Barbara Meier. Alban Berg

Dieter David Scholz

 

 

Alban Berg: Ein Lebensroman als Zeitbild

 

Barbara Meier. Alban Berg. Biographie

Königshausen & Neumann, Würzburg 2018,342 S., 36 ,- Euro

 

 

 

Anton Bruckner gehörte zu den regelmäßigen und gern gesehenen Gästen der Eltern Alban Bergs. Gelegentlich, so liest man, improvisierte er auf einer alten Pfeifenorgel aus dem Bestand der ehemaligen Hofbühne, die außer dem Bösendorfer Flügel im Salon der Bergs stand. Sie lebten großbürgerlich. Der Vater Alban Bergs, Leiter eines erfolgreichen amerika-nischen Import- und Exportunternehmens in Wien, sammelte Antiquitäten, Kunst und Ku-rioses. Im Hause Berg wurde Musik groß geschrieben. Barbara Meier, die bereits Biographien über Schumann, Verdi und Liszt veröffentlichte, liefert in ihrer neusten Publikation ein erzäh-lerisches Abbild des Berg-Lebens als Sinnbild des Künstlers schlechthin. Es handelt sich um ein durchaus gelehrtes Buch, aber man merkt es nicht. Es liest sich wie der Roman eines Ver-gessenen. Noch immer gehört Alban Berg, mehr als 80 Jahre nach seinem Tod zu den ver-gleichs-weise wenig porträtierten Komponisten der Moderne. Die letzte deutsche Berg-Biographie von Constantin Floros erschien 1992.

 

Bei aller belletristisch anmutenden Süffigkeit, mit der Barbara Meier zu erzählen und zu schreiben versteht: Wer Hintergrundinformationen und Quellen sucht, wird in mehr als 1000 Anmerkungen, Register und Bibliographie fündig. Barbara Meier spannt einen Bogen von der untergehenden K & K Monarchie bis hin zu Hitlers Aufstieg. Die Künstlerbiographie wird bei ihr zum Zeitbild, das individuelle Schicksal des Komponisten zum Spiegel allgemeiner Gesellschafts- und Kultur-, insbesondere Musikgeschichte.

 

Arnold Schönberg war einer der engsten Freunde Alban Bergs, wie Barbara Meier in ihrer Biographie schreibt. Man erfährt viel über die engen Freundschaften Bergs auch mit dem Musiktheoretiker Theodor W. Adorno, dem Komponisten Alexander von Zemlinsky und dem Dirigenten Otto Klemperer,um nur drei zu nennen, aber auch über die „Feindschaften“ mit dem einflussreichen Musikkritiker Julius Korngold (dem Vater seines komponierenden Kon-kurrenten Erich Wolfgang Korngold) und dem opportunistischen Dirigenten Clemens Kraus. Der Autorin gelingt es, in die Vita des liebeshungrigen, musikbesessenen und im Laufe seines kurzen Lebens (1885-1935) zunehmend kränker werdenden Komponisten eine so präzise wie allgemein verständliche Beschreibung seiner Musik zu integrieren. Die wichtigsten Werke Bergs werden kenntnisreich vorgestellt und erläutert. Barbara Meier ist nicht nur eine gute Biographin, sie versteht auch etwas von Musik. Im Zentrum des Buches steht, natürlich der „Wozzeck“, eine Oper, die wie keine andere zur Ikone der Moderne wurde.

 

Der mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 militant sich entwickelnde Antisemitismus wird zwar erst gegen Ende des Buches zum Thema, setzt der Berg-Biographie aber ihre Dornenkrone auf. Berg war Christ, wurde allerdings in Sachen Musik in einen Topf geworden mit den Juden, denn das „Judentum in der Musik“ war für die Nazis gleichbedeu-tend mit Atonalität und Neuer Musik schlechthin. - So wie diese Biographie mit einem Bild des Glücks, einer einfühlsamen Beschreibung der gutbürgerlichen Familie Berg beginnt, so schließt sie mit einem herzzerreißenden Bild des Unglücks. Die Autorin beschreibt detailliert den Tod des verarmten, isolierten Alban Berg infolge eines von seiner Frau geöffneten Furunkels, der zu einer Blutvergiftung geführt hatte. In einem Epilog würdigt Barbara Meier die zwei Jahre nach Bergs Tod, 1937 in Zürich uraufgeführte unvollendete zweiaktige Oper Lulu“. Sie wurde in ihrer von Friedrich Cerha komplettierten dreiaktigen Fassung erst 1979 von Pierre Boulez in Paris auf die Bühne gebracht. Die Oper „Lulu“, so Barbara Meier, sei Bergs Vermächtnis.

 

Rezensionen auch in „Das Orchester“ (Schott Verlag) & MDR Kultur