09.12.2014