Volker Klotz: Es lebe die Operette

Dieter David Scholz

 

 

 

Volker Klotz: "Es lebe: Die Operette"

Anläufe, sie neuerlich zu erwecken

 

Er gilt als der Operetten-Papst schlechthin: der renommierte Literaturwissen-schaftler Volker Klotz, seit er 1991 sein „Handbuch einer unerhörten Kunst“ herausbrachte. Es ist die Bibel aller Operettenliebhaber, Operettenspezialisten

oder einfach nur an der Gattung ernsthaft Interessierten bis heute. Nun hat der Autor nachgelegt und im Verlag Königshausen & Neumann ein weiteres Buch

zum Thema veröffentlicht.

 

Wenn man historische Operettenaufnahmen wie etwa die mit Max Hansen aus der Uraufführungs-produktion des "Weißen Rössl" von Ralph Benatzky hört, dann fällt einem auf, wie rebellisch, wie ironisch und alles andere als spießig das ist, was man so Operette nennt. Die Operette ist eine verkannte, eine "unerhörte" Gattung, wie Volker Klotz schon in seinem Operettenhandbuch, das zuerst 1991 erschien, zurecht proklamiert. Die Misere heutiger Operette ist vor allem die Misere heutiger Operetteninterpretation. Das hat keiner bisher besser dargestellt als Volker Klotz, weshalb sein Klassiker denn auch bereits in zweiter, stark erweiterter Auflage vorliegt.

 

Inzwischen ist das öffentliche Interesse an Operette zweifellos gewachsen, dennoch muß die Operette nach wie vor gegen ungerechtfertigte Vorurteile ankämpfen, gegen Ahnungslosigkeit der Theatermacher wie des Publikums, wie Volker Klotz in seinem neusten Buch zum Thema beklagt. Wieder macht er sich stark für die „ebenso einzigartige wie vielfältige und lebenslustige Kunstgat-tung“. Diesmal nicht, indem er sie und viele ihrer Werke porträtiert und analysiert, sondern von der Seite des Praktikers, des Operettendramaturgen her, der wie das Publikum immer wieder leidvoll miterleben muss, „wie heutige Regisseure und Bühnenbildner zurückschrecken vor der hakenschla-genden Komik unverfälschter Operetten“ und wie die Operette „von der Regie gröblich unter-fordert“ wird. „Ängstlich und forsch zugleich verfehlen viele Inszenatoren den eigentlichen Gattungscharakter der schönen, frechen Unbekannten durch krampfhaftes Verheutigen“, so der Hauptvorwurf von Volker Klotz an die Operettenmacher.

 

Operettensänger sind im Idealfall keine Opernsänger. Doch werden Die Stücke heute meist in Opern-häusern gespielt. Und viele Opernintendanten zeigen sich gegenüber der Gattung Operette halbherzig, wo nicht starrsinnig, so beklagt Volker Klotz. Dass der Opernbetrieb imstande ist, seine eingeengten Spielpläne zu erweitern, habe man am Beispiel der Barockoper in den vergangenen Jahrzehnten erlebt. Warum, so fragt Volker Klotz zurecht, sollte das nicht auch bei der „nur vermeintlich rüden und vulgären Operette“ möglich sein? Deren beste Werke jedenfalls sind dramaturgisch wie musikalisch "aufsässige Bühnenstücke, die wider erstarrte und verhockte Lebenshaltungen" anrennen, so Klotz.

 

Jacques Offenbachs „Blaubart“ ist eines jener Werke, über die Klotz im zweiten Kapitel seines Buches „aus der Werkstatt“ plaudert. Für Volker Klotz ist Offenbach Urvater und Ausgangspunkt aller Operetten. Deshalb berichtet er ausführlich von einer Aufführung des Werks an der Wiener Staatsoper in der Spielzeit 2000/2001, bei der er als Produktionsdramaturg beteiligt war. Da wird anschaulich, wie schwer es ist, dieses durchtrieben Stück, das mit dem Ableben seinen Schabernack treibt und Politik wie Märchen gleichermaßen verspottet, glaubwürdig und zündend auf die Bühne zu bringen. Aber auch in dramaturgischen Werkstattberichten aus Bremen, Münster und Nordhausen wird deutlich, welchen Problem die Theater in Sachen Operette gegenüberstehen: Welche Textfassung nutzt man, muss man eventuell sogar neue Texte schreiben, wie macht man Zeitgebundenes heute verständlich, wie findet man die geeigneten Sänger, Dirigenten und Regisseure? Das gilt für Offenbachs „Blaubart“ wie für Suppés „Fatinitza“, Falls „Dollarprin-zessin“, Kálmáns „Bajadere“ und Straussens „Nacht in Venedig“.

 

Für alle diejenigen, die das Operettenhandbuch des Autors nicht gelesen haben, hat Volker Klotz im ersten Kapitel seines neuen Operettenbuches noch einmal einen „Steckbrief der Gattung“ verfasst, indem er noch einmal präzise und „aus mehreren Blickwinkeln“ beschreibt, „wie die Operette sich als… deutlich konturierte Gattung des heiteren Musiktheaters zu erkennen gibt“, als zumeist rebellische, subversive, antimilitaristische und obrigkeitswidrige Musiktheatergattung, die sich an ein breites Publikum wendet und seinen Bezug zu Lebenswirklichkeit und Lebensträumen des einfachen Volkes bekennt, in Wien wie in Berlin, in Paris wie in Madrid, wo sich die Operette in der Gattung der Zarzuela bis heute größter Beliebtheit erfreut.

 

Die Operette ist besser als ihr Ruf! Und das deutlich ansteigende Interesse des Publikums an Operette ist allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz unverkennbar. Das zu belegen ist Klotz auch mit seinem zweiten Operettenbuch an die Öffentlichkeit getreten und beweist einmal mehr, dass die Operette, ernstgenommen, alles andere als spießig ist. Spießig sind allerdings, wie er weiß, manche Regisseure und Inszenierungen. Doch das könne man ändern, so Klotz. Im dritten und letzten Kapitel seines Buches erläutert er, wie: durch Anheizung des Interesses der Verlage, der Rundfunk- und Fernsehanstalten, der Theater, aber auch der Hochschulen. Die Ausbildung geeigneten Sängernachwuchses müsse verbessert werden, so fordert Klotz

und die Versorgung mit zuverlässigem Aufführungsmaterial.

 

Dass sich etwas tut in Sachen Operette, ist unverkennbar. Bereits veranstaltete und für die Zukunft geplante Operettensymposien –Workshops und -Festivals in Wien, Dresden, Leipzig und im kommenden Frühjahr auch an Berlins Komischer Oper bezeugen es. Auch gibt es inzwischen ein internationales, viel beachtetes „Operetta Research Centre“.

 

„Es lebe: die Operette“. Volker Klotz wird nicht müde, es zu verkünden. Dem Mann ist nicht zu helfen. Aber seien wir ihm dankbar! Denn wer außer ihm setzt sich so vehement ein dafür, „den Gebrauchswert der europäischen Operette genussreich zu nutzen“ Gerade heute, wo alle Welt von Europa redet, so Volker Klotz, wäre die Operette als heiter-ironische Gattung von Musiktheater mit ichrem Bezug zu Alltagswirklichkeit und Politik willkommen. Die europäischen Bräuche, Tänze und Landschaften, die die Gattung Operette in ihren wiederzuentdeckenden Werken bereithält, sind so reizvoll, charakteristisch, farbenfroh und auch rhythmisch mitreißend, dass es zu schade ist, sie in den überfüllten Notenarchiven vermodern zu lassen.

 

 

Beiträge auch in MDR Figaro und in SWR 2