Dagmar Hoffmann-Axthelm: Robert Schumann

Dieter David Scholz

 

 

Jenseits von Künstlerverklärung

Dagmar Hoffmann-Axthelms Buch: Robert Schumann.

Eine musikalisch-psychologische Studie.

 

Ein Gespräch mit der Autorin

 

Viel ist geschrieben worden über Robert Schumann. Auch aus Anlass seines 200sten Geburtstages ist die Schumann-Literatur wieder kräftig angewachsen. Eine der interessantesten Neuerscheinungen ist ein Buch der in Basel lebenden Psychotherapeutin und Musik-wissenschaftlerin Dagmar Hoffmann-Axthelm, das einmal nicht in die Kerbe der Verklärung des „gefährdeten, romantischen Künstlers“ schlägt, sondern Robert Schumann und seine Musik aus psychotherapeutischer Sicht zu erklären versucht.

 

 

 

Das Thema mit Variationen in Es-Dur, auch „Geistervariationen“ genannt, sind das letzte Werk, das Robert Schumann komponierte. „Schumann wähnte sich in jenen Tagen von Geistern umgeben, die ihm teils ‚wundervolle‘, teils ‚grässliche‘ Musik darboten, die ihm ‚herrlichste Offenbarungen‘ verhießen, ihn aber auch ‚in die Hölle [zu] werfen‘ drohten“ wie seine Gattin Clara überlieferte. Die Psychotherapeutin und Musikwissenschaftlerin Dagmar Hoffmann-Axthelm:

 

"Er war dabei, die fünfte Variation zu schreiben. Das Ganze ist ein unglaublich ernsthaftes Stück, was man eigentlich fast nie schreibt, so ein Cantus Firmus-Thema, das er durch vier Variationen durchführt, das in vollster Klarheit, mal in der rechten, mal in der linken Hand, ... nur in der fünften Variation löst sich alles in Passagenwerk auf. Da ist das Thema verschwunden. Und als er diese fünfte Variation, als er dabei war, sie zu kopieren, hat er plötzlich den Füllfederhalter hingelegt, und sei nur mit West und Hausschuhen raus in den Schnee-matsch gegangen, auf den Rhein hinaus, da war eine Pontonbrücke, und sei da in die Mitte gegangen und habe sich in den Rhein gestürzt."

 

Schumann wurde gerettet, aber er ging freiwillig in die Nervenheilanstalt Bonn-Endenich. Er hatte sich selbst nicht mehr unter Kontrolle.

 

"Die Es-Dur-Variationen waren ihm so wichtig, dass er sie noch zuende kopiert hat, dass er sie Clara gewidmet hat und dass er unter die letzte Variation seinen Namenszug gesetzt hat, was er sonst nicht tut. Es ist wirklich wie ein Abschiedsbrief an Clara."

 

Robert Schumann verfiel zusehends. Alkoholismus scheint – manchen neueren Theorien widersprechend - nicht die Ursache gewesen zu sein, dazu war Schumann bis kurz vor Ende seines Lebens zu kreativ, zu kontrolliert in seiner enormen Produktionskraft. Was genau die Gründe waren für den plötzlichen und rapiden Verfall seiner Persönlichkeit, darüber äußert sich Dagmar Hoffmann-Axthelm eher behutsam:

 

"Die psychosenahen Dinge sind belegt aus der allerletzten Zeit. Und da lässt sich schwer sagen, was ist jetzt der syphilitische Affekt, der dann zur Persönlichkeitszerstörung geführt hat, oder was ist die Verlängerung der – wenn man so will – neurotischen Prägung, die Schumann von zuhause mitgebracht hat."

 

Dagmar Hoffmann-Axthelms Buch über Robert Schumanns kurzes, produktives, aber auch leidvolles Leben dokumentiert das Sich-Auf-lehnen eines Menschen gegen destruktive, quasi neurotische Kindheitsprägungen. Ein gewissenhaft, einfühlsam und gründlich aus vielen Quellen recherchiertes, aber auch – jenseits von fachwissenschaftlichem Psychologendeutsch - gut lesbares Buch für jeden Musiklieb-haber.

 

"Ich hab mich eingelesen in die recht reichhaltige Literatur. Und war dann überrascht, wie viele Autoren den Aspekt der psychischen Disposition von Schumann doch eher salopp behandelt haben."

 

Dagmar Hoffmann-Axthelms Schumann-Buch ist vielleicht das Wichtigste von den vielen Schumann-Büchern, die aus Anlass seines 200sten Geburtstages veröffentlich wurden. Und wer es liest, erfährt nicht nur etwas über Robert Schumann.

 

"Ich hab gedacht, ich würde gern für Musiker und Musikfreunde schreiben, aber so, dass sie etwas davon verstehen, dass sie vielleicht im glücklichsten Falle sogar Teile ihrer eigenen Persönlichkeitsstruktur oder eigenen psychischen Mechanismus wie-dererkennen."

 

Von aller in der Schumann-Literatur weit verbreiteten Verklärung Schumanns als gefährdetem, romantischem Künstler distanziert sich die Autorin übrigens entschieden:

 

"Wissen Sie, ich habe in der Klinik so viel schrecklich schwere Schicksale erlebt, dass ich nie in meinem Leben psychische Krankheiten idealisieren werde. Und auch Schumann hat so entsetzlich gelitten. Man kann nur sagen, es war, wie es war. Er hat uns trotz allem dieses unglaubliche Oeuvre geschenkt. - Eine der Gesetzmäßigkeiten ist, dass wenn ein Kind früh von seiner Familie, vor allem von seiner Mutter getrennt wird, dass es schwere seelische Wunden davonträgt, die es sein ganzes Leben lang begleiten werden. Schumann war so ein Kind, der mit zwei Jahren von seiner Mutter getrennt wurde ... Menschen mit so einer frühen Prägung, von dieser Trennung, von diesem Ausgeschlossenseinsgefühl, die sehnen sich ihr ganzes Leben lang nach einer erfüllenden mütterlichen Liebe, die sie eben nicht gehabt haben. Die übertragen sie sehr häufig auf Ehemänner, Ehefrauen, je nachdem, also auf die Nächsten, Und wenn eine Trennung droht, dann ist es für sie eine Katastrophe. Das ist die eine Seite. Die andere Seite: Sie haben, obwohl sie sich danach sehnen, unglaublich viel Angst, sich wieder voll in eine Beziehung hineinzubegeben. Und diese Angst führt zu großen Bindungsschwierigkeiten."

 

Die Ehe zwischen Clara und Robert Schumann belegt die Ausführungen der Autorin geradezu beispielhaft. Das war alles andere als ein ungetrübtes Glück. Diese Ehe war so ambivalent und brüchig wie Robert Schumanns Seelenleben. Seine musika­lische Kreativität war eine Form des Überlebens, indem er seine seelische Befind­lichkeit in Musik gesetzt hat. Voraussetzung dafür war für ihn die freilich immer gefährdete Stabilität in der Ehe mit Clara Schumann, die ihm mütterliche Geborgenheit und fehlendes Urvertrauen zu ersetzen hatte. Clara, die von ihrem Vater zum pianistischen Wunderkind gedrillt wurde, war ihrerseits ein Opfer frühkindlicher Prägungen, was Dagmar Hoffmann-Axthelm nicht verschweigt. Beide klammerten sich aneinander, stützten sich, brauchten sich.

 

"So hatte er also diesen Rückenwind, diese Geborgenheit in der Ehe und inner­halb dieser konnte er tief hinab in seine eigenen Abgründe steigen und so wunderbare Sachen schreiben wie den Zyklus nach Eichendorff, op. 3, wo ich ja versucht hab, das Zwielicht, dieses Lied, das davon handelt, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint, (zu deuten) ... und dass man am Schluss nur vor sich selber steht und in seiner Einsamkeit. Und wie er das formuliert mit dem Schluss, den er als Rezitativ gestaltet, und diesem Rezitativ folgt ja normalerweise eine Arie, aber da kommt nichts mehr. Ich denke, Schumann war so ambivalent, einerseits konnte er schwärmen, und andererseits konnte er zutiefst in Depressionen versinken, und das kann er auch in seiner Musik."

 

Das Schumann-Buch von Dagmar Hoffmann-Axthelm – das die Persönlichkeit wie die Musik Schumanns gleichermaßen ins Visier nimmt, ist nicht nur die differenzierteste Beschreibungen des Innenlebens des Komponisten, die man bisher lesen konnte, es liefert aus Sicht der Psychologie auch einen Schlüssel zum besseren Verständnis der Musik Schumanns. Wer dieses Buch gelesen hat, und es geht unter die Haut - hört die Musik Schumanns mit anderen Ohren als vorher.

 

Beiträge in SWR 2 und im MDR (2010)

 

 

Zur weiteren Information:

 

Caspar Franzen: Robert Schumann: "Qualen fürchterlichster Melancholie"

Ein pathographischer Beitrag zum 150. Todestag des Komponisten.

Dtsch Arztebl 2006; 103 (30): A 2027-9