Bermbach Chamberlain. Kiesewetter Wagner Hitler

Dieter David Scholz

 

 

 

Udo Bermbach hat eine erste, sehr differenzierte, verdienstvolle Chamberlain-Werkbiographie vorgelegt.

 

Hubert Kiesewetter zieht dagegen eine direkte Linie von Wagner zu Hitler

 

 

Cosima, die Wagner-Witwe empfand sich als Hüterin des Grals in jenem Tempel, zu dem sie die Bayreuther Festspiele nach Wagners Tod gemacht hatte. Winfried Schüler hat schon 1971 darauf hingewiesen: Was Wagner „an Ursprünglichkeit, an Größe und Ungebundenheit des Denkens besitzt ... verengt sich bei den Jüngern des Bayreuther Kreises“, das sind Cosimas Hausautoren der Bayreuther Blätter, „zum Dogma, zur Formel, zum Programm. Zugleich mündet es ein in einen breiten Strom ähnlich gestimmter Erneuerungsbestrebungen." Zu ergänzen wäre, daß wesentliche Elemente des Wagnerschen Denkens von den Autoren des Bayreuther Kreises, wie auch von den späteren nationalsozialistischen Wagner-Schrift-stellern ignoriert wurden, beispielsweise Wagners utopisch-sozialistische Ansichten, sein altersradikaler Pazifismus, seine rebellischen Züge, sein Kosmopolitismus, seine kritischen Äußerungen über Deutschland und die Deutschen, aber auch Wagners Mißtrauen gegenüber der deutschen Staatsmacht und dem Machtstaat an sich. Wagner wurde von seiner Witwe Cosima und den Mitarbeitern ihrer Hauszeitschrift idolisiert zum Religionsgründer eines germanischen, antisemitischen, völkischen Christen- und Deutschtums. Damit machten sie sich zu den geistigen Wegbahnern des Nationalsozialismus.

 

In der Person des Publizisten und Privatgelehrten Houston Stewart Chamberlain, „der in England geboren wurde, in Frankreich aufwuchs und sich danach kulturell an Deutschland assimilierte“, der durch die Heirat mit Cosimas Tochter Eva zum Schwiegersohn Wagners und engsten Vertrauten Cosimas wurde, fand jener Bayreuther Geist prominente Unterstüt-zung. Denn Chamberlains monumentaler, in schwindelerregenden Auflagen erschienener Bestseller „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, eine publikumswirksame geschriebene Melange aus phantastischen Rassentheorien und stupendem Kulturwissen, hatte auf Kaiser, Politiker und Intellektuelle, vor allem auf die völkische Rechte großen Einfluß ausgeübt. Chamberlain galt im Kulturleben des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts als anerkannte Autorität. Dass er, wenn auch erst sehr spät, schon alt und krank, für Hitler schwärmte, obwohl er von ihm und seiner Bewegung kaum etwas wußte, galt als Ritterschlag. Die Nazis schlachteten dieses Bekenntnis weidlich aus. Nicht zuletzt deshalb gilt Chamberlain bis heute als entscheidender Vordenker des Nationalsozialismus. Dass diese Einordnung zu kurz greift, macht der Politologe und Wagnerkenner Udo Bermbach in seiner weit ausholenden und äußerst sachlichen Werkbiographie deutlich, indem er die bedeutenden Differenzen zwischen dem Antisemitismus und Rassismus Chamberlains und dem der Nationalsozialisten akribisch nachweist. Auch die Vielseitigkeit des erfolgreichen Publizisten, der ja nicht nur über Wagner, Juden und Germa-nen, sondern auch über Kant, Goethe und protestantische Theologie schrieb, wird von Bermbach ausführlich im zeitgenössischen Kontext dargestellt und analysiert. So differenziert hat sich bisher noch kein Wissenschaftler mit diesem einflussreichen Autoren und Meinungsmacher zwischen Wagner und Hitler befasst. Auch wenn Hitler gesagt haben soll, Chamberlain habe das Schwert geschmiedet, mit dem der Nationalsozialismus gewonnen habe, macht Bermbach doch deutlich, dass das Denken dieses belesenen und gebildeten Privatgelehrten keineswegs „in der vulgären Ideologie des Hitlerismus“ aufging: „Manches lieferte Stichworte und auch Inhalte. Aber es gab auch widerständige Überzeugungen, die sich mit der NS-Ideologie kaum in Übereinstimmung bringen ließen“, so liest man. Aber weil „viele seiner Begriffe unscharf und semantisch schillernd waren“, hatten sie für große Teile des deutschen Bildungsbürgertums eine Mittlerfunktion , da sie sich mit der Unschärfe mancher Ideen des Nationalsozialismus gut verbinden ließen.

 

Houston Stewart Chamberlain war, so ist Einem nach der Lektüre der mehr als 600seitigen, respekteinflößenden und konkurrenzlosen Arbeit Bermbachs klar, nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Vordenker jener völkisch-nationalsozialistischen Ideologie, aber nur, weil er selektiv rezipiert in die nationalsozialistische Ideologie einverleibt werden konnte. Ein Rezeptionsmechanismus, der schon für Richard Wagner zutrifft. - Im Gegensatz zu Udo Bermbach läßt es Hubert Kiesewetter an jener Differenziertheit mangeln, die das Chamberlain-Buch auszeichnet. Er schlägt stattdessen wieder einmal in jene Kerbe der Rückschau aus der Perspektive Hitlers, jener moralisierenden wie zu kurz greifenden Ahnherrentheorie, die eine direkte Linie von Wagner zu Hitler zieht. Er ignoriert den für die Wagnerrezeption so typischen Prozeß der Verfälschung durch selektive Wahrnehmung und Vereinnahmung. Nur indem Hitler und die Seinen wesentliche Aspekte Wagners ausblendeten, ja ignorierten, konnten sie ihn benutzen. Es sei daran erinnert, was der israelische Historiker Jakob Katz schon in seinem 1985 erschienenen, sehr lesenswerten Buch „Richard Wagner. Vorbote des Antisemitismus“ (das Kiesewetter nicht zu kennen scheint) anmahnte. Angesichts der Flut von Veröffentlichungen die damals Wagner vom Holocaust, vom Deutschen Nationalismus der Kaiserzeit, von Chamberlain und von Hitler aus rückblickend interpretierten, betonte Katz: "Die Deutung Wagners "aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren." Es handele sich " ... um eine Rückdatierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerscher Ideen durch Chamberlain und Hitler in die Äußerungen Wagners selbst". Hubert Kiesewetter kann noch so sehr auf den Unterschied zwischen „individueller Subjektivität und transpersonaler Objektivität“ pochen (der im übrigen jeder Spekulation Tür und Tor öffnet). So unabsehbar folgenreich die Wirkung Wagners im 20. Jahrhundert war, und so groß verständliche Vorurteile und berechtigtes Unbehagen an Wagner auch sind: Wer eine direkte Linie von Wagner zu Hitler zieht, macht es sich zu einfach! Hitlers Antisemitismus schöpfte denn doch aus noch viel trüberen Quellen. Außerdem war der Wagnersche Antisemitismus in sich brüchig, widersprüchlich und stand teilweise im krassen Gegensatz zum aufkommenden Rassenantisemitismus seiner Zeit, mehr noch zu dem der Nazis. Kiesewetter ignoriert all dies und wirft denjenigen, die die komplizierte Wagnerrezeption angemessen darstellen vor, sie würden Wagner entschuldigen wollen. Mitnichten! Wenn man heute Wagner und seine Wirkung differenziert betrachtet, wird damit keineswegs Reinwaschung, „Entsühnung oder gar Erlösung praktiziert, was undenkbar wäre, sondern“ nur „historische Gerechtigkeit geübt", um mit dem Wagnerkenner Hans Mayer zu reden.

Das Buch von Kiesewetter ist ein Ärgernis, weil es den Ergebnissen von mehr als zwei Jahrzehnten der Wagnerforschung hinterherhinkt und Dinge behauptet, die längst widerlegt, korrigiert und vom Tisch sind!

 

Rezension u.a. für SWR 2