Heinemann: Richard Strauss

Dieter David Scholz

 

 

Das Leben im Werk

Über die Ambivalenzen des Richard Strauss

 

Michael Heinemann: Richard Strauss. Lebensgeschichte als Musiktheater

Dohr Verlag 2014, 204 S., 19,80 Euro

 

 

Schon der erste Satz von Heinemanns Buch macht klar, worum es dem Autor geht: „Strauss stört. Sein Erfolg ist ein Skandal. Nicht erst Salome wird zum Signum des Provokateurs, der im Kaiserreich aneckt und sich 30 Jahre später gemein macht mit den Nationalsozialisten.“ Heinemann durchleuchtet das Spannungsfeld „zwischen ästhetischem Anspruch und einer Konzilianz, die nicht zuletzt merkantik motiviert war“. Er legt die „Ambivalenz, die Strauss´ Persönlichkeit schillernd, mitunter gar suspekt erscheinen läßt“ frei und macht deutlich, das Strauss „in seinen Werken stets von sich und seiner Situation redet,“ allerdings nie unmaskiert, mitunter „nicht ohne Schalk, nicht selten gebrochen durch Modi des Ironischen“. Heinemann belegt dies anhand brillianter Einzelanalysen der Werke des Komponisten, sowohl seiner Sinfo-nischen Dichtungen, die er als „Vorspiel im Orchester“ begreift, als auch seiner Opern, die er chronologisch von „Guntram“ bis „Capriccio“ abhandelt. Er korrigiert manche Vorurteile und verblüfft immer wieder durch geistreiche Einsichten. Vor allem aber widerlegt das Buch alle Behauptungen, der Publikumsliebling Strauss sei ein Konservativer gewesen, denn Heimann macht deutlich, wie souverän Strauss „über Versatzstücke der Musikgeschichte“ verfügte und gerade „im Kontrast von Schönklang und beweglichem, dissonant-zerrissenen Tonsatz“ auch nach Salome und Elektra immer wieder provozierte mit einer hochdifferenzierten Musik, die seinen Libretti stets eine intelligente semantische Ebene hinzufügte. „Wenn es denn eine Konstante im Künsterleben Strauss´ gibt, so ist es diese: nicht seine Musik den Erfor-dernisssen der Gegenwart anzupassen, sondern die Gegebenheiten der Zeit in seinen Kompositionen zu reflektieren, einzuholen und schließlich aufzuheben in einer Perspektive ästhetischer Autonomie.“ Dies gelte nicht nur als Voraussetzung von Straussens Musiktheaterschaffen, sondern auch als „Legitimation selbst zu Zeiten der Barbarei.“ Der Autor bittet zwar um Nachsicht mit dem bewunderten Komponisten, streitet aber nicht ab, dass Strauss ein Künstler war, „der um seiner Kunst und auch des Profits willen fragwürdige Kompromisse mit Diktatoren einging und damit eine Hypothek auf sich lud, deren Last nicht mehr getilgt werden kann.“ Mit seiner unpolemischen, sachlichen und kenntnisreichen Lesart der Strauss-Werke vor dem Hintergrund des Strauss-Lebens gelingt Heinemann eine der differenziertesten Strauss-Darstellungen seit Langem. Sein Buch ist (neben dem kürzlich erschienenen Strauss-Handbuch) die luzideste und empfehlenswerteste Neuerscheinung im Straussjahr.

 

Rezension in „Das Orchester“ und "Üben und Musiziren" (Schott)