Barenboim. Naumann. Der Klang der Utopie

Dieter David Scholz

 

 

Daniel Barenboim / Mihael Naumann (Hrsg.)

Klang der Utopie. Vom West-Eastern Divan Orchester zur Barenboim-Said Akademie. Henschel Verlag, Leipzig 2018

 

Einzigartige Schule der Akzeptanz

 

Musik ist mit dem Leben eng verbunden, und ein wahrer Musiker muss im Leben stehen.“ Flucht vor der Realität in den Elfenbeinturm der Musik akzeptiert Daniel Barenboim nicht. Und er lebt es vor, nicht zuletzt mit seinem „Experiment in Uto-pie“, mit den weltweiten Aktivitäten des West-Eastern Divan Orchestra, das er vor fast 20 Jahren mit seinem Freund, dem mittlerweile verstorbenen palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward W. Said gegründet hat. Es ist die Reaktion auf „Schmerz und Empörung“ über „das menschliche Leid und die Ungerechtigkeit im Nahen Osten“. Barenboim betont: „Es ist ein Orchester im Exil, da wir im Nahen Osten überhaupt nicht akzeptiert sind, weder von den Israelis, noch von den Ara-bern.“

 

Seit 1948 schwelt der Konflikt zwischen den Völkern Israels und Palästinas. Barenboim weiß natürlich: „Musik kann keine physischen Grenzen sprengen. Aber Musik kann zeigen, dass der Kollege am Nachbarpult mir viel näher ist, als ich viel-leicht denke.“ 2016 eröffnete die Barenboim-Said Akademie in Berlin ihre Tore. In ihr ihren Workshops und Seminare „geht es primär darum zu lernen, einander zuzu-hören.“ Es ist der Versuch „die Menschen davon zu überzeugen, dass es für ihre Region keine militärische Lösung gibt und auch keine politische - nur eine mensch-liche.“

 

Das sehr engagiert geschriebene Buch veranschaulicht Daniel Barenboims Bekennt-nis: „Die Gründung der Barenboim-Said Akademie ist für mich die Erfüllung eines Lebenstraums“. Die Kombination von „musikalischer Ausbildung und humanisti-schem sowie geisteswissenschaftlichem Curriculum“ versteht sich als eine „Schule der Akzeptanz“, in der eine musikalisch-politische Idee, eben Barenboims Vision Wirklichkeit geworden ist. Ein einzigartiges Bildungsprojekt, in dem sich junge Menschen aus dem gesamten Nahen Osten und Europa begegnen, miteinander reden, sich zuhören und miteinander musizieren. Frank Gehry hat dieser besonderen Bildungsinstitution einen besonderen, architekt-onisch originellen, modularen Kon-zertsaal (mit umliegenden Räumlichkeiten für die Akademie) gebaut, der nach Pierre Boulez benannt ist. Schon im ersten Jahr zog der 2017 im ehemaligen Kulissendepot der Staatsoper Unter den Linden eröffnete Saal 85.000 Besucher in 150 Konzerten an.

 

Das von Michael Naumann, dem Rektor der Barenboim-Said Akademie heraus-gegebene Buch beschreibt den Weg der Gründung des außergewöhnlichen Orches-ters, der Akademie und der Entstehung ihres Konzertsaals in Fotos, Graphiken und Texten verschiedener Autoren. Es darf als Ideenprogramm, Bestandsaufnahme bis-heriger Erfahrungen und Dokumentation einer Ausstellung verstanden werden, die seit 2016 im Foyer der Akademie in der Berliner Französischen Straße zu sehen ist. Jeder kann sich dort dem „Klang der Utopie“ nähern, jenem Geist, der diese einzig-artige, „unabhängige Republik des West-Eastern Divan Orchestra“ durchpulst.

 

Artikel auch in "Das Orchester" (Schott)