Carner: Puccini

Dieter David Scholz

 

 

Mosco Carners Standardwerk über Puccini endlich in deutscher Übersetzung

Mosco Carner: Puccini

Biographie. Aus dem Englischen Übersetzt von Anna Wheill

Hrsg. von Gerhard Allroggen

Suhrkamp Verlag 1996, 880 Seiten, DM 78,00

 

Giaccomo Puccini, über den Kurt Tucholsky das Bonmot pägte, er sei der „Verdi des kleinen Mannes“, ist nach wie vor in umstrittener Komponist unseres Jahrhunderts, obwohl sich sein Werk längst als unerschütterlicher Kern des Opernrepertoirs auf den Bühnen der Welt etabliert hat. Einer der kompetentesten Kenner und Fürsprecher der Oper Puccinis war der aus Wien stammende, seit 1933 in London lebende Musikschriftsteller Mosco Carner. Er hat 1958 das bis heute gültige Standardwerk über Puccini geschrieben. Nach über 30 Jahren liegt es jetzt endlich auch in deutscher Sprache vor!

 

 

 

 

Natürlich ist seit dem Jahre 1958, dem Datum der Ersterscheinung der „Critical Biography“, so der Originaltitel des Puccini-Buches von Mosco Carner, eine Menge über den Komponisten nachgedacht und publiziert worden. Darunter ernstzunehmende sozialgeschichtliche Arbeiten wie etwa die von Dieter Schickling. Aber eine so umfassend materialreiche, profund das Werk und die Vita auslotende „kritische Biographie“, wie Mosco Carner sie vor mehr als 30 Jahren vorlegte, ist bis heute nicht wieder geschrieben worden. Das allein rechtfertigt - allen neueren Erkenntnissen der Puccini-Forschung zum Trotz - die längst überfällige deutsche Übersetzung des Standardwerks! Zumal die Grundlage der von Anna Wheill sorgfältig übersetzten Ausgabe die dritte Auflage von 1992 ist, die sieben Jahre nach dem Tod des Autors in London erschienen ist, eingearbeitet sind Verbesserungen, die sich Mosco Carner in seinem Handexemplar notiert hatte, aber auch zusätzliches Material aus seinem Nachlaß. Nicht zu reden von den vielen, aufschlußreichen Briefen, die zitiert werden.

Was das im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Buch über seinen praktischen Nutzen als Nachschlagewerk hinaus so bemerkenswert macht, ist die Tatsache, daß hier Puccini nicht nur als kettenrauchender Dandy mit Automobiltick und Jagdleidenschaft, nicht nur als casanovahafter Weiberheld einer neureichen Bohème dargestellt wird, sondern als ernsthafter, zweifelnder, selbstkritischer Künstler der Moderne, der hartnäckig um jedes musikalische Motiv, jedes Wort eines Librettos gerungen hat. Der erste Teil des Buches widmet sich der präzise recherchierten Biographie. Im zweiten Teil durchleuchtet Mosco Carner tiefenpsychologisch versiert Puccinis skrupulöse Mutterbindung und seine geradezu zwanghafte Verinnerlichung eines spezifisch italienischen katholischen Wertesystems, das in der Kreierung von exorbitanten Frauengestalten auf der Opernbühne seine lustvolle Überwindung erfährt: Tosca, Giorgetta, Schwester Angelica und Magda, um nur einige seiner Bühnengestalten zu nennen, sie alle - so verdeutlicht der Autor - werden für ihre unkonven-tionellen, emanzipatorischen, ja antibürgerlichen Lebensweisen, für die gelebte „freie Liebe“ vor allem, bestraft und auf der Bühne getötet. Mit der Formel „Mutter gegen Frau“ bringt Mosco Carner diesen Kernkonflikt fast aller Puccini-Stücke auf einen einfachen Nenner. Wie er das im Detail belegt und erklärt, ist noch immer höchst lesenswert! Und wer sich für die musikalische Umsetzung interessiert, für den hält der dritte Teil des Buches ausführliche Werkanalysen und Inhaltsangeben bereit, die durch die Gegenüberstellung von komponierten Alternativen, aber auch Erst- und Zweitfassungen weit über das hinausgehen, was man etwa in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters nachlesen kann. Da der vielbelesene Mosco Carner erfreulicherweise nie in die Sprache und den Darstellungsstil des trockenen Fachwissenschaftlers verfällt, dürfte die Lektüre seines Buch sowohl den Kenner der Materie als auch den interessierten Laien befriedigen. Der Mensch, der Künstler, das Werk: die Kapitelüberschriften der drei Teile dieses Wälzers halten, was sie versprechen, man wird umfassend informiert über das schillernde Phänomen Puccini. Ohne Übertreibung darf man konstatieren: dies Buch offeriert das Beste, was es derzeit in Sachen Puccini zu lesen gibt!

 

 

MDR-Kultur