Burger: Liszt in Rom und Tivoli

Liszts Rom - der römische Liszt - ein Prachtband

Ernst Burger: „Franz Liszt. Die Jahre in Rom und Tivoli“.

Schott Verlag, 232 Seiten, 49, 95 €

Dieter David Scholz

 

 

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Im kommenden Jahr (am 22. Oktober) jährt sich Franz Liszts Geburtstag zum 200. Male. Aber schon jetzt ist ein opulent ausgestattetes Buch erschienen, das gewiss zu den schönsten Büchern über Liszt gezählt werden darf. Der Autor ist der Biograph Ernst Burger, der bereits Dokumen-tarbiographien über Schumann und Chopin veröffentlichte. Sein Buch stellt einen wesentlichen Teil des Liszt-Lebens so deutlich da, wie nie zuvor: Liszts Jahre in Rom und Tivoli.

 

Im Jahre 1877 schrieb Franz Liszt die „Wasserspiele der Villa d´Este“, eines seiner späten Klavierstücke, die bereits die Klangsprache eines Debussy und Ravel vorwegnehmen. Die Villa d´Este, östlich von Rom, war neben der Ewigen Stadt der Hauptaufenthaltsort Liszts in den letzten 25 Jahren seines Lebens. Von 1861 bis 1869 lebte Liszt ohne Unterbrechung in Rom, und von 1869 an jeweils etwa ein Drittel des Jahres, den Rest verbrachte er in Weimar und Budapest. Ernst Burger bemerkt zurecht in seinem Buch: „In der Liszt-Literatur findet dies gewöhnlich nicht die gebührende Beachtung. Dabei entstanden „fast alle seine religiösen Werke und viele seiner neuartigen, teils verstörenden späten Klavierstücke. In Rom empfing er die Niederen weihen, wurde so zum Weltkleriker und zur uns heute vertrauten Gestalt des Abeé Liszt“ in Soutane mit weißer Künstlermähne.

 

Als Liszt 1861 Weimar verließ, hatte er zunächst nicht vor, sich in Rom niederzulassen. Doch die Schönheit der Stadt, das milde Klima, der Umgang mit den zahlreichen Künstlern, Gelehrten, Diplomaten und Klerikern ließ in ihm den Entschluss reifen, nicht nur den Winter dort zu verbringen, sondern dauerhaft Quartier in Rom aufzuschlagen. Zumal ihm Rom bot, was ihm Weimar vorenthielt: großes weltläufiges Gesellschaftsleben, viele aristokratische Familien mit schönen Frauen und prächtige Salons, wie er sie aus Paris kannte. Last but not least: Liszts römischen Wohnungen sind spektakulär: „Die Aussicht von seinem Arbeitszimmer im Kloster Madonna del Rosario am Monte Mario wird in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts oft als der schönste Blick auf Rom beschrieben, später ist es sein Appartement im Vatikan direkt neben den Loggien des Raffael, dann Santa Francesca Romana mitten auf dem Forum Romanum und schließlich die Villa d´Este in Tivoli.“

 

„Rom wurde mit zur bedeutendsten Wohnstätte seines Lebens und auch seiner Illusionen“ schreibt Ernst Burger über Liszt. Und er belegt es mit geradezu verschwenderischer Fülle historischer Abbildungen aus dem Rom der Liszt-Zeit, denen er heutige Photographien gegenüberstellt. Nebst vielen Photographien des Komponisten und der Menschen, aus seiner Umgebung. Das großformatige, aufwendig gestaltete Buch ist schon deshalb ein prachtvolles Bilderbuch über Liszts Rom, es ist aber auch und vor allem eine vorzügliche Dokumentation über den römischen Liszt, denn Burger hat zwischen die photographischen briefliche und autobiografische Doku­mente von Liszt und seinen Zeitgenossen eingebettet, Dokumente, die fast ausnahmslos bisher unveröffentlicht waren, so wie viele der historischen Photographien in diesem Buch zum ersten Mal publiziert wurden.

 

Franz Liszt, das sich selbst entfremdete, zum Wunderkind gedrillte Wesen, einer der größten Pianisten des 19. Jahrhunderts, das quer durch Europa reiste, um ausgerechnet in Weimar als Hofkapellmeister Ruhe zu suchen, fand sie erst in der „Ewigen Stadt“ und in der Abgeschiedenheit des Garten- und Wasserspiel-Paradieses Tivoli. Rom bot Liszt einerseits die Gesellschaft, die sein Geltungsbedürfnis benötigte, und er ließ sich von ihr gebührend feiern, zugleich bot Liszt die Stadt Rom beste Gelegenheit zu jener – schon früh angelegten, religiösen Weltflucht, derer der nervöse Künstler bedurfte. Was Wunder, dass er sich in Rom zum Abbé weihen ließ, wohl bemerkt, zum Weltgeistlichen ohne Keuschheitsgelübde. Denn ganz ohne Frauen ging es nun mal in Liszts Leben nicht.

 

Auch wenn Liszt allerhand geistliche Musik komponierte, und die Soutane trug, er war kein zweiter Palestrina. Liszt war zum Dienst im Vatikan ebenso wenig geeignet wie als Leiter der sixtini­schen Kapelle. Die Dinge standen zur Debatzte. Sein letzter Lebensabschnitt zwischen Salon und Klosterzelle ist voller Widersprüche. Wie sein kompositorisches Werk. Die Dokumentation von Ernst Burger – der eine CD mit Klavier­stücken in der Interpretation von Alfred Brendel beigefügt ist – veranschaulicht beispielhaft diese Zwiespältigkeit! Der Leser kann sich so sein eigenes Bild machen vom schillernden Faszinosum Liszt. Ein Faszinosum war er allemal. Man kann ernst Burger nur zustimmen: „Liszt-Gegner kann man nicht und Liszt-Anhänger braucht man nicht zu überzeugen“. Dieses Buch beweist es.

 

 

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