Rode-Breymann Alma Mahler-Werfel

Dieter David Scholz

 

 

 

Muse, Salondame, Nymphe, Circe von Wien

Susanne Rode-Breymann: Alma Mahler-Werfel. Eine verharmlosende Biografie

 

 

Sie gilt als Femme fatale, Alma Mahler, gebürtige Schindler. Mit zahlreichen bedeutenden Persön-lichkeiten des 20. Jahrhunderts war sie liiert. Sie war stets umstritten, sie wurde verklärt und verteufelt. Viel und kontrovers ist über sie geschrieben worden. Zuletzt hat Oliver Hilmes eine sehr kritische Alma-Mahler-Biografie mit dem Titel „Witwe im Wahn“ vorgelegt. Die Musikwissen-schaftlerin Susanne Rode-Breymann hat nun eine Biografie Alma Mahler-Werfels veröffentlicht, die sich erklärtermaßen zum Ziel gesetzt hat, ein "differenzierteres Bild" jener Frau zu zeichnen, als die meisten Biografen es unternahmen, einen sachliche Biographie jenseits des „männlichen Blicks“.

 

 

 

Als Muse Gustav Mahlers ging sie in die Musikgeschichte ein. Doch die Ehe war höchst problematisch, vor allem in erotischer Hinsicht, weswegen sie ihrem Gatten sogar eine Behandlung bei Sigmund Freud empfahl. Mahlers Frau soll, so wird einstimmig berichtet, sexuell unersättlich, wo nicht nymphoman gewesen sein. Was Wunder, dass Mahler nicht ihr einziger Lebens- und Liebesge-fährte war. Sie war eine der schillerndsten Salondamen ihrer Zeit. Wie keine zweite Frau warf sie sich prominenten Männern an den Hals - mit oder ohne Trauschein. Schon ihre drei Ehen mit weltbe-rühmten Männern wie dem Komponisten Gustav Mahler, dem Architekten Walter Gropius und dem Schriftsteller Franz Werfel, stempelten Alma Schindler zu einer einzigartigen Nymphe der Kulturgeschichte ab. Sie verdrehte vielen Männern den Kopf. Auch dem Komponisten Alexander Zemlinsky. Nicht ohne Grund wurde sie die „Circe von Wien“ genannt.

 

Alma Mahler-Werfel war eine Frau mit starken Ambivalenzen, um nicht zu sagen Antinomien. Glücksfall wie Gefahr für jeden Biografen. Zumeist wurde die leidenschaftliche, die erotisch hyperaktive Alma Mahler beschrieben, der “Vulkan“, wie der Werfel-Biograf Peter Stephan Jungk sie nannte. Dass Alma Schindler sich zu einer beispiellos verführerischen Frau entwickelte, die den Männern ihres Lebens nicht nur begehrte Geliebte war, sondern ihnen zugleich auch schonungslos einen Spiegel vorzuhalten verstand, der ihre Schwächen, Obsessionen und oft extremen politischen Ansichten enthüllte, markiert die Spannbreite ihrer Persönlichkeit, die sich kaum auf einen Nenner bringen lässt. Susanne Rode-Breymann belegt, sich auf eigene Quellenforschungen stützend, dass Alma Mahler-Werfel an den verschiedensten Orten der Welt – zwischen Wien und New York - einen beispiellosen, inspirierenden Einfluss auf eine wahrhaft illustre Reihe von Persönlich-keiten ausübte. Die Biografin bemüht sich um den Spagat, einerseits die Chronique scandaleuse der ehelichen wie außerehelichen Beziehungen Alma Mahlers in aller Deutlichkeit darzustellen, andererseits aber auch das enorme kulturelle Engagement einer Frau, die zahlreiche Künstler ihrer Zeit, darunter so berühmte Komponisten wie Arnold Schönberg und Alban Berg, ohne Eigennutz finanziell unterstützte und ihnen zu Aufführungen und Renomée verhalf.

 

Susanne Rode-Breymann beschreibt anschaulich das bunte, turbulente Leben einer unwöhnlichen Frau, die als Tochter eines Landschaftsmalers geboren, dreizehnjährig die Armut kennenlernte, als ihr Vater starb. Dass ihre Mutter den Maler Carl Moll heiratete, habe ihr die Tochter nie verziehen. Das Vater-Verlust-Traume sollte Alma ein Leben lang begleiten, so die Autorin. Kein Wunder, dass sie sich immer zu älteren Männern hingezogen fühl¬te. Auch zu so gefeierten Malern wie Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka. Alma Schindler betörte und verführte schon um 1900 Wiens Kulturgrößen reihenweise. Nur von wenigen Eskapaden liest man andeutungsweise in ihren Memoiren, die 1960 erschienen, in einer von mehreren Ghostwritern rigoros „frisierten“ Fassung. „Lasse bitte die ganze Judenfrage in der Versenkung verschwinden“ bat sie schließlich den für die deutsche Fassung beauftragten Willy Haas. Sie wolle keine Ehrenbelei-digungsprozesse haben, so lautete Almas Begründung dafür, dass ihre Tagebuchnotizen und Gefühlsprotokolle nur strenstens gefiltert publiziert sehen wollte. Die Alma-Mahler-Biographin Astrid Seele schrieb schon 2001: „Ihre autobiographisch behauptete Identifikation mit ihrer Musenrolle stellt nur einen letzten verzweifelten Versuch dar, selbst an ihre ganz persönliche Lebenslüge zu glauben und damit ihr Leben vor sich selbst zu rechtfertigen.“Bei dieser Selbst-stilisierung fiel ausgerechnet eines ihrer schäbigsten Persönlichkeitsmerkmale unter den Tisch: Ihr zutiefst wider-sprüchliches, einerseits bewunderndes, andererseits verachtendes Verhältnis zu allem Jüdischen. Ausgeklammert wurden ihre antisemitischen Bekenntnisse, Verleumdungen und Hasstiraden. Erst Oliver Hilmes hat in seiner Alma Mahler-Biografie von 2004 das ganze Ausmaß dieser zumeist vertuschten, alles andere als ruhmreichen Dimension der Mahler-Gattin aufgedeckt. Die Biografin Susanne Rode-Breymann dagegen – man kann es nicht anders sagen - verharmlost eben diese dunkle Seite der Alma Mahler-Werfel.

 

Die vielen Männergeschichten, Ehen, Trennungen, Todesfälle, aber auch politischen Wirren denen Alma Mahler-Werfel in ihrem langen Leben ausgesetzt war, vor allem die nationalsozialistische Schmähung und Enteignung, das Exil in Kalifornien und New York, die fortwährende Suche nach einem angemessenen Lebensort und die lebenslange Ident-itätssuche der innerlich Zerrissenen sind das Thema der detailreichen, weit ausholenden Biographie Susanne Rode-Breymanns. Die Autorin leitet an der Musikhochschule Hannover den Schwerpunkt „Musik und Gender“. Und es kann ihr der Vorwurf einer gewissen feministischen Parteilichkeit zugunsten der biografisch Dargestellten nicht erspart werden. Zwar ist ihrem Resümée nicht zu widersprechen: Alma Mahler-Werfel war eine der außergewöhnlichsten Frauen des 20. Jahrhunderts, „die Kultur mitgestaltet“ und „die es verstanden“ hat, allen Schicksalsschlägen zum Trotz, „sich immer wieder neu zu erfinden“.

 

Aber – mit Verlaub gesagt - doch immer nur auf Kosten ihrer Männer, die ihr ein kontinuierliches Leben auf stets ausgerolltem rotem Teppich und auf großem Fuß ermöglichten, und auf Kosten der Wahrheit, oder sagen wir der Ehrlichkeit! Eitelkeit und Selbststilisierung kennzeichnen die Persönlichkeit Alma Mahler-Werfels. Aber eben das kommt in der äußerst wohlwollenden Biografie Susanne Rode-Breymanns entschieden zu kurz. Sie ist, zugegeben, leicht lesbar und fasziniert in der fast romanhaften Darstellung des schillernden, kosmopolitischen Lebenspanoramas einer der umstrittensten Frauen des 20. Jahrhunderts. Doch dem mit Sympathie registrierten, selbstgesetzten Anspruch der Biografin wie ihres Verlags, dass Alma Mahler-Werfel jetzt endlich jene Gerechtigkeit widerfahren solle, die ihr so lange vorenthalten worden sei, wird das Buch bedauerlicherweise nicht gerecht.

 

 

Verschiedene Beiträge in MDR Figaro und DLF Musikjornal 2014