Alan Jefferson: Elisabeth Schwartzkopf

Dieter David Scholz

 

 

Alan Jefferson: Elisabeth Schwarzkopf (engl. Ausgabe), Victor Gollancz Verlag London, 285 S., EUR 43,85

 

Elisabeth Schwarzkopf: Karriere-Ehrgeiz im „Dritten Reich“,

hart gegen sich selbst, bewundernswert, aber unehrlich...

 

 

 

Es wäre nicht nur ungalant, sondern töricht, einer Achtzigjährigen die Fehltritte ihrer Jugend vorzuwerfen. Vorausgesetzt, sie selbst hätte längst Rechenschaft abgelegt und mit ihrer Vergangenheit aufgeräumt. Doch eben das hatte die große Elisabeth Schwarzkopf leider nie getan. Dabei hätte sie es sich leisten können! Daß jetzt eine vorschnell als Enthüllungsbuch gebrandmarkte, in England erschienene Biographie für Schlagzeilen in den Feuilletons sorgt, ist verständlich.

 

Was Elisabeth Schwarzkopf-Kennern längst bekannt war, zumindest als Gerücht, ist nun auch für die Öffentlichkeit schwarz auf weiß dokumentiert: daß auch die große alte Dame des Liedgesangs, die Meisterin subtilster Stimmfarben und maniriertester Gesangsper-fektion, daß auch sie verstrickt war ins schäbige Netzwerk der NS-Musikpolitik. Dabei geht es dem 72-jährigen Biographen Alan Jefferson, intimer Schwarzkopf-Kenner und langjähriger Freund ihres Mannes Walter Legge, nicht im geringsten darum, ein Idol zu zerstören oder ein lebendes Denkmal vom Sockel zu stoßen. Er will allenfalls darauf hinweisen, daß auch Elisabeth Schwarzkopf, noch 1992 von der Queen zur "Dame of the British Empire" geadelt, eben kein Beispiel dafür ist, daß die Musik eine hehre, eine unpolitische, eine "reine" Kunst sei.

 

Keine neue, aber doch immer wieder eine unbequeme, eine desillusionierende Einsicht. Weshalb die Enthüllungen Jeffersons in seiner - zunächst nur englischsprachig - veröffentlichten Biographie denn auch ein gewaltiges Blätterrauschen im Medienwald auslöste. Jeffersons respektvoll und fleißig recherchierte Biographie macht im Grunde doch nur an einem besonders prominenten Beispiel deutlich, daß auch außerhalb jedes Verdachts liegende Künstler der Versuchung opportunistischer Liebedienerei und politischer Mitläuferschaft im Dritten Reich nicht widerstehen konnten, wenn es um die eigene Karriere ging. Und die 25-jährige Elisabeth Schwarzkopf war 1940 fest entschlossen, Karriere zu machen. Veranlaßt durch den Medienrummel seit Erscheinen der Biographie, hat sie selbst öffentlich eingestanden, daß sie 1940 den Beitritt zur NSDAP beantragt habe, allerdings nur, "auf Verlangen der Intendanz des Opernhauses Berlin" sowie auf Wunsch Ihres Vaters, der seinen Beruf verloren habe, weil er nicht Parteimitglied gewesen sei. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn wie Jefferson hieb- und stichfesten belegt (er wertet zahlreiche Interviews, Memoiren, Berichte, historische Pressever-öffentlichungen, wichtige Theaterarchive und Material aus dem Berliner Document Center aus), war Elisabeth Schwarzkopf ein durchaus engagiertes Mitglied der Hitler-Partei und offenbar eine ergebene Dienerin Goebbels, der von ihrer Schönheit fasziniert war und ihr den Weg ebnete an die großen Bühnen, vor allem an die Wiener Staatsoper. Als Gegenleistung spielte sie Hauptrollen in NS-Propaganda-Filmen, unterhielt SS-Einheiten an der Ostfront und wurde Führerin in der NS-Studentenvereinigung. Das geht ohne Frage über eine zu entschuldigende "Formsache", die man als schlichte Überlebensnotwendigkeit abtun könnte, weit hinaus. Der Parteieintritt, das weiß auch Jefferson, war ein naheliegender Schritt für jeden Künstler im Dritten Reich, aber kein notwendiger! Als Beispiel nennt er die 110 Musiker der Berliner Philharmoniker, von denen lediglich acht in der Partei gewesen seien.

 

Bei aller Betroffenheit über die Enthüllungen der Mesaliance einer Karrieristin mit den Nazis, darf nicht übersehen werden, daß dieses dunkle Kapitel in Jeffersons Biographie nur eines von vieren ist, die das Buch ausmachen. In den drei übrigen hat der Biograph ein sehr detailliertes Bild der künstlerischen Entwicklung, aber auch der internationalen (kommerziellen) Karriere Elisabeth Schwarzkopfs gezeichnet, die vor allem durch den EMI-Produzenten Walter Legge initiiert wurde, der die bis heute unübertroffenen discographischen Schätze anlegte und die Sängerin, die seine Frau wurde, vom Koloraturfach, das sie in Berlin vor allem sang, zum Lyrischen und zum Liedgesang hinführte. Allein die minutiöse Auflistung sämtlicher Auftritte der Sängerin, von ihrem Bühnendebüt an der Deutschen Oper Berlin im Jahre 1938 als Blumenmädchen in Wagners "Parsifal" bis zu ihrem letzen Liederabend im Jahre 1979 in Zürich ist eine verdienstvolle biographische Fleißarbeit, die Respekt abnötigt. Respekt aber auch vor der harten Selbstdisziplin, die Elisabeth Schwarzkopf auszeichnet. Die Zahl ihrer monatlichen Bühnenauftritte, aber auch ihrer Rollendebüts in den Vierziger- und Fünfziger-jahren ist schlichtweg enorm. Keiner hat das bisher umfassender und detaillierter gewürdigt als Alan Jefferson. Schon deshalb wird man ihm kaum den Vorwurf einseitiger Anschwärzung machen können, zumal er sich selbst zu den Verehrern der Künstlerin zählt. Das Fazit der Lektüre ist bei aller Betroffenheit am Ende doch Hochachtung vor der beispiellosen Härte gegen sich selbst und der bewunderns-werten Leistungsfähigkeit einer Sängerin.

 

Daß es Allan Jefferson um biographische Vollständigkeit geht, also auch um ein bislang ausgeblendetes Kapitel in der Biographie der Schwarzkopf, wird man ihm nicht vorwerfen können, im Gegenteil. Es ehrt den Biographen. Im übrigen gilt für den Leser: wer an einer differenzierten Biographie interessiert ist, darf auch vor unangenehmen Entdeckungen, vor Schwächen und Schattenseiten des Porträtierten nicht erschrecken. Jeffersons Buch wartet mit vielen biographischen, anekdotischen und künstlerischen Fakten auf. Auch an interessanten Äußerungen der Schwarzkopf mangelt es nicht. Vor allem in ihrer Skepsis gegenüber Kollegen und Dirigenten nahm sie ja zuweilen kein Blatt vor den Mund. Daß sie ausgerechnet Herbert von Karjan (mit dem sie in den Fünfzigerjahren einige bis heute unübertroffenen Platteneinspielungen aufnahm), keine übermäßige Wertschätzung entgegenbrachte, verblüfft, wenn es auch nicht verwundert. Jeffersons Biographie ist ein lesenswertes Buch, dessen Übersetzung ins Deutsche man nur wünschen kann. Wem es statt um den Mythos Schwarzkopf, um ein ungeschöntes Bild der Sängerin geht, der wird an dieser Biographie nicht vor-beikommen. Daß die in künstlerischen Fragen durchaus selbstkritische Elisabeth Schwarzkopf nach dem Krieg vor den alliierten Spruchkammern jede politische Verstrickung mit den Nazis abstritt, durch Anwälte diese Falschaussage zwar entschuldigen ließ, aber bis heute ihr wahre Vergangenheit verschleiert, gereicht der großen alten Dame nicht zum Ruhme. Sie selbst hätte durch unheroisches Bekennen ihrer Zeitverstrickung, die so untypisch ja nicht war, allen biographischen Enthüllern ihrer "Jugendsünden" längst den Wind aus den Segeln nehmen und sich den menschlichen Imageverlust ersparen können. Ihre künstlerische Singularität wäre dadurch ebensowenig in Frage gestellt worden wie jetzt durch diese Biographie.

 

 

 

(Abgedruckt in „Opernwelt“ 1996, Heft 3., S. 49)