Chris Walton Lügen und Erleuchtungen

Dieter David Scholz

 

 

Inspirationslegenden sind mit Vorsicht zu genießen

 

Chris Walton: „Lügen und Erleuchtungen“

Königshausen & Neumann 183 S., 29,80 Euro

 

 

Wie Richard Wagner in seiner autobiographischen Skizze berichtet, habe er auf seiner aben-teuerlichen Flucht aus Riga nach Paris 1839 an Bord eines kleinen Segelschiffs, während einer stürmischen Überfahrt, die Eingebung zu seiner Oper „Der Fliegende Holländer“ gehabt. Das Naturerlebnis habe ihn zu Musik inspiriert, so wie später die Geburt seines Sohnes Siegfried zum „Siegfriedidyll“, ein Traum in einem Hotelzimmer in der ligurischen Stadt La Spezia zum „Rheingold“-Vorspiel oder der Karfreitag zum „Parsifal“. Dass es sich dabei um ein Geflecht von Halbwahrheiten, Lügen und Andeutungen handelt, hat Wagner gegenüber seiner Gattin Cosima eingestanden, die es in ihren Tagebüchern vermerkte. Er wusste, dass das Publikum die „Geburtsschmerzen“ des Künstlers gern kennen will. Darüber hinaus verklärte er als ge-lehriger Schüler Schopenhauers Komponieren durch die „schöpferischen Aspekte des Träu-mens, des Schlafwandelns“ und „tranceähnlicher Zustände“, wie Walton schreibt. Klug kal-kulierend habe Wagner Inspirationslegenden in die Welt gesetzt. Chris Walton nimmt den Fall Wagner zum Anlass, in seinem Buch anhand von 4 weiteren Fällen die Doppelrolle des Kom-ponisten und Selbst-Exegeten darzustellen. Er beruft sich dabei auf den Musikwissenschaft-ler Carl Dahlhaus, der einmal betonte, „dass eine Selbstauslegung des Autors nicht das letzte Wort über ein Werk darstellt.“

 

 

Am Beispiel des letzten vollendeten Werks von Alban Berg, seinem Violinkonzert, macht Chris Walton deutlich, wie fragwürdig es ist, Inspirationslegenden auf den Leim zu gehen, oder um es allgemeiner zu formulieren, Parallelen zwischen Leben und Kunst zu ziehen. Alban Berg hatte sein Violinkonzert ‚dem Andenken eines Engels‘ gewidmet und ließ ver-lautbaren, dass es inspiriert worden sei vom Tod Manons, einer früh verstorbenen Tochter Alma Mahlers. Doch Bergs Inspirationslegende hatte, so betont der Autor, nichts als die kal-kulierte Vermarktung des Werks im Auge. Sie gab einen ansprechenderen Titel des Werks ab, als wenn das Auftragswerk beispielsweise „Dollar-Konzert“ betitelt worden wäre. Ganz be-wusst habe Berg versucht, die „emotionale Reaktion seines Publikums zu manipulieren“, so liest man.

 

Wilhelm Furtwängler war einer der berühmtesten und gefragtesten Dirigenten seiner Zeit. Für seine komponistische Begabung, die er in seiner Jugend unter Beweis stellte, blieb während seiner dirigentischen Karriere keine Zeit mehr. Erst als Furtwängler öffentlich den von Hitler verabscheuten Komponisten Hindemith und dessen Musik verteidigte, was dazu führte, dass er von den Nazis zeitweise zur persona non grata erklärt wurde und daraufhin all seine offiziellen Ämter niedergelegte, begann er wieder zu komponieren. Konflikte dienten ihm offenbar als kreativer Stimulus, schöpferische Pausen und Blockaden zu durchbrechen. Am Beispiel von Wilhelm Furtwängler macht Chris Walton deutlich, dass politische Reibungspunkte und Karriere-Konflikte Anstöße zu Inspiration und schöpferischer Aktivität sein können.

 

Die „Vier letzten Lieder“ gehören zu den letzten Werken, die der hochbetagte Komponist Richard Strauss durch seinen nahenden Tod inspiriert, zu Papier gebracht habe, wie er selbst immer wieder öffentlich bekundete. Mit schonungslos entzaubernder Sachlichkeit stellt Walton dar, wie Richard Strauss schon in den Vierzigerjahren zunehmend damit beschäftigt war, „seinen Platz in der Musikgeschichte zu sichern“, mit Werken der selbstreferenziellen Rückschau. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so liest man, habe der aufgrund seines opportunisti-schen Verhaltens in Nazideutschland diskreditierte Strauss all seine prominenten Kontakte bemüht, um in die Schweiz zu fliehen, wo er allen Anfeindungen entgehen und von dort aus neue Einnahmequellen erschließen wollte, nachdem wegen seiner Kollaboration mit den Nazis seine Tantiemeneinnahmen vorübergehend gesperrt wurden. Strauss habe, so schreibt Chris Walton, immer schon gewusst, was und wie er sich am besten verkaufen würde. Und so schrieb er, nach wie vor auf großem Fuße lebend, allerhand Neukompositionen der Rückschau und neue Arrangements früher komponierter Werke, für die er wie beispielsweise im Falle der neuarrangierten „Rosenkavalier“-Walzer, horrende Honorare erhielt, wie man nachlesen kann. Strauss ist für Walton das Paradebeispiel dafür, wie knallhartes wirtschaftliches Kalkül in die Welt gestreute Legenden von Alter, Resignation und Todesnähe als Inspiration vortäuschen können.

 

„Es sind oftmals dieselben Menschen, die Schöpfer einer Partitur von immenser Komplexität sind, jedoch zugleich danach trachten, ihr eine Interpretation aufzudrängen, die aber so ober-flächlich ist, wie die eigentliche Partitur komplex.“ So lautet die Kernaussage von Chris Wal-ton. In seinem Buch macht er deutlich, dass jede Diskussion musikalischer Inspiration, die sich ausschließlich auf deren „außer-bewusste“, „außerrationalen Aspekte“ beschränkt, zwangsläu-fig in die Irre führt. Ohnehin sei Inspiration ein Begriff des 19. Jahrhunderts, vorher sei er nahezu unbekannt gewesen. Nach dem Ersten Weltkrieg habe Hans Pfitzner - die Ansichten des 19. Jahrhunderts noch einmal zusammenfassend - „als selbsternannter Wächter dessen, was er als die Ideale von Schopenhauer und Wagner ausmachte“, Inspiration als „das Wesen der Musik als schöpferische Kunst“ an sich bezeichnet. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Verlöschen von Pfitzners Generation, so macht Walton deutlich, fanden die Diskussionen über „Inspiration“ ihr Ende. Walton zitiert Theodor W. Adorno, der 1949 in seiner „Philo-sophie der Neuen Musik“ postulierte: „Der Einfall ist keine psychologische Kategorie, keine Sache der Inspiration, sondern ein Moment des dialektischen Prozesses, der in der musika-lischen Form sich ereignet.“ Eingebung, Erfindung, Einfall oder Inspiration: Die Begriffe werden von Chris Walton in ihrer historischen Entstehung und Verwendung ausführlich be-handelt. Und, so das Fazit des außerordentlich lesenswerten Buches, sie sind mit Vorsicht zu genießen, denn oft genug erweisen sich angebliche Erleuchtungen als bloße Lügen.

 

 

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